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Dezember 2007

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10. Dezember 2007 | Frank Berzbach | 10:13

Honigbienen zu Weihnachten

Günter Grass glaubt nicht, dass seine Bücher die Welt verändern können. Nur eins hätten sie zweifellos: den Absatz von Aalen beeinflusst. In seiner Blechtrommel gibt es dazu eine Schilderung, die enorme Übelkeit verursacht. Nun aber gibt es ein Hörbuch, das den Absatz von Honig sprunghaft steigen lässt. Vielleicht wird es auch mehr Imker geben. Der “Bien” Jürgen Tautz , Professor in Würzburg, erzählt auf zwei CDs des großartigen Supposé-Verlags etwas über Bienen. Wer gehört hat, wie ein Bienenstaat organisiert ist, wie die Bienen kommunizieren und Gelee Royale oder Honig fabrizieren und dazu noch perfekte Architekten sind, der öffnet seinen Frühstückshonig gleich mit großer Andacht. Honig ist kein Nahrungsmittel, es ist ein Naturwunder! Honig ist antibakteriell, enthält viel Energie und verursacht keine Karies. Ein Bienenstaat kann bis zu 400 Quadratkilometer abdecken, er besteht aus etwa 50.000 Bienen. Aber es geht noch weiter: Ohne Bienen würde unsere Landschaft ganz anders aussehen. Es gäbe nicht einmal bunte Blumen, die sind erst in der Coevolution mit den Bienen entstanden. Wir würden der Liebsten ohne sie also ein paar schnöde grüne Stängel in den Arm drücken. (Und was sollte daraus werden?) Was immer also unter dem Weihnachtsbaum liegen wird: es sollte nach Honig riechen oder vom Supposé-Verlag kommen …

9. Dezember 2007 | Frank Berzbach | 17:28

Nichts als Gespenster

Nur aus schlechten Büchern könne man gute Filme machen, meinte Jean-Luc Godard einmal. Er irrt aber manchmal: Die Verfilmung von NICHTS ALS GESPENSTER von Martin Gypkens ist großartig — wie auch die literarische Vorlage. Der Episodenfilm beruht auf dem gleichnamigen zweiten Band der Erzählungen von Judith Hermann. (Hinzu gesellt sich eine aus ihrem Debüt “Sommerhaus, später”.) Fürs Kino sind Erzählungen vielleicht viel besser geeignet, wie Robert Altman mit Short Cuts gezeigt hat. Raymond Carver schrieb dazu die Vorlage. Es ist im Kino nämlich möglich, die Erzählungen alle parallel zu erzählen. So gleitet der Zuschauer zwischen ganz unterschiedlichen Storys hin und her, im Fall von Judith Hermann zwischen den USA, Helsinki, Jamaika, Berlin und Venedig. Die Autorin ist so etwas wie die Beth Gibbons (Portishead) der deutschen Literatur. Wie Portishead zwei geniale Alben vorgelegt hat, so hat sie zwei geniale Erzählbände geschrieben: und beide sind bestimmt von einem eigentümlichen Ton, von einer besonderen Stimmung. (Ältere Kritiker haben die Autorin oft verrissen, nur weil sie die Gefühle der 25 bis 35-jährigen nicht verstehen.) Judith Hermann schreibt neoexistentialistisch. Hinter ihren Handlungen verbirgt sich aber keine Theorie: ihre Helden sind einfach Besitzer erfolglos jagender Herzen. Kommunikation gibt es nur in, aber nicht zwischen ihren Figuren. Dass es die Wahrheit nur zu zweit gibt, wissen die Protagonisten zwar, aber zum existentiellen Gespräch dringen sie nicht vor. Die Figuren treffen sich, sie begegnen sich aber nicht. Der Film erzeugt eben diese lethargische Stimmung, mit einem Starensemble junger deutscher Schauspieler, mit melancholischer Musik, geschickten Schnitten, schönen Bildern und mit abbrechenden Dialogen. Auch wenn der Film düster ist, der Zuschauer wird darauf verwiesen, dass er selbst mehr Worte zur Verfügung hat: sie wollen nur richtig benutzt werden.

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6. Dezember 2007 | Frank Berzbach | 11:22

his dark materials

Nur aus schlechten Büchern könne man gute Filme machen, meinte Jean-Luc Godard einmal. Und er hat noch immer recht: Die Verfilmungen von Herr der Ringe und auch von Harry Potter sind gelungen, weil die Romanvorlagen unterhaltsam sind, aber es sind aus literarischer Perspektive eher schlichte Werke. Jetzt ist “Der goldene Kompass” verfilmt, die Roman-Trilogie von Philip Pullman ist zweifellos besser als Tolkien und Rowling zusammen. Sie ist in der englischsprachigen Welt auch ähnlich populär. Der Film aber ist in gewisser Weise misslungen. Er glättet nämlich alles, was das Buch zu einem guten Buch macht: nicht nur eine scheinbar “kindgerechte”, seichte Handlung, sonder auch Ambivalenz und Grauen werden dem jugendlichen Leser zugemutet. Die jugendlichen Protagonisten bekommen ihre Welt nicht in den Griff. Pullman ist keiner der Jugendbuchautoren,  die ihre Zielgruppe für dumm halten, nur weil sie noch jung ist. Er führt in die Ästhetik ein, nicht primär in die Moral. Gut und Böse sind nicht haarscharf getrennt in der Trilogie “his dark materials”. Im Film ist alles wie gehabt, manche nennen es Unterhaltung: gute Menschen hier, böse dort, alles kantige wird weich gezeichnet. Der Film ist nur sehenswert wegen einer brilliant bösartigen Nicole Kidman, der man ewig zuschauen möchte. Das Drehbuch, die Geldgeber tragen wohl die Schuld: Vom Roman wurden zwar Teile der Handlung übernommen, aber völlig mutlos. Es lohnt sich also ausnahmsweise, nach dem Film auch noch das Buch zu lesen. Es ist einer der ganz wenigen Fantasie-Jugendromane, die es wert sind, diskutiert zu werden.

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3. Dezember 2007 | Frank Berzbach | 15:27

Art of Walking

Wer zu viel gegessen, gelesen oder gehört hat, der dreht am besten eine Runde um den Block. Solche Verdauungsspaziergänge tun gut, und das scheint eine alte Weisheit zu sein. Christian Moser und zahlreiche andere Autoren verfolgen den Hang zum Spazieren, der die Dichter aller Zeiten zum Erzählen getrieben hat. (Und das erzählende Schreiben hat sie wieder zum Spazieren motiviert …) Der von Axel Gellhaus und anderen herausgegebene Band “Kopflandschaften — Landschaftsgänge” dokumentiert eine Tagung zur Poetik und Kulturgeschichte des Spaziergangs. Das Buch ist ordentlich lektoriert (worauf mancher Verlag leider verzichtet) und es enthält informative, ja spannende Beiträge. Es macht nicht nur große Lust auf die Lektüre der dichterischen Wanderungen, sondern erzeugt Kribbeln im Kopf und in den Füßen. Die Lektüre treibt einen vor die Tür zum (intellektuellen) Verdauungsspaziergang.

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27. November 2007 | Frank Berzbach | 16:31

Neues im alten Medium

Nur die neuen Medien bieten noch Novitäten, oder? Nein, jetzt gibt es eine Neuheit in einem ganz alten Medium: in dem der Literatur. Es ist zum Trend geworden, dass Schauspieler die anspruchsvolleren Dichtertexte vorlesen, damit auch die anspruchsloseren (Ex-)Leser sie rezipieren können. Peter Kurzeck, eindeutig ein Autor, der in der Potter-Fangemeinde keinen Erfolg haben wird, bringt jetzt eine unerwartete Neuheit. Zusammen mit dem genialischen Supposé-Verlag hat er auf vier CDs einen Roman erzählt. Das Dorf seiner Kindheit ist nicht auf der Grundlage von Texten entstanden. Hier wird nichts vorgelesen, es ist das erste “Hörbuch” ohne Buchvorlage. Und, so die Kritiker: das ist vollends gelungen und faszinierend. Für die Novitätenverliebten: es ist zudem neu. (Eine Kategorie, die den Literaturliebhaber nicht interessiert. Aber Medienjunkies, die sich sonst der Literatur gar nicht erst widmen, haben jetzt ein zusätzliches Argument, dies vielleicht zu wagen.)

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21. November 2007 | Frank Berzbach | 14:58

Begriffsabrüstung 2: Innovation

Wir brauchen mehr Innovation, behaupten sogar die Konservativen. Begriffsabrüstung bedeutet in diesem Fall: der Jungen Union, dem RCDS, der Adenauer-Stiftung, der CDU/CSU und auch gleich dem ADAC einen Fremdwörterduden auszuleihen. Sie alle wünschen leider primär finanzielle Veränderungen (= Privatisierung) in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Sozialsystem — also eigentlich überall. Konservatives ist Bezogen auf erhaltenswerte Traditionen, ganz früher sogar auf die christliche Sozialethik. Daher verwundert die Hochrüstung des Begriffs Innovation zum konservativen Programmbegriff. Denn das Sozial- und Bildungssystem, traditionelles Wirtschaften und Forschen werden ja keineswegs erhalten, sondern radikal modernisiert. Innovation ist der radikalste Traditionsunterbrecher, ja Traditionszertrümmerer. So sagt es der Begriff! Das erstaunliche ist ja, dass die ehemals “Fortschrittlichen” (also Innovativen) heute die sind, die “traditionell” sind und bewahren wollen: sie sind also die neuen Konservativen. Aber was sind dann die ehemals Konservativen?

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21. November 2007 | Frank Berzbach | 12:38

Begriffsabrüstung 1.2: Kreativität

“Begriffsabrüstung” muss eine Reihe werden, Herrn Dries danke ich für die kreative Leistung, diese erfunden zu haben. Allein der erste Begriff ist noch nicht endgültig abgerüstet, er ist ja der Scheinriese der Gegenwart. “Kribbeln im Kopf” von Mario Pricken ist ein Longseller im Bereich Design. “Kreativitätstechniken & Brain-Tools” ist leider der Untertitel. Den kann man nur damit entschuldigen, dass auch Werber — nicht gerade eine Berufsgruppe mit “brain” — das Buch kaufen sollen. Würde man einfach auf die U1 schreiben, was sich im Buch findet, wären die Begriffe abgerüstet: es geht um IDEENFINDUNG. Unter diesem Titel ist das Buch sogar sehr nützlich. Zum Glück kribbeln Ideen nicht im Kopf, damit würde man ja eher zum Fall für den Neurologen. Das Buchthema ist nicht zu verwechseln mit “Ideenmanagement”, einem weiteren noch nicht abgerüsteten Begriff. Manche würden zur sciencegarden-Blog-Begriffsabrüstungsreihe jetzt sagen: die ist wirklich “innovativ”. Aber die sollen sich hüten! Weil der Begriff “Innovativ” …

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20. November 2007 | Frank Berzbach | 16:42

Museum der Nachdenklichkeit

Wer schon immer einmal ins schönste Museum der Welt wollte, der kann jetzt in Köln aussteigen. Gemeint ist nicht der Kölner Dom (mit den schönsten Kirchenfenstern der Welt, Gerhard Richter sei Dank), sondern das einen Steinwurf weiter gelegene neue Dommuseum “Kolumba”. Der Architekt Peter Zumthor hat um die Ruine einer uralten Kapelle herum ein Haus entworfen, das seine Besucher in meditative Ruhe versetzt. Alles ist hier überzeitlich. Statt vieler Kunstwerke auf wenig Raum, wie es der neue Trend der Best-of-Art-Shows diktiert, sind wenige Werke in großen Räumen verteilt. Und dies, fast wie auf den Gemälden von Raffael, in vollkommener Harmonie: Architektur, Kunstwerke, selbst der Ausblick sind wunderbar. Zwischen Mittelalter und Andy Warhol ist auch zeitlich der Raum weit. Wer den grandiosen Bau verlässt, steht mitten im quirligen Zentrum der Stadt. So ähnlich muss sich die Vertreibung aus dem Paradies angefühlt haben.

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11. November 2007 | Frank Berzbach | 09:54

Das Lächeln der Bäckersfrau

Für L.M.R.

Vorm Frühstück gibt es nur Interaktion mit einem Menschen: der Dame hinter der Bäckertheke. Ein sensibler Moment also. Ich gehe nicht mehr zum Bäcker, aus psychologischen Gründen. Nicht weil die Verkäuferinnen unfreundlich sind wie früher, sondern weil sie freundlich sind. Das ist doch eigentlich wunderbar: noch verschlafen ins lächelnde Gesicht einer schönen Verkäuferin zu schauen, fast wie in Frankreich. (Dort sind ja bekanntlich alle Frauen schön.) Aber genau die haben mich in eine Falle gelockt und nun esse ich täglich Müsli. Zum ordentlichen Frühstück gehörte sonst eine Alibischnitte Vollkornbrot. Dann aber: Ein helles Brötchen mit Nutella. Oft ging ich daher zum Bäcker und bestellte ein Brötchen. Und dies scheint, aus der Perspektive der Verkäufer(innen), so unerhört, dass sie anfingen, mich in Privatgespräche zu verwickeln. Erst noch zurückhaltend: „Das ist nicht viel.“, sagte mir eine junge Dame. Aber schon am nächsten Tag: „Ihre Frau ist sicher verreist, oder?“. Da ich nicht darüber Auskunft geben wollte – sie isst Müsli – schwieg ich einfach. “Ach, Sie leben sicher allein.” Ich bin jetzt der Kunde, der täglich ausgehorcht, kommentiert oder gleich erzogen wird. „Ein Brötchen, davon können Sie doch nicht satt werden!“ meinte eine sonst umgängliche Dame zu mir. Die neue Verkäuferin drehte es so: „Ja, da sieht man es, deshalb bleiben Sie so schlank, nur ein Brötchen. Reicht völlig aus.“ Das ganze Frühstück quälte mich mein schlechtes Gewissen und Nutella kaufe ich jetzt nicht mehr beim Bäcker, sondern verborgen im Supermarkt. Heute aber war ich das letzte Mal beim Bäcker. Die Diskriminierung dort übersteigt das für mich im Halbschlaf aushaltbare Maß. Auf meine Bestellung von einem Brötchen sagt ein junger Verkäufer (!) vor umstehenden Kunden zu mir: „Noch immer solo, was? Na, essen Sie mehr, dann kommen Sie zu Kräften!“

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10. November 2007 | Frank Berzbach | 19:52

Nieselgrieselnovember

“Samstag ist Selbstmord” sangen Tocotronic einmal: und der Blick raus in diesen November lässt einen so eine Zeile gleich verstehen. Warum darf man eigentlich nie übers Wetter reden? Den ganzen Tag habe ich mir eingeredet, übers Wetter dürfe ich nicht schreiben, das sei “kein Thema”. Da gerät man in den Verdacht, nur Smalltalk abzusondern. Dabei prägt das Klima ungemein: Menschen haben Beschwerden, wenn es zu kalt, zu nass, zu heiß ist. Die Kleidung und geistige Getränke unterscheiden sich, sobald man die Klimazone wechselt. Über Wolkenformen, Terperaturfühligkeit, den Wechsel von Sonnenschein und dicken Wolken, Farbverläufe des Himmels, weite Ausblicke nach einem Regen und die Jahreszeiten sind Gedichte geschrieben, Musik komponiert, Bilder gemalt, Fotos gemacht worden. Nur REDEN darüber soll oberflächlich sein? Völlig falsch! Im November zum Beispiel ziehen sich die Farbwerte so sehr aus der Landschaft, dass Menschen schwermütig und antriebsschwach werden. Manche hören auf ihrem iPod allein aus Protest gegen das Wetter nur noch Shakira, in Kolumbien gibt es keinen Herbst. Jeden morgen und jeden Abend am Bahnsteig zu frieren (”die S9 hat ca. 15 bis 20 Minuten Verspätung, wir bitten um …”), das ist nicht oberflächlich, sondern es friert einen bis auf die Knochen. Das ist existenziell, darüber muss man doch sprechen! Frauen frieren ja immer, aber jetzt frieren alle — ein Verschärfung der Lage. Könnte man gegen ein nieselregengraues Deutschland eine NGO gründen, ich wäre dabei. Natürlich ist das quatsch, aber nur Fantasielose flüchten in die Realität (meinte Arno Schmidt). Dem Thema sollten sich die Klimaleute einmal ordentlich widmen: ihnen fehlt im Nebenfach die Psychologie. Dabei hat die Wettervorhersage oft schlimmere Folgen als ein Horoskop. Und an schlimmen Tagen, da stimmen sogar beide. 

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