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Weltzustand Fukushima

In seinen "Thesen zum Atomzeitalter" von 1959 zieht der Philosoph, Literat und Essayist Günther Anders (1902-92) einen ungeheuren Vergleich: Die Drohung mit der Atombombe sei totalitär, sie verwandele die ganze Erde "in ein ausfluchtloses Konzentrationslager" – weil sich der atomare Fallout im Ernstfall nicht an Ländergrenzen halte und die Vernichtungskapazität der weltweit existierenden Bombenarsenale jede Zweck-Mittel-Relation sprenge. In der kettenreaktiven Logik von Erstschlag und Zweitschlag bedeutet das nichts anderes als: "Jeder kann jeden Treffen, jeder von jedem getroffen werden."

In diesem Sinn markierte der 6. August 1945 – der Tag des Abwurfs der ersten Atombombe – für Anders eine Epochenzäsur: "Hiroshima als Weltzustand". Seit diesem Tag sei die Menschheit in der Lage, sich selbst auszurotten; eine irreversible ‘Fähigkeit’, die in totaler Ohnmacht mündet.

Wie Recht der oft als enervierender Schwarzmaler attackierte Anders mit seiner frühen Warnung vor der Atomtechnik hatte – in die er ausdrücklich auch die ‘friedliche Nutzung der Kernenergie’ einbezog -, demonstrierte einer tatsächlich ohnmächtigen Weltgemeinschaft einmal mehr die Reaktorhavarie von Fukushima. Wieder ist eine jener "nuklearen Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin" (Anders) in die Luft geflogen. Und wieder ist die Weltgemeinschaft, bis auf eine Ausnahme, rasch zur atomaren Tagesordnung zurückgekehrt. Günther Anders hätte in diesem Fall gewiss "Apokalypseblindheit" diagnostiziert.

Doch nicht nur als Vordenker der Anti-Atom-Bewegung, auch als kritischer Theoretiker der Moderne, als Medienphilosoph avant la lettre, Dichter und Tagebuchschreiber ist Günther Anders bis heute immer noch ein lesens- und bedenkenswerter Autor. Wer ihn näher kennen lernen will, kann neben seinen Schriften aus dem Beck-Verlag nun auch wieder auf ein aus aktuellem Anlass bei Diogenes neu aufgelegtes Lesebuch zurückgreifen, darin ausgewählte atom- und fernsehkritische Texte, zahlreiche philosophische Fabeln und Aphorismen, Auszüge aus Tagebüchern sowie Günther Anders’ Briefwechsel mit dem als ‘Hiroshima-Pilot’ in die Geschichte eingegangenen Claude Eatherly, abgerundet von einem Interview aus dem Jahr 1979.

Günther Anders: Die Zerstörung unserer Zukunft. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Bernhard Lassahn. Zürich 2011, 352 S., 10,90 Euro.

Plaudern mit Plutarch

Um die Griechen steht es schlecht. Krise allüberall. Auch das antike Erbe ist in keinem guten Zustand. Obwohl kaum ein deutscher Satz ohne altgriechische Immigranten auskommt – „Ist doch logisch!“, „Wie lange hat die Apotheke geöffnet?“, „Technik macht’s möglich“, „Coole Grafik“, „Unsere Politiker sind doch alle Idioten…“ etc. pp.* –, beherrschen immer weniger Menschen die Sprache der Illias und der Odyssee. Der Zugang zu jener schier unerschöpflichen Quelle, aus welcher unsere Kultur bis dato schöpft, scheint heutigen Generationen zunehmend verschlossen. Kein Wunder, möchte man einwenden, steht das Altgriechische doch in dem schlechten Ruf, selbst Lernbeflissenen besonders hohe Hürden zu setzen. Davon abgesehen hat es für die polyglotte Generation Facebook wenig Nutzwert. Smalltalk-tauglich ist die Zunge Homers und Aristoteles’ jedenfalls nicht.

Christophe Rico dürfte das ein wenig anders sehen. Zusammen mit Emmanuel Vicart, Paul Morales und Daniel Martinez hat der Gräzist und Grammatikdozent ein Lehrbuch für Altgriechisch-Kurse und Selbstlerner entwickelt, das die sogenannte Koiné, das „allgemeine Griechisch“ (3./2. Jahrhunderts vor Chr. bis 3./5. Jahrhundert nach Chr.), so vermittelt, als handelte es sich um eine moderne – lebende – Fremdsprache.

Auf knapp 170 Seiten begegnen dem Eleven in Ricos Lehrwerk mit dem programmatischen Titel Polis zehn unterschiedliche Charaktere, in der Regel selbst Schüler oder Lernende, die statt seitenlanger Deklinationstabellen mehr oder weniger realistische Sprechsituationen mit alltagstypischem Vokabular offerieren. Die beigefügte Audio-CD ermöglicht zu Beginn einer jeden der insgesamt zwölf Lektionen das aus dem Fremdsprachunterricht bekannte „Einhören“. Erst danach erfolgt die (stille) Textarbeit. Grammatik-Übersicht, Übersetzungsteil und ein Lexikon mit Beispielsätzen runden den Band ab.

Wer ihn durcharbeitet, gewinnt ein elementares Verständnis des Altgriechischen und ist, so verspricht der Autor, nach zwei Jahren kontinuierlicher Übung in der Lage, einfache erzählende Texte auch ohne Lexikon zu lesen. Komplexere grammatische Phänomene wie Konjunktiv, Plusquamperfekt und Partizipien sind weiteren, geplanten Folgebänden vorbehalten. Fazit: Scheut man die Mühen der Ebene nicht (und ist man gewillt, den üppigen Preis von 42 Euro zu bezahlen), bieten Rico und Co. einen gleichermaßen intelligenten wie unterhaltsamen Einstieg in den Sprachkosmos der alten Griechen.

Christophe Rico (2011): Polis. Altgriechisch lernen wie eine lebende Sprache. Aus dem Französischen übertragen von Helmut Schareika. Hamburg, 301 S., 42,00 Euro.

*Einen informativen Überblick bietet das Buch von Friedrich Wolff und Otto Wittstock: Latein und Griechisch im deutschen Wortschatz.

Causa Guttenberg: Schattenwürfe auf das deutsche Wissenschaftssystem

Dirk Matten, in Düsseldorf promovierter Betriebswirtschaftswissenschaftler und Inhaber des Hewlett-Packard-Lehrstuhls für Corporate Social
Responsibility an der Schulich School of Business der York University in
Toronto, Kanada, hat einen distanzierten Ausblick auf die Causa Guttenberg. Eine solche Optik kann, wie man weiß, der Erkenntnis förderlich sein.

Und so weist Matten in einem lesenswerten Kommentar für Spiegel Online zu Recht darauf hin, dass bei aller Hähme, die ob seines akademischen Vergehens nun auf Herrn zu Guttenberg einprasselt, kaum jemand über die Beihilfe spricht, die das deutsche Wissenschaftssystem in der ganzen Angelegenheit geleistet hat.

Vielleicht sollte man das Exempel Guttenberg nicht nur zum Anstoß nehmen, über Wahrheit und Lüge in der Politik, das Promotionsansinnen von Politikerinnen (wie z.B. Kristina Schröder) und Wirtschaftsführern oder anti-intellektuelle Ressentiments der Bevölkerung zu debattieren. Es wird höchste Zeit, dass auch die Wissenschaft in sich geht: Doktorarbeiten, die von ihren Betreuern benotet, aber vielleicht nicht einmal gelesen werden, Graduiertenschulen, die im eigenen Saft schmoren, Gefälligkeitsgutachten für eigene Schützlinge etc. pp. desavouieren einen in Deutschland erworbenen Doktorgrad wohl nicht weniger als ein ministerielles Plagiat.

Causa Guttenberg – offener Brief an Angela Merkel

Während der Druck auf Bundesselbstverteidigungsminister zu Guttenberg beinahe stündlich wächst, und inzwischen auch hochrangige Wissenschaftsvertreter einen Betrüger nennen, was ein Betrüger ist, sammeln Deutschlands DoktorandInnen im Internet Unterschriften unter einen offenen Brief an Dr. Angela Merkel.

Darin wird der Kanzlerin in vorzüglichen Worten erläutert, was der Fall ist, warum Herr zu Guttenberg alle ehrlich Promovierenden und in der Wissenschaft Lehrenden verhöhnt und warum das ein Ende haben muss. Dem ist nichts hinzuzufügen außer der eigenen Unterschrift!

PS: Auch Promovierte und Habilitierte sind freundlich eingeladen, ihren Servus unter das Dokument zu setzen.

Goodbye academia!

Ein junger, erfolgreicher (Natur-)Wissenschaftler sagt der Wissenschaft schallend Adieu, holt sich sein Leben zurück – und trifft damit offenbar einen Nerv. In seinen Reflexionen angesichts der überwältigenden Reaktionen kommt er zu dem Schluss: "There is really something wrong with the ways of academic work out there". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer einem Imperativ: Lesen!

Bildungs(bananen)republik Deutschland

Nun hat sich auch die Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, zur Plagiatscausa Guttenberg geäußert. Sie habe keinen Wissenschaftlichen Mitarbeiter ins Kabinett berufen, sondern einen Verteidigungsminister. Das ist so richtig wie ehrenrührig. Wer es für kargen Lohn und ohne geregelte Berufsaussichten (nebenbei bemerkt: auch ohne ein Familienvermögen von rund 600 Mio. Euro im Rücken) mit der Wahrheit genau nimmt, darf sich von der promovierten Physikerin aus dem Berliner Regierungsviertel düpiert fühlen.

Jetzt wissen wir also, wie ernst es der Kanzlerin mit der "Bildungsrepublik Deutschland" ist, die sie vor wenigen Jahren vollmundig ausrief. Ihre Verachtung für das höchste Gut der Wissenschaft – deren handwerkliche Redlichkeit und den Anspruch unbedingter Glaubwürdigkeit – zeigt, dass es ihr nicht so sehr um Deutschlands Zukunft, sondern vor allem um die ihres eigenen Kabinetts bange ist.

Jede seriöse Hochschule ist bestens beraten, Plagiatsversuche bei Abschluss- und insbesondere bei Doktorarbeiten strengstens zu ahnden. Nichts weniger als ihr Renommee steht auf dem Spiel. Auch wenn große Teile der deutschen Bevölkerung in Guttenbergs Fehlverhalten eine lässliche Sünde sehen wollen: Wer in der Wissenschaft abkupfert, gefährdet nicht nur seinen akademischen Abschluss, er untergräbt die Grundfesten der Wissenschaft und ruiniert ihr Ansehen. Einer wettbewerbsbewussten Kanzlerin darf das nicht gleichgültig sein! Und all jenen, die durch ihr Statement herabgesetzt worden sind, auch nicht.

Fußnoten…

Der amtierende Bundesverteidigungsminister Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg steht derzeit wegen seiner 2007 an der Universität Bayreuth mit "summa cum laude" bewerteten juristischen Dissertationsschrift unter Plagiatsverdacht. Hat er oder hat er nicht – abgeschrieben, Anführungszeichen nicht gesetzt, Fußnoten vergessen?!

Dass Dr. Guttenberg ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit unterhält, ließ sich schon bei seinem Amtsantritt als Minister der Großen Koalition feststellen. Da gab er an, bereits reichlich Erfahrung als mittelständischer Unternehmer gesammelt zu haben und insofern bestens qualifiziert zu sein für das Wirtschaftsministerium eines Landes, dessen gern zitiertes ökonomisches Rückgrat bekanntlich aus lauter emsigen Mittelständlern besteht. Tatsächlich hatte "KT", wie Freunde und Fans den Freiherrn gerne nennen, nur das Guttenbergsche Hausvermögen verwaltet.

Dass es bei der Anfertigung seiner Dissertation nun jedoch derart krumm zugegangen sein sollte, wie weiland im Fall eines blaublütigen Kollegen, dem Hohenzollernprinzen Friedrich Wilhelm (der seinen akademischen Grad schließlich reumütig "zurückgab"), wollen wir zu Guttenbergs Gunsten nicht hoffen. Vielleicht hätte er vor Abgabe seiner Arbeit aber doch einfach mal bei seinem Großvater nachlesen sollen, wie das mit den Fußnoten so läuft…

Hörsaalmüdigkeit

„War es denn ähnlich mit den Müdigkeiten der Studienzeit? Nein. Kein Schuldgefühl mehr. Die Müdigkeit in den Hörsälen ließ mich mit den Stunden im Gegenteil sogar aufsässig oder aufbegehrend werden. Es war in der Regel weniger die schlechte Luft und das Zusammengezwängtsein der Studentenhunderte als die Nichtteilnahme der Vortragenden an dem Stoff, der doch der ihre sein sollte. Nie wieder habe ich von ihrer Sache so unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität; jeder, ja, jeder Bankangestellte, beim Hinblättern der, gar nicht seiner, Scheine, alle Straßenteerer in den Hitzeräumen zwischen Sonne oben und Teerkoch unten wirkten beseelter. Wie mit Sägemehl ausgestopfte Würdenträger, deren Stimmen keinmal von dem, was sie besprachen, in ein Schwingen des Staunens (des guten Lehrers selber über seinen Gegenstand), der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-nicht-Wissens gebracht wurden, vielmehr unablässig nur leierten, abhakten, skandierten – freilich nicht im Brustton eines Homer, sondern dem der vorweggenommenen Prüfung –, höchstens zwischendurch mit dem Unterton eines Witzelns oder einer hämischen Anspielung für Eingeweihte,
während es draußen vor den Fenstern grünte und blaute und dann schon dunkel wurde: bis die Müdigkeit des Hörers in Unwillen, der Unwille in Übelwollen umschlug.“

Peter Handke (1989): Versuch über die Müdigkeit, S. 9f.

Guten Appetit!

"Wie nun das viele Lesen und Lernen dem eigenen Denken Abbruch tut, so entwöhnt das viele Schreiben und Lehren den Menschen von der Deutlichkeit und eo ipso Gründlichkeit des Wissens und Verstehns, weil es ihm nicht die Zeit läßt, diese zu erlangen. Da muß er dann in seinem Vortrage die Lücken seines deutlichen Erkennens mit Worten und Phrasen ausfüllen. Dies ist es, was die meisten Bücher so unendlich langweilig macht, und nicht die Trockenheit des Gegenstandes. Denn wie behauptet wird, ein guter Koch könne sogar eine alte Schuhsohle genießbar herrichten, so kann ein guter Schriftsteller den trockensten Gegenstand unterhaltend machen."

Arthur Schopenhauer: Über Gelehrsamkeit und Gelehrte (Paralipomena).

Konkurrenz belebt das (schmutzige) Geschäft

"In jeder Form des Wettbewerbs gibt es gezielte Regelverstöße, und ihre Wahrscheinlichkeit wächst mit der Intensität des Wettbewerbs ebenso wie mit dem Erfolgsdruck, unter dem sich Teilnehmer sehen. Unerträglicher Erfolgsdruck ist das Motiv, das beispielsweise William Summerlin, die zentrale Figur des ersten in den USA berühmt gewordenen neueren Fälschungsfalls, neben anderem anführte: "Immer wieder wurde ich aufgefordert, Versuchsdaten zu publizieren und Projektanträge … zu erstellen. Dann kam eine Zeit im Herbst 1973, als ich keine neue überraschende Entdeckung vorzuweisen hatte und mir Dr. Good brutal eröffnete, daß ich ein Versager sei … So stand ich unter extremem Produktionsdruck …".

Vor allem im amerikanischen System der Forschungsförderung, wo schon seit langem die Erfolgsquoten von Förderungsanträgen konsistent niedrig sind, muß die Motivation, durch regelwidriges Verhalten zum Erfolg zu kommen, hoch eingeschätzt werden. Unter vergleichbarem Druck sehen sich mittlerweile auch in Deutschland viele, vor allem junge, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Neben der Versuchung zum gezielten Regelverstoß kann Wettbewerbsdruck auch zu Nachlässigkeit und mangelnder Sorgfalt führen.

Ein Kernstück wissenschaftlicher Methode ist aber der systematische Zweifel an den eigenen Ergebnissen. Experimente sollten gerade dann – und möglichst unabhängig – wiederholt werden, wenn sie das erhoffte Ergebnis bringen. Erfolgsdruck und Eile, das Bestreben, schneller als die Konkurrenz zu publizieren, sind eine Quelle schlecht abgesicherter Resultate und kommen in der Praxis weit häufiger vor als Manipulationen und Fälschungen."

Aus den Empfehlungen der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft".
Quelle: DFG.

Besorgniserregend

Besorgniserregend findet Hans-Werner Rückert, Diplom-Psychologe und Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU Berlin, eine aktuelle Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts. Fazit: Immer mehr junge Menschen werden aufgrund psychischer Erkrankungen behandelt – auch während ihrer Studienzeit.

Wegen mangelnder Verpflichtungen auf der einen, fehlender Strukturen und ausbleibender Unterstützung z.B. durch Professoren auf der anderen Seite kann gerade die "Lebensphase Studium" eine erhebliche Belastung für die Seele bedeuten, weiß Rückert. Zugenommen haben in den letzten Jahren neben Prüfungsängsten und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndromen daher vor allem Depressionen, aber auch schwere Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom. Rückert zufolge sind neben Zeitstress und Hektik (zu) hohe fachliche Anforderungen, die Ballung von Prüfungen, der fehlende Praxisbezug des Studiums und die unsicheren Berufsperspektiven der Bachelor-Abschlüsse dafür verantwortlich. Als belastend empfinden Studierende zudem die fehlenden gedanklichen Freiräume in verschulten Studiengängen, die auf “Employability” statt Persönlichkeitsbildung ausgerichtet sind.

Pikantes Detail: Durch die Einführung des neuen Studiensystems hat sich laut Rückert die Nachfrage in den Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen um ca. 20 Prozent erhöht! “Bologna” ist also nicht nur gescheitert, es macht zu allem Überfluss auch noch krank.

Personenkult

"Aus der Soziologie kennt man das Phänomen der Personalisierung: die unter den Bevölkerungen verbreitete Tendenz, entfremdete und verhärtete Verhältnisse, undurchsichtige politische Vorgänge dem Bedürfnis nach lebendiger Erfahrung dadurch, scheinbar, zurückzugewinnen, daß man sie durchs Verhalten einzelner Menschen erklärt und an diese sich hält. Die bei amerikanischen Wahlen gängige Suggestion, es gelte, den besten Mann zum Präsidenten zu wählen, ist der Prototyp jener Tendenz; ihr folgt auch die Illustriertensitte, irgendwelchen Prominenten, die für das reale Schicksal der Menschen nichts bedeuten, eine Publizität zu verschaffen, die vortäuscht, es hinge von den Hochgespielten und ihren privaten Affären wunders was ab, ohne daß das übrigens von den Konsumenten ganz geglaubt würde."

Theodor W. Adorno: Wien in dieser Jahreszeit. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 138, 10./11. Juni 1967. 

Publish or perish?

Seit Jahren wird in Deutschland an den Universitäten herumgedoktert. Zwischenstand: 2 Exzellenzinitiativen, 9 Elite-Unis, dutzende Promotionsschulen, mehr Internationalisierung – und Geldmangel, Überstunden, Karriererisiken wie eh und je. Schlecht geht es hierzulande vor allem dem Rückgrat des akademischen Betriebs: dem Mittelbau. Lehrverpflichtung, Lehrstuhlarbeit, heimlicher Zwang zur Habilitation, zu wenige Juniorprofessuren und der alternativlose Karriere-K.o mit Anfang 40 machen die Universitätslaufbahn zum Lebensrisiko.

All das ist hinlänglich bekannt. Eher halboffiziell, aber nicht weniger dringend reformbedürftig ist hingegen jenes Mittelbau-Problem, das gerne auf den griffigen Slogan “publish or perish!” – zu Deutsch: publiziere oder stirb – gebracht wird. Dahinter verbirgt sich der betrübliche Umstand, dass nur, wer möglichst eifrig viel bedrucktes Papier ausgestoßen (und dabei im Zweifelsfall eher Masse statt Klasse produziert) hat, sich auch an den Fleischtöpfen der Wissenschaft laben darf. Ohne eine ansehnlich lange Publikationsliste, gespickt mit reichlich Impact-Faktoren, keine Berufung zu höheren Weihen!

Die inzwischen gängige Praxis – das Schielen nach Output und Impact, Masse statt Klasse – stellt das wissenschaftliche Selbstverständnis auf den Kopf: Während man einst einen Artikel schrieb, um einen wichtigen Befund mitzuteilen, ist heute das Schreiben und Veröffentlichen in Zeitschriften häufig nur noch Selbstzweck bzw. Mittel der Karriereplanung.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Arbeitsweise von Forscherinnen und Forschern aus? Bleiben wissenschaftliche Neugier und ergebnisoffenes Arbeiten möglicherweise auf der Strecke, wenn Forschungsthema und -design immer schon mit Blick auf die Publizierbarkeit der Ergebnisse konzipiert werden? Und welche Rückwirkungen hätte dies auf das “Unternehmen Wissenschaft”?
Ein mehrstündiger Workshop mit anschließender Podiumsdiskussion geht diesen Fragen – und möglichen Antworten bzw. Lösungen – am 26. Oktober im KörberForum Hamburg nach. Ein ausführliches (vorläufiges) Programm findet sich hier. Anmeldungen werden von der Körber-Stiftung entgegengenommen.

Bad News

Der 6. August ist weltgeschichtlich betrachtet kein unschuldiges Datum. Vor 65 Jahren explodierte an eben diesem Tag die Atombombe über Hiroshima. Vor drei Tagen starb in New York der berühmte Historiker Tony Judt an den Folgen einer 2008 diagnostizierten Amyotrophen Lateralsklerose (an der auch sein Landsmann, der ebenfalls weltbekannte Physiker Stephen Hawking leidet).

Judt engagierte sich in jungen Jahren in der zionistischen Bewegung für den damals ebenso jungen Staat Israel, wurde später einer der schärfsten (und scharf attackierten) Kritiker der israelischen Palästinenserpolitik und setzte mit seinem opus magnum "Postwar", zu Deutsch: "Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart", bleibende Maßstäbe. Niemand vor ihm hat die lange Epoche des Kalten Krieges, die mit dem Abwurf der Atombombe beginnt und – laut Judt – 1989 endet, so klug und kenntnisreich, so souverän und inspirierend erzählt, wie der Gründer und Leiter des renommierten Remarque Institute zum Studium der amerikanisch-europäischen Beziehungen.

Tony Judt verkörperte – profiliert und streitlustig – den typisch "alteuropäischen" Intellektuellen, gepaart mit angloamerikanischer Klarheit. Er schätzte Europa wegen seiner sozialpolitischen Errungenschaften und er liebte seine zweite Heimat Frankreich, über dessen Geistesgrößen er geschliffene Essays verfasste (z.T. erschienen in: "Reappraisals. Reflections on the Forgotten Twentieth Century").

Tony Judt, dessen intellektuelles Leben mit der Liebe zu den Wörtern am elterlichen Familientisch begann, hat sich bis zuletztschreibend und dozierend gegen seine Krankheit gestemmt – wie Sisyphos, von dem Judts großes Vorbild Albert Camus einst schrieb, man müsse ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. Eine berührende Vorstellung vom Denker – und vom Menschen – Tony Judt bewahrt dieser sehenswerte Kurzfilm.

Der 6. August war wieder kein besonders guter Tag.

Akademische Durchfallquote

"Aber bei 20.000 Romanen im Jahr und fünf Millionen Gedichten ist ja abzusehen, was das für einen Sinn hat – für die Papierfabrik. Weil die mit den Klorollen ja nicht ausgelastet sind. Also müssen auch Bücher gedruckt werden.
Sitzt dann einer und schreibt ein Buch, das heißt "Der Begriff Ironie und seine besondere Bedeutung für die Nachwelt", zum Beispiel. Und der sitzt vier Jahre, kriegt vom Ministerium monatlich 12.000 Schilling, dass er in den Begriff hineinkriecht wie in ein Mausloch. Dann erscheint nach 8 Jahren ein Buch, das keinen Menschen interessiert.
So werden Millionen verschleudert, für Dissertationen, für Begriffsausschlachter. Oder haben sie schon eimmal ein Buch gelesen von einem Dissertanten, das interessant gewesen wäre? Alles hoch subventioniert.
Unterstützungen gehören abgeschafft. Was nicht trägt, trägt halt nicht."

Thomas Bernhard, Die Ursache bin ich selbst.

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