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Plaudern mit Plutarch

Um die Griechen steht es schlecht. Krise allüberall. Auch das antike Erbe ist in keinem guten Zustand. Obwohl kaum ein deutscher Satz ohne altgriechische Immigranten auskommt – „Ist doch logisch!“, „Wie lange hat die Apotheke geöffnet?“, „Technik macht’s möglich“, „Coole Grafik“, „Unsere Politiker sind doch alle Idioten…“ etc. pp.* –, beherrschen immer weniger Menschen die Sprache der Illias und der Odyssee. Der Zugang zu jener schier unerschöpflichen Quelle, aus welcher unsere Kultur bis dato schöpft, scheint heutigen Generationen zunehmend verschlossen. Kein Wunder, möchte man einwenden, steht das Altgriechische doch in dem schlechten Ruf, selbst Lernbeflissenen besonders hohe Hürden zu setzen. Davon abgesehen hat es für die polyglotte Generation Facebook wenig Nutzwert. Smalltalk-tauglich ist die Zunge Homers und Aristoteles’ jedenfalls nicht.

Christophe Rico dürfte das ein wenig anders sehen. Zusammen mit Emmanuel Vicart, Paul Morales und Daniel Martinez hat der Gräzist und Grammatikdozent ein Lehrbuch für Altgriechisch-Kurse und Selbstlerner entwickelt, das die sogenannte Koiné, das „allgemeine Griechisch“ (3./2. Jahrhunderts vor Chr. bis 3./5. Jahrhundert nach Chr.), so vermittelt, als handelte es sich um eine moderne – lebende – Fremdsprache.

Auf knapp 170 Seiten begegnen dem Eleven in Ricos Lehrwerk mit dem programmatischen Titel Polis zehn unterschiedliche Charaktere, in der Regel selbst Schüler oder Lernende, die statt seitenlanger Deklinationstabellen mehr oder weniger realistische Sprechsituationen mit alltagstypischem Vokabular offerieren. Die beigefügte Audio-CD ermöglicht zu Beginn einer jeden der insgesamt zwölf Lektionen das aus dem Fremdsprachunterricht bekannte „Einhören“. Erst danach erfolgt die (stille) Textarbeit. Grammatik-Übersicht, Übersetzungsteil und ein Lexikon mit Beispielsätzen runden den Band ab.

Wer ihn durcharbeitet, gewinnt ein elementares Verständnis des Altgriechischen und ist, so verspricht der Autor, nach zwei Jahren kontinuierlicher Übung in der Lage, einfache erzählende Texte auch ohne Lexikon zu lesen. Komplexere grammatische Phänomene wie Konjunktiv, Plusquamperfekt und Partizipien sind weiteren, geplanten Folgebänden vorbehalten. Fazit: Scheut man die Mühen der Ebene nicht (und ist man gewillt, den üppigen Preis von 42 Euro zu bezahlen), bieten Rico und Co. einen gleichermaßen intelligenten wie unterhaltsamen Einstieg in den Sprachkosmos der alten Griechen.

Christophe Rico (2011): Polis. Altgriechisch lernen wie eine lebende Sprache. Aus dem Französischen übertragen von Helmut Schareika. Hamburg, 301 S., 42,00 Euro.

*Einen informativen Überblick bietet das Buch von Friedrich Wolff und Otto Wittstock: Latein und Griechisch im deutschen Wortschatz.

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