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Dezember 2007

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15. Dezember 2007 | Joachim Jachnow | 12:16

Mindestlohn kostet keine Arbeitsplätze

5,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiteten 2006 für Bruttostundenlöhne unter 7,50 Euro, das sind 900 000 Menschen bzw. knapp 20 Prozent mehr als zwei Jahre zuvor. Bei insgesamt 31,3 Millionen Beschäftigten entspricht das einem Anteil von 17,7 Prozent. Dass die Zahl der Niedriglohn-Beschäftigten weiter wächst, zeigen neue Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen.
Dass allerdings ein Mindestlohn – wie oft behauptet – Arbeitsplätze kostet, ist der Studie nach nicht belegbar. Vielmehr zeigten internationale Erfahrungen, dass es auf die Einführungsphase ankomme und dass eine politisch fixierte Lohnuntergrenze auch mit Beschäftigungs- und Wirtschaftswachstum einhergehen könne.

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10. Dezember 2007 | Frank Berzbach | 10:13

Honigbienen zu Weihnachten

Günter Grass glaubt nicht, dass seine Bücher die Welt verändern können. Nur eins hätten sie zweifellos: den Absatz von Aalen beeinflusst. In seiner Blechtrommel gibt es dazu eine Schilderung, die enorme Übelkeit verursacht. Nun aber gibt es ein Hörbuch, das den Absatz von Honig sprunghaft steigen lässt. Vielleicht wird es auch mehr Imker geben. Der “Bien” Jürgen Tautz , Professor in Würzburg, erzählt auf zwei CDs des großartigen Supposé-Verlags etwas über Bienen. Wer gehört hat, wie ein Bienenstaat organisiert ist, wie die Bienen kommunizieren und Gelee Royale oder Honig fabrizieren und dazu noch perfekte Architekten sind, der öffnet seinen Frühstückshonig gleich mit großer Andacht. Honig ist kein Nahrungsmittel, es ist ein Naturwunder! Honig ist antibakteriell, enthält viel Energie und verursacht keine Karies. Ein Bienenstaat kann bis zu 400 Quadratkilometer abdecken, er besteht aus etwa 50.000 Bienen. Aber es geht noch weiter: Ohne Bienen würde unsere Landschaft ganz anders aussehen. Es gäbe nicht einmal bunte Blumen, die sind erst in der Coevolution mit den Bienen entstanden. Wir würden der Liebsten ohne sie also ein paar schnöde grüne Stängel in den Arm drücken. (Und was sollte daraus werden?) Was immer also unter dem Weihnachtsbaum liegen wird: es sollte nach Honig riechen oder vom Supposé-Verlag kommen …

22. November 2007 | Christiane Zehrer | 23:28

Begriffsabrüstung 3: Management

Es gab Zeiten, da gab es nur Leute, die was zu sagen hatten und solche, bei denen das nicht der Fall war. Die einen hießen – nein, falsch: Eigentümer, die anderen waren deren Beschäftigte, die nicht viel zu sagen hatten. Aus, basta. Dann wuchsen die Unternehmen, und die Eigentümer holten sich Helfer auf die Kommandobrücke – das Management war geboren und übernahm nun auch echte Leitungsfunktionen. Irgendwann gingen mancherorts auch die Eigentümer. Stattdessen kamen die Aktionäre, die fortan das Management einsetzten. Dieses steuerte nun Unternehmen, die weder ihm selbst noch einem ihrer Auftraggeber wirklich gehörten. So vermehrte sich seine Macht, und damit wuchsen auch das Prestige der Position und der Glanz des Wortes.

Vom Abglanz nun wollten alle etwas abbekommen, und pfiffige Personal-”Manager” schafften es, die Illusion zu transportieren: Vom Content-”Manager” bis zum Facility-”Manager”. Was nicht blieb, waren allerdings die Tätigkeitsinhalte. Der eine ist immer noch ein Redakteur – mit der Einschränkung, dass die Texte nun auch zur Webung passen müssen. Und der andere feiert seine Sternstunden nach wie vor mit der Wasserpumpenzange in der Hand bei Rohrbruch. Wen der billige Trick ganz schlimm trifft, schuftet für den tollen “job title” in unterbezahlter Position, gegängelt von anderen “Managern”.

Da lobt man sich das Wort “Führungskraft”, das neben dem schönen Schein wenigstens auch den Anspruch vermittelt – und sich schon deshalb nicht zum inflationären Gebrauch eignet!

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21. November 2007 | Frank Berzbach | 14:58

Begriffsabrüstung 2: Innovation

Wir brauchen mehr Innovation, behaupten sogar die Konservativen. Begriffsabrüstung bedeutet in diesem Fall: der Jungen Union, dem RCDS, der Adenauer-Stiftung, der CDU/CSU und auch gleich dem ADAC einen Fremdwörterduden auszuleihen. Sie alle wünschen leider primär finanzielle Veränderungen (= Privatisierung) in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Sozialsystem — also eigentlich überall. Konservatives ist Bezogen auf erhaltenswerte Traditionen, ganz früher sogar auf die christliche Sozialethik. Daher verwundert die Hochrüstung des Begriffs Innovation zum konservativen Programmbegriff. Denn das Sozial- und Bildungssystem, traditionelles Wirtschaften und Forschen werden ja keineswegs erhalten, sondern radikal modernisiert. Innovation ist der radikalste Traditionsunterbrecher, ja Traditionszertrümmerer. So sagt es der Begriff! Das erstaunliche ist ja, dass die ehemals “Fortschrittlichen” (also Innovativen) heute die sind, die “traditionell” sind und bewahren wollen: sie sind also die neuen Konservativen. Aber was sind dann die ehemals Konservativen?

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21. November 2007 | Christian Dries | 09:17

Begriffsabrüstung

Kaum eine öffentliche Äußerung – von Politikern, Wissenschaftlern, Managern -, in der nicht von Kreativität die Rede ist; davon, dass wir mehr von ihr bräuchten, um endlich wieder zur Weltspitze…; dass wir am besten schon im Kindergarten! Und überhaupt seien die heutigen Bedingungen ja ganz furchtbar kreativitätsabträglich.

In seinem Essay “Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff” nimmt Hartmut von Hentig die ganze Chose gehörig und intelligent aufs Korn. Er sei hiermit zur Lektüre empfohlen. A propos: Intelligenz – auch so ein “keyword” der Spätmoderne. Wer sich darüber amüsieren will, muss Enzensberger lesen: “Der Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer”. Voilà!

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20. November 2007 | Frank Berzbach | 16:42

Museum der Nachdenklichkeit

Wer schon immer einmal ins schönste Museum der Welt wollte, der kann jetzt in Köln aussteigen. Gemeint ist nicht der Kölner Dom (mit den schönsten Kirchenfenstern der Welt, Gerhard Richter sei Dank), sondern das einen Steinwurf weiter gelegene neue Dommuseum “Kolumba”. Der Architekt Peter Zumthor hat um die Ruine einer uralten Kapelle herum ein Haus entworfen, das seine Besucher in meditative Ruhe versetzt. Alles ist hier überzeitlich. Statt vieler Kunstwerke auf wenig Raum, wie es der neue Trend der Best-of-Art-Shows diktiert, sind wenige Werke in großen Räumen verteilt. Und dies, fast wie auf den Gemälden von Raffael, in vollkommener Harmonie: Architektur, Kunstwerke, selbst der Ausblick sind wunderbar. Zwischen Mittelalter und Andy Warhol ist auch zeitlich der Raum weit. Wer den grandiosen Bau verlässt, steht mitten im quirligen Zentrum der Stadt. So ähnlich muss sich die Vertreibung aus dem Paradies angefühlt haben.

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11. November 2007 | Frank Berzbach | 09:54

Das Lächeln der Bäckersfrau

Für L.M.R.

Vorm Frühstück gibt es nur Interaktion mit einem Menschen: der Dame hinter der Bäckertheke. Ein sensibler Moment also. Ich gehe nicht mehr zum Bäcker, aus psychologischen Gründen. Nicht weil die Verkäuferinnen unfreundlich sind wie früher, sondern weil sie freundlich sind. Das ist doch eigentlich wunderbar: noch verschlafen ins lächelnde Gesicht einer schönen Verkäuferin zu schauen, fast wie in Frankreich. (Dort sind ja bekanntlich alle Frauen schön.) Aber genau die haben mich in eine Falle gelockt und nun esse ich täglich Müsli. Zum ordentlichen Frühstück gehörte sonst eine Alibischnitte Vollkornbrot. Dann aber: Ein helles Brötchen mit Nutella. Oft ging ich daher zum Bäcker und bestellte ein Brötchen. Und dies scheint, aus der Perspektive der Verkäufer(innen), so unerhört, dass sie anfingen, mich in Privatgespräche zu verwickeln. Erst noch zurückhaltend: „Das ist nicht viel.“, sagte mir eine junge Dame. Aber schon am nächsten Tag: „Ihre Frau ist sicher verreist, oder?“. Da ich nicht darüber Auskunft geben wollte – sie isst Müsli – schwieg ich einfach. “Ach, Sie leben sicher allein.” Ich bin jetzt der Kunde, der täglich ausgehorcht, kommentiert oder gleich erzogen wird. „Ein Brötchen, davon können Sie doch nicht satt werden!“ meinte eine sonst umgängliche Dame zu mir. Die neue Verkäuferin drehte es so: „Ja, da sieht man es, deshalb bleiben Sie so schlank, nur ein Brötchen. Reicht völlig aus.“ Das ganze Frühstück quälte mich mein schlechtes Gewissen und Nutella kaufe ich jetzt nicht mehr beim Bäcker, sondern verborgen im Supermarkt. Heute aber war ich das letzte Mal beim Bäcker. Die Diskriminierung dort übersteigt das für mich im Halbschlaf aushaltbare Maß. Auf meine Bestellung von einem Brötchen sagt ein junger Verkäufer (!) vor umstehenden Kunden zu mir: „Noch immer solo, was? Na, essen Sie mehr, dann kommen Sie zu Kräften!“

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10. November 2007 | Frank Berzbach | 19:52

Nieselgrieselnovember

“Samstag ist Selbstmord” sangen Tocotronic einmal: und der Blick raus in diesen November lässt einen so eine Zeile gleich verstehen. Warum darf man eigentlich nie übers Wetter reden? Den ganzen Tag habe ich mir eingeredet, übers Wetter dürfe ich nicht schreiben, das sei “kein Thema”. Da gerät man in den Verdacht, nur Smalltalk abzusondern. Dabei prägt das Klima ungemein: Menschen haben Beschwerden, wenn es zu kalt, zu nass, zu heiß ist. Die Kleidung und geistige Getränke unterscheiden sich, sobald man die Klimazone wechselt. Über Wolkenformen, Terperaturfühligkeit, den Wechsel von Sonnenschein und dicken Wolken, Farbverläufe des Himmels, weite Ausblicke nach einem Regen und die Jahreszeiten sind Gedichte geschrieben, Musik komponiert, Bilder gemalt, Fotos gemacht worden. Nur REDEN darüber soll oberflächlich sein? Völlig falsch! Im November zum Beispiel ziehen sich die Farbwerte so sehr aus der Landschaft, dass Menschen schwermütig und antriebsschwach werden. Manche hören auf ihrem iPod allein aus Protest gegen das Wetter nur noch Shakira, in Kolumbien gibt es keinen Herbst. Jeden morgen und jeden Abend am Bahnsteig zu frieren (”die S9 hat ca. 15 bis 20 Minuten Verspätung, wir bitten um …”), das ist nicht oberflächlich, sondern es friert einen bis auf die Knochen. Das ist existenziell, darüber muss man doch sprechen! Frauen frieren ja immer, aber jetzt frieren alle — ein Verschärfung der Lage. Könnte man gegen ein nieselregengraues Deutschland eine NGO gründen, ich wäre dabei. Natürlich ist das quatsch, aber nur Fantasielose flüchten in die Realität (meinte Arno Schmidt). Dem Thema sollten sich die Klimaleute einmal ordentlich widmen: ihnen fehlt im Nebenfach die Psychologie. Dabei hat die Wettervorhersage oft schlimmere Folgen als ein Horoskop. Und an schlimmen Tagen, da stimmen sogar beide. 

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9. November 2007 | Frank Berzbach | 23:07

Den Kulturpessimismus versalzen

“Ilsebill salzte nach.”, so der erste Satz von Günter Grass’ Der Butt. Es ist, so will es die Jury aus Fersehmoderatorin, Richterin, Handballtrainer und anderen, der schönste erste Satz der deutschen Literatur. Völlig berechtig, egal, wer in der Jury sitzt. Die, die Grass nicht mögen, hassen meist die auf Krawall gebürstete “öffentliche Person”. Aber ein Blick in seine Romane, wenn sie ihn wagen würden, wird auch sie in Verzücken setzen. Es hätte aber dennoch auch ein anderer Satz werden können, es gibt sehr viele schönste erste Sätze. Patricia Highsmith hat nicht ohne Grund über die Energie, die Schriftsteller eigens für den Romaneinstieg verwenden, einen schönen Essay verfasst. (”Der erste Entwurf” in Über Patrica Highsmith, Diogenes, Zürich: 1980) Aber egal welcher Satz nun prämiert wurde, der Wettbewerb schleift vor allem Kulturpessimisten die Schneidezähne ab. 17.000 Menschen haben sich beteiligt und Begründungen eingereicht. Ja, Sie lesen richtig: Siebzehntausend lesen und lieben nicht nur die deutsche Literatur, sie schreiben sogar darüber. Sehr schade, dass es dazu am Ende dann doch eine FERNSEH-Gala geben musste, aber was solls. Auch Fernsehzuschauer können dann nicht mehr ignorieren, dass andere lieber nicht verpassen, was sie verpassen würden, wenn sie das Fernsehen einschalten. Große erste Sätze zum Beispiel in endlos vielen grandiosen deutschen (!) Romanen. Wie den von Irmgard Keun aus Nach Mitternacht von 1937, ein Exilroman: „Einen Briefumschlag macht man auf und zieht etwas heraus, das beißt oder sticht, obwohl es kein Tier ist.“ Hätte auch gewinnen können, oder? Aber doch gut, dass Grass gewonnen hat, es ist nämlich überfällig, endlich über sein Werk und nicht nur über seine Person reden, lesen und schreiben zu können. (Für Grass Fans ist der gerade erschienene Briefwechsel mit Uwe Johnson empfehlenswert.) Günter G. ist der einzige deutsche Autor nach Goethe und Thomas Mann, der im Chor der Weltliteratur laut mitsingt. Das wird jeder nachempfinden, der mehr als die Zeitung und mehr als den ersten Satz liest. Im Butt geht es nämlich weiter: “… Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: ‘Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?’ Ich, das bin ich jederzeit. …” Also auch noch der beste zweite Satz, usw.

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8. November 2007 | Frank Berzbach | 12:57

Kant? Nie gehört …

Der Philosoph Immanuel Kant hat seine Pflichtethik so präzise ausgearbeitet, dass einem angst und bange wird. Nach der Lektüre der “Kritik der praktischen Vernunft” ist man überzeugt: Auch nachts, wenn weder Autos noch Polizisten drohen, muss man brav warten, bis die Ampel auf Grün springt. Vernunft zeigt sich eben durch pflichtgemäßes Handeln. Nun: Bis Köln ist der Königsberger nie gekommen. Die Stadt zeigt einen von jeder Pflichtethik unberührten Alltag. Im Stehcafé, in dem ich jeden mittag meinen Kaffee trinke, gibt es jetzt ein Angebot. Vor 12 Uhr sind Croissant&Kaffee preiswerter. Dafür gibt es keinen Stempel in die Bonuskarte. Um 12:01 Uhr müsste es mit dem Angebot also vorbei sein, folgt man Kant. Ich allerdings habe allein deshalb noch keinen einzigen Stempel in meiner Bonuskarte, weil das Angebot — in der typischen kölner Interpretation — auch um 13:20 irgendwie noch gilt. Ich zahle also weniger und bedanke mich preußisch korrekt. (Ich gebe dann den Rest natürlich als Trinkgeld.) In Köln geht alles, Hauptsache man erwähnt niemals “Prinzipien”, auch ein Begriff von Kant. Prinzipienerwähner werden nämlich scharf mit “Sie” angesprochen (sonst in Köln völlig unüblich) — und dann gibt es auch um 11 Uhr nicht mehr den Angebotspreis. Dann gibt es vielleicht gar keinen Kaffee, sondern Hausverbot. Wer sich also anpassen kann an Köln, der lebt wie auf einer Insel: ohne Kant, ohne störende Pflichtethik im Kleinen, ohne die weit entfernte Idee, fünf sei eine ungerade Zahl. Deshalb ist Köln eine der beliebtesten Studentenstädte — die ganze Stadt gibt sich, als hänge man auf dem Sofa einer Fachschaft ab. Und es gibt schlimmeres …

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