Im Reich der vogelfreien Presse
Der Tod versteckte sich in einem Diplomatenköfferchen. Am Vormittag des 17. Oktober 1994 holte es Dmitrij Cholodow aus einem Bahnhofschließfach und brachte es in die Redaktion des Moskowskij Komsomolez, der wichtigsten Zeitung in der russischen Hauptstadt. Der 27jährige Sonderkorrespondent hoffte, dass sich in dem von Unbekannten zugespielten Köfferchen Unterlagen zur Korruption in der Westtruppe befanden, jenen Einheiten der ehemals sowjetischen Streitkräfte, die sich Anfang der 1990er Jahre aus der DDR zurückzogen.
Cholodow war dicht an der Story dran, er wusste, dass in Ostdeutschland in großem Stil Waffen und Lebensmittel verschoben wurden, dass sich Offiziere teure Autos und Möbelgarnituren für ihre Moskauer Wohnungen anschafften. Und er wusste, dass die Korruption auch ganz oben, im Verteidigungsministerium, um sich griff. Cholodow hatte in seinen Artikeln den Verteidigungsminister Pawel Gratschow – wegen seiner Vorliebe für Luxuskarossen „Pascha Mercedes“ genannt – mehrmals persönlich angegriffen. Wenige Tage vor seinem Tod sollte der Enthüllungsjournalist im Parlament über die Zustände in der maroden Armee berichten.
Die Bombe explodierte beim Öffnen des Diplomatenköfferchens, sie riss Cholodow beide Beine weg und verunstaltete sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit. Seine Kollegin Jekaterina Dejewa, die im gleichen Zimmer arbeitete, kam mit leichten Verletzungen davon. Sie hörte Cholodows letzte Worte: „Dreht mich auf den Rücken, ich kann nicht atmen. Wie ärgerlich!“
Cholodows Tod, der erste politische Journalistenmord, der das postsowjetische Russland erschütterte, bleibt ungesühnt. Vieles spricht dafür, dass die Straffreiheit seiner Täter Dutzende weitere Auftragskiller zu ihren Untaten ermuntert hat. Cholodows Schicksal – mutige Artikel trotz Todesdrohungen, eine hinterhältige Hinrichtung, juristische Farce statt Aufklärung – dieses Schicksal hat sich zu einem zynischen Automatismus verdichtet, dem alle Journalistenmorde in Russland seitdem gehorchen. Igor Domnikow (2000), Juri Schtschekotschichin (2003), Paul Khlebnikov (2004), Anna Politkowskaja (2006), Iwan Safronow (2007), Anastasija Baburowa (2009), ob von einer Bombe zerfetzt, vergiftet, erschossen, mit einem Hammer erschlagen oder aus dem Fenster geschubst, sie alle starben denselben Tod – den unaufgeklärten.
Bemerkenswert, dass dieses Muster unabhängig der politischen Verhältnisse im Kreml greift: In Wladimir Putins „Diktatur des Gesetzes“ leben Journalisten nicht sicherer als in den wilden 1990ern unter Boris Jelzin. Seltsam auch, dass die Aufklärungsrate bei Journalistenmorden seit 15 Jahren gegen Null tendiert, während sich das russische Innenministerium bei anderen Schwerverbrechen mit steigenden Aufklärungsstatistiken brüstet.
Seit 2000 sind 17 russische Journalisten wegen ihrer Recherchen getötet worden, ihre Mörder bleiben auf freiem Fuß. Mit jedem unaufgeklärten Mord verfestigt sich der Eindruck, dass Pressefreiheit in Russland vor allem zweierlei bedeutet: Dass kritisch denkende Journalisten vogelfrei und ihre Mörder straffrei sind.
Mit ihrer Angst werden die Journalisten oft alleine gelassen, die Gesellschaft reagiert auf die Morde mit immer kürzeren Schockphasen. Der Schock weicht einer entsetzten Apathie, man gewöhnt sich daran, dass tote Journalisten zum Alltag gehören wie korrupte Polizisten oder überarbeitete Chirurgen. Ermordeten Journalisten werden keine Denkmäler gesetzt, nach ihnen werden in den russischen Metropolen keine Straßen benannt. Tote Journalisten in Russland sind tot. Ihre Namen sind nicht unsterblich, ihre Porträts hängen nicht in den Lehrsälen journalistischer Fakultäten.
Postum verhöhnt
Nach dem Mord an Anna Politkowskaja erlaubte sich Präsident Putin die Bemerkung, ihr „Tod habe dem Land mehr geschadet als ihre Arbeit.“ Auch Verhöhnung der Opfer hat in Russland Tradition. Als Verteidigungsminister Gratschow 1994 vom Tod Dmitrij Cholodows erfuhr, meinte er, der Journalist sei beim Hantieren mit selbstgebasteltem Sprengstoff zu Tode gekommen. Für Cholodows Eltern lag der noch größere Zynismus darin, dass der bullige Minister – der ihren Sohn in einer Talkshow als seinen „Feind Nummer eins“ bezeichnet hatte – von Präsident Jelzin nicht entlassen sondern viel mehr mit der Führung des ersten Tschetschenien-Kriegs beauftragt wurde. Wenige Monate später schwärmte Gratschow von russischen Soldaten, die bei der Belagerung Grosnys gefallen waren: „Die Jungs starben mit einem Lächeln im Gesicht.“
Im Gerichtssaal wurden die Eltern Cholodows von den Beschuldigten, allesamt Armeeangehörigen, mehrmals angepöbelt. Cholodows Kollegin Jekaterina Dejewa, die die Explosion überlebte und als Mitbetroffene an den Verhandlungen teilnehmen durfte, berichtete von verschwundenen Unterlagen und nicht ausgewerteten Tonbändern. Die Staatsanwältin, die überzeugt war, die beschuldigten Offiziere hätten lediglich den mehrmals geäußerten Wunsch ihres Ministers erfüllt, mit „diesem Journalisten fertig zu werden“, musste wegen Morddrohungen Personenschutz beantragen.
Der mehrmals aufgerollte Prozess zog sich über Jahre hin, 2004 wurden alle Beschuldigten endgültig freigesprochen und erhielten für ihre Zeit in der Untersuchungshaft Entschädigungen in Höhe von bis zu 200 000 Euro. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte lehnte eine Revisionsklage von Cholodows Eltern mit der Begründung ab, 1994 hatte Russland die Europäische Charta der Menschenrechte noch nicht unterzeichnet. Cholodows Vater Juri erlitt bisher zwei Herzinfarkte. Zurzeit beschäftigt sich der UN-Ausschuss für Menschenrechte mit dem Fall, Aktenzeichen 215.51 RUS (39) 1548.2007. Womöglich mahnen die UN-Juristen irgendwann eine Entschädigung für Juri Cholodow und seine Frau Soja an. Ob die russische Regierung das Geld je auszahlt, ist unklar. Der Anwalt der Cholodows bezweifelt das.
Zur Person
Timofey Neshitov ist freier Journalist.
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Themen: Gesellschaft | Journalismus
Vor 15 Jahren wurde in Moskau der Journalist Dmitrij Cholodow ermordet. Seine Mörder bleiben auf freiem Fuß. Es war der erste politische Journalistentod im neuen Rußland – der Anfang einer Serie.