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2009

Archive – 2009

Geschenkgutscheinskeptisches …

Eine neue Marketingidee bringt Gutscheine der unsympathischen Großketten in alle Läden dieser Ketten. Wer also seinen Scheingeländewagen auftanken fährt, der kann sogleich dort für Möbel, Elektrogeräte, Parfüm, Kaufhäuser und alles andere die Geschenkgutscheine mitnehmen. Der hat immerhin etwas für den Heiligen Abend in der Hand. Das ist aus ökologischer Sicht ein klein wenig besser als die vielen Geschenke, die sofort bei Ebay wieder eingestellt werden oder aus Gründen des schlechten Gewissens ein Jahr im Keller warten. Allerdings könnte es unter dem Weihnachtsbaum zum Tausch dieser Gutscheinkärtchen kommen, ein wunderbar peinlicher Moment! 

Insgesamt aber bleibt das Problem: Was sollen sich Menschen, die im Überfluss einer Wegwerfgesellschaft leben, überhaupt noch schenken? Tankstellengutscheine? Alkohol? Schokolade? Transfairprodukte? Meine Großmutter, meine Eltern, eigentlich auch mich interessieren materielle Geschenke nicht mehr. Dennoch wird geschenkt, aus Gewohnheit. Mit leeren Händen zu erscheinen ist schwer auszuhalten. Schenken bedeutet zu geben — aber können wir das noch? Oder können wir nur noch kaufen? Und das Annehmen? Das ist ebenso schwer — verpflichtet uns ein Geschenk nicht auf unangenehme, das Gewissen marternde Weise? Die tiefen Gefühle des Gebens und Annehmens sind lange vom Tauschprinzip zerfressen! 

Entspricht das Weihnachten? Ist das zu ändern? Soll es so bleiben? 

Die Stille des Schnees

Die Stille des Schnees, dachte der Mann, der gleich hinter dem Busfahrer saß. Er hätte zu dem, was er in seinem Inneren empfand, "die Stille des Schnees" gesagt, wenn dies der Beginn eines Gedichtes wäre. Er hatte den Bus, der ihn von Erzurum nach Kars bringen sollte, im letzten Augenblick erwischt. (…) Gleich nachdem der Bus losgefahren war, machte der Reisende am Fenster seine Augen weit auf, in der Hoffnung, vielleicht etwas Neues zu sehen, und betrachtete die winzigen armseligen Krämerläden, die Bäckereien, die verfallenen Teehäuser in den Vierteln an Erzurums Stadtrand. Schon begann der Schnee zu fallen. Er war dichter und großflockiger als der Schnee, der den Weg von Istanbul nach Erzurum über gefallen war. Wäre der Reisende am Fenster nicht so müde von der Fahrt gewesen und hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, dass er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt (…).

Orhan Pamuk: Schnee. Roman. Hanser, München 2002.  

Gebet um Fortschritt im Studium

"O Gott, Vater und Herr, Schöpfer aller Dinge, unaussprechlich an Größe und Macht, der Du mit wunderbarer Weisheit die ganze Welt eingerichtet hast, wahrer Quell und letzter Grund aller Wissenschaft, verleihe meinem Verstande Einsicht und Klarheit, meinem Willen Fertigkeit und Stärke. Nimm von mir die doppelte Finsternis, in der ich geboren wurde, die Sünde und Unwissenheit. Gib mir Schärfe des Verstandes, Treue des Gedächtnisses, Ausdauer beim Studieren, Gewandtheit im Erklären, Gefälligkeit und Richtigkeit im Ausdruck. Stehe mir bei im Anfange meiner Studien, leite ihren Fortgang und gib dem Schluss eine glückliche Vollendung, der Du als wahrer Gott lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

Prof. Hub. Lindemann: Der Akademiker. Gebete und Erwägungen für die akademischen Stände zunächst für Universitätsstudenten. (Mit kirchlicher Druckerlaubnis.) Dülmen i. W., A. Laumann’schen Buchhandlung. (Verleger des heil. Apostol. Stuhles.) Monasterii, die 13. Februarii 1917, S. 228

Virales Marketing (für Weihnachten)

"Wer heute über die Sache des christlichen Glaubens vor Menschen zu reden versucht, die nicht durch Beruf oder Konvention im Inneren des kirchlichen Redens und Denkens angesiedelt sind, wird sehr bald das Fremde und Befremdliche eines solchen Unterfangens verspüren. Er wird wahrscheinlich bald das Gefühl haben, seine Situation sei nur allzu treffend beschrieben in der bekannten Gleichniserzählung Kierkegaards über den Clown und das brennende Dorf (…). Die Geschichte sagt, dass ein Reisezirkus (…) in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, zumal die Gefahr bestand, dass (…) das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie möchten eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten bis zu Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute; er versuchte vergebens, die Menschen zu beschwören, ihnen klarzumachen, dies sei keine Verstellung, kein Trick, es sei bitterer Ernst, es brenne wirklich. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet — bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten."

Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. 4. Auflage, Kösel, München: 1968, S. 17.   

Warum Gott keine Unikarriere macht

Why God never received tenure at a university

1. Because he had only one major publication.

2. And it was in Hebrew.

3. And it had no cited references.

4. And it wasn’t published in a refereed journal or even submitted for peer review.

5. And some even doubt he wrote it himself.

6. It may be true that he created the world — but what has he done since?

7. The scientific community has had a very rough time trying to replicate his results.

8. He rarely came to class, just told students to read the book.

9. He expelled his first two student for learning.

10. Although there were only ten requirements, most students failed his tests.

11. His office hours were infrequent and usually held on a mountain top.

(Quelle: http://home.arcor.de/metaphysicus/god.htm) 

Perfekter Wohlstand

"Plus minus 30 — auf der Suche nach dem perfekten Leben", so heißt ein Buch von Florentine Fritzen (Jahrgang 1976) und es ist: kein Generationenportrait. Ob der Titel also günstig gewählt ist, darüber sollte der Verlag einmal nachdenken. Der "Perfektionismus" als selbstquälerischer Anspruch wird von der Autorin in vielen Facetten aufgespiest: perfekte Beziehung, perfekte Familie, perfektes Aussehen, perfekte Karriere — das Buch ist voller Geschichten und Portraits von 30jährigen, die zwar alles erreicht haben, aber mit nichts so richtig zufrieden sein können. Es geht immer noch besser und wer keine echten Sorgen hat, der muss welche erfinden. Zumindest von den herkunfts-, bildungs- und stipendienbegünstigten, promovierten Geisteswissenschaftlern, nämlich um die geht es in dem Buch. Die Leichtigkeit des Schreibstils passt perfekt zu den eingebildeten Problemen der geschilderten Menschen: die Wohlversorgten haben ihr kulturelles Kapital im Rücken und allen Problemen begegnen sie auf dem Strandspaziergang oder auf Städtereisen in New York (die sie schon als Studis gemacht haben, während die anderen arbeiten mussten). Das Buch ist also nicht nur spannend für die, die gemeint sind, sondern auf der Metaebene auch für alle anderen. 30 zu werden bedeutet eben auch einzusehen, welche Ungleichheit die Gesellschaft aushält. Die einen arbeiten seit sie 16 sind, haben schon zwei Kinder und sind wieder geschieden. Die anderen sitzen in der Uni-Mensa, denken noch gar nicht an den Nachwuchs oder ans Heiraten. Florentine Fritzen ist Redakteurin der FAZ, einige Themen des Buches hat sie — wesentlich provozierender — in Leitartikeln formuliert. In ihrem Buch sind die scharfen Beobachtungen aber leider, wie etwa die Abwesenheit ehrenamtlichen Engagements, durch einen Unterhaltungston getarnt. Das Buch ist durchweg amüsant zu lesen, und es ist kaum zu bemerken, dass zwischen den Zeilen viel Kritik an der Selbstgenügsamkeit steckt. Wenn die Autorin allerdings "wir 30jährigen" schreibt, dann kann es einem auch unbehaglich werden. Auf Quellen oder Bezüge zu Untersuchungen verzichtet sie, es geht locker zu. Es ist nicht zu hoffen, dass dem Buch eine Fehllektüre bevorsteht, wie der "Generation Golf" von Florian Illies. (Auch da wollte keiner von der bitteren Pointe gewusst haben.) Unpolitische Perfektionisten kann man nicht kritisieren, vielleicht ist der Weg über die Unterhaltung daher genau richtig. Es ist zu hoffen, das die Zielgruppe auch einmal der Gedanke ereilt, dass es Altersgenossen gibt, für die Perfektionismus beinah ein Luxus wäre.  

Florentine Fritzen: Plus minus 30 … oder die Suche nach dem perfekten Leben. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009.

Gegen Vorweihnachtsdiebe

 
Viele Menschen backen unwiderstehliche Weihnachtsplätzchen. Wenn wir ehrlich sind: viele Mütter und Großmütter backen sie. Dabei vergessen die Konsumenten: es sind Weihnachtsplätzchen, nicht Vorweihnachtsplätzchen. Aber je besser die gelingen, desto früher ist die Kiste leer, also etwa am 10. Dezember. Das Kreativitätspotential, selbst die versteckten Vorräte zu finden, ist hoch. Aber nun ist Abhilfe in Sicht. (Ein treuer Leser mailte mir das Foto.) Eine preiswerte, sehr effektive Lösung! Setzt die sich landesweit durch, werden wir am Heiligen Abend viele bandagierte Finger sehen — aber immerhin noch Plätzchen übrig haben.
 
 

Ökologische Kommunikation

Das überraschende Auftreten eines neuartigen Ökologiebewusstseins hat wenig Zeit gelassen für theoretische Überlegungen. Zunächst denkt man deshalb das neue Thema im Rahmen der alten Theorien. Wenn die Gesellschaft sich durch ihre Einwirkungen auf die Umwelt selbst gefährdet, dann sollte sie das eben lassen; man müsse die daran Schuldigen ausfindig machen und davon abhalten, notfalls bekämpfen und bestrafen. Das moralische Recht dazu sei auf Seite derer, die sich gegen die Selbstdestruktion der Gesellschaft einsetzen. Unversehens geht die Theoriediskussion in moralische Frageformen über, und das Theoriedefizit wird mit moralischem Eifer kompensiert. Die Absicht der Demonstration guter Absichten bestimmt die Formulierung der Probleme. So diskutiert man aufs Geratewohl über eine neue Umweltethik, ohne die Systemstrukturen zu analysieren, um die es geht. 

Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann sich die moderne Gesellschaft auf ökologische Gefährdungen einstellen? Wiesbaden: 1986 (!), zitiert nach der 4. Auflage, 2004, S. 18 f. 

 

Basisdemokratie als ethische Zwickmühle

In der Schweiz hat eine demokratische Mehrheit etwas entschieden. Dass die Mehrheit von Emotionen und weniger von Argumenten geleitet ist, ändert das nicht. Leider! Oder? Die gegenwärtigen Studierendenstreiks führen zur Solidarisierung, die Dekane bitten vielerorts die Dozentenschaft, die Studierenden von Seminaren freizustellen — wegen der Streiks. Sucht man die besetzen Räume der Unis auf, begegnet man vielen Emotionen und beeindruckendem Durchhaltewillen, aber wenigen konkreten Forderungen, Streikzielen oder gar ernsthafte Konzepten. (Die Parolen sind oft die der 70er Jahre, in denen wir nicht mehr leben.) Vor allem begegnet man aber: einer Minderheit! Ich lasse meine Seminare zwar ausfallen, weil auch ich Kritik am BA-Schulsystem habe, aber auch, weil mein Dekan darum bittet. Die Bildungspolitik hat wahrlich Streiks verdient, aber das ändert die demokratischen Regeln nicht. Wer schwarz-gelb will, soll die Folgen tragen. Ich richte mich hochschulintern aber nach Minderheiten! Darf ich das? Die Mehrheit streikt nicht, sondern käme lieber zum Seminar, geht arbeiten oder ist froh über die gewonnene Zeit. Und nun? Sage ich dieser Mehrheit, sie hätte unrecht? Oder gehe ich zu meinen vorgesetzten Professoren und sage: Sie solidarisieren sich mit einer Minderheit! Meine Seminare fallen aus — eine ethische Zwickmühle.  

 

Basis-Bibliothek Philosophie

Die Philosophiegeschichte ist zu lang, um alle Hauptwerke gleich aufmerksam studieren zu können. Die Lesezeit ist leider begrenzt. Es lohnt sich aber noch immer ein bedeutendes Buch gründlich zu studieren, statt viele nur oberflächlich: aber welches? Ein Überblick ist daher notwendig. Die hilfreiche und motivierende "Basis-Bibliothek" von Robert Zimmer stellt 100 klassische Werke vor, verständlich und auf jeweils zwei bis drei Seiten. Von den Vorsokratikern bis Habermas vermittelt der Autor Werke, deren große Bedeutung unbestritten ist. Zum Studium der Volltexte läd ein, dass Einzelwerke vorgestellt werden und keine Epochenüberblicke. Wer also erst einmal wissen möchte, ob dieses oder jenes Thema bei Platon oder Foucault, bei Nicolaus von Kues oder Paul Feyerabend im vorgestellten Werk ausgearbeitet wurde, für den ist das Buch genau richtig. Es bietet BA-Studierenden der Philosophie und denen, für die die Philosophie eine Hilfswissenschaft oder Hobby ist, eine Abkürzung. Robert Zimmer muss sich zudem nicht verstecken hinter Imponiergehabe — für den verständlichen Schreibstil werden alle Leser dankbar sein! Wir hoffen also auf weitere Basis-Bibliotheken, welche Wissenschaft kennt keine "klassischen Werke"? Und wer hätte nicht gern solch einen Einstieg?

Robert Zimmer: Basis-Bibliothek Philosophie. 100 klassische Werke. Reclam, Stuttgart: 2009 (9,90 Euro). 

Titel zweiten Grades

Kristina Köhler heißt die neue Bundesfamilienministerin von der CDU – Dr. Kristina Köhler. Auf die Nominierung des 32jährigen Shootingstars aus Hessen reagierte die Süddeutsche Zeitung heute online mit einem hämischen "Bericht". Köhler, so SZ-Autor Thorsten Denkler unter dem Titel "Das schwarze Netz von Frau Doktor" habe eine – im Wissenschaftsjargon – "klassische Typ-II-Arbeit" verfasst, ein akademisches Werk also, dessen Verfasser, hier: dessen Verfasserin es ausschließlich um den Erwerb des begehrten Titels geht und nicht so sehr um den Fortschritt der Wissenschaft, alldieweil so ein "Doktor" ja viel hermacht vor dem titelehrfürchtigen Wahlvolk. Um neben ihrem 16-Stunden-Tag als Bundestagsabgeordnete überhaupt mit der – so die SZ – "vergleichsweise einfach gestrickt(en)" Dissertation zu Rande zu kommen, habe sich Köhler auf ein ganzes Netz politisch mächtiger Freunde und Förderer sowie hilfswissenschaftlicher Kräfte, zum Teil gegen Bares, verlassen können. Aus Köhlers Dissertationsvorwort zitierend, listet die SZ säuberlich alle diese Helferlein auf – nur um am Ende festzustellen, dass nichts an Köhlers Arrangements anrüchig ist.

Sicher, die meisten Doktorandinnen, die es ernst meinen mit der Wissenschaft, dürften von den Arbeitsbedingungen einer gut vernetzten Abgeordneten nur träumen. Und sehr wahrscheinlich hat Ministerin Köhler mit ihrer 300 Seiten umfassenden Schrift Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten auch keine akademische Glanzleistung vollbracht. Aber das trifft auf viele Nachwuchsforscher, die es mit der Wissenschaft ernster meinen, ebenfalls zu.

Man mag von Arbeiten, die nur um des lieben Titels willen geschrieben werden, wenig halten. Besser wäre es, sie würden nicht geschrieben. Anstößig ist an der ganzen Sache aber vor allem eines: dass und wie die SZ mit lustvollem Eifer und gespielter Seriosität Zweifel an den Kompetenzen einer erfolgreichen (jungen) Frau säht.

Welcher strebsame Nachwuchsparlamentarier hätte denn bitteschön keine – privaten, schwarzen, roten, grünen… – Unterstützer nötig gehabt, um zum Beispiel Kinder großzuziehen, Manuskripte zu verfassen und Wissenslücken zu schließen? Wo bleibt das Feuilleton über die wissenschaftlichen Forschungen unseres Bundesaußenministers? Der hat seinen Doktortitel – womöglich vom Typ II? – vor Jahren an der Fernuniversität in Hagen erworben. Unter welchen Umständen, wird uns die SZ hoffentlich bald zu berichten wissen.

Bericht aus Deutschland 1950

"Unter der Oberfläche hat die Einstellung der Deutschen zur Arbeit einen tiefen Wandel erfahren. Die alte Tugend, unabhängig von den Arbeitsbedingungen ein möglichst vortreffliches Endprodukt zu erzielen, hat einem blinden Zwang Platz gemacht, dauernd beschäftigt zu sein, einem gierigen Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren. Beobachtet man die Deutschen, wie sie geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte stolpern und für die zerstörten Wahrzeichen nur ein Achselzucken übrig haben oder wie sie es einem verübeln, wenn man sie an die Schreckenstaten erinnert, welche die ganze übrige Welt nicht loslassen, dann begreift man, dass die Geschäftigkeit zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden ist. Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich — wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr vergessen habt. Doch die angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit den Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann."

Hannah Arendt: Besuch in Deutschland 1950. Die Nachwirkungen des Naziregimes. In: Dies.: Zur Zeit. Politische Essays. dtv, München: 1989. 

Familienweihnachten als Pflichtveranstaltung

 

"Wie kommen Kriegskinder und Friedenskinder miteinander aus? Wie funktionieren die Beziehungen zwischen Generationen, die auf verschiedenen Planeten aufgewachsen sind? Wenn Eltern über die verheerenden Erlebnisse ihrer Kindheit in einer Weise redeten, als hätte ihnen das alles nichts ausgemacht ("Das war für uns normal"), wenn sie ihre frühe Erschütterung und Prägung nicht wahrnahmen, konnte das folgenlos für die nächste Generation bleiben? (…) Wie geht es eigentlich den deutschen Kriegskindern heute? Meine Recherchen bezogen sich nicht nur auf die entsprechenden Jahrgänge 1930-1945, sondern ich wurde genauso hellhörig, wenn mir damals eine Generation tiefer 30 bis 40-jährige von schlechten Beziehungen zu Mutter und Vater erzählten. Dabei tauchte wortgleich immer wieder auf: "Meine Eltern wissen gar nicht, wer ich bin." Es stellte sich heraus, dass die Kinder eine weit bessere Ausbildung als ihre Eltern erhalten hatten und sozial aufgestiegen waren. Doch ein einleuchtender Grund für schlechte Beziehungen ist das nicht. Wenn Ältere und Jüngere nichts mehr miteinander anfangen können, wenn das Familienweihnachten für die erwachsenen Kinder eine reine Pflichtveranstaltung ist, wo nur über Banales geredet wird, wenn keiner mehr dem anderen zuhören mag, dann kann das nicht allein an einer kulturellen Entfremdung liegen …"

Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Klett-Cotta, Stuttgart: 2009, S.17

 

Schnelle Kunst

17 Meisterschüler, 3 Ausstellungen, 2 Wochen. Kein Zweifel, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Das Projekt hub:kunst.diskurs hat den Zeitgeist zum Programm erhoben und präsentiert ab Donnerstag, den 27.11.09 in Hannover eine Blitzausstellung herausragender Absolventen der HBK Braunschweig. Dokumentiert und kommentiert wird alles in einem eigenen Blog: http://www.kunst-diskurs.de/

Naturwissenschaft als Klartext

Die Klaus Tschira Stiftung sucht Nachwuchswissenschaftler, die exzellent forschen und anschaulich schreiben. Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft KlarText! wird vergeben in den Fächern Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Neurowissenschaften und Physik.

Wenn Sie in einem dieser Fächer im Jahr 2009 promoviert wurden und ihre Forschungsergebnisse in einem populärwissenschaftlichen Artikel beschreiben möchten – dann bewerben Sie sich um den Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft 2010.
Mit seiner Stiftung fördert Dr. h. c. Klaus Tschira seit 1996 Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik. 

Die besten Artikel werden mit je 5.000 Euro ausgezeichnet und in einer Sonderbeilage der Zeitschrift bild der wissenschaft veröffentlicht.
Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft wird jährlich ausgeschrieben. Bewerben können sich jeweils Nachwuchswissenschaftler, die im Jahr zuvor promoviert wurden.
Einsendeschluss für den nächsten Wettbewerb ist der 28. Februar 2010.
Hier finden Sie weitere Teilnahmebedingungen. 

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