Wissen 2.0
Das Internet ist ein Sprengsatz, der „trotz aller Kontrolle Löcher in die politischen Systeme und die lokalen Lebenswelten reißt“. Dieses drastische Bild, das Florian Rötzer von den emanzipatorischen Auswirkungen des neuen Leitmediums gezeichnet hat, gilt auch für die Wissenschaft: Die Sprengkraft des Internets und seiner zahlreichen Anwendungen – E-Mail, Wikis, Online-Foren, Blogs, E-Learning und so weiter – hat auch in ihren Hallen große Löcher und Krater gerissen. Die notwendig gewordenen Reparatur- und Umbauarbeiten werden so umfangreich und tiefgreifend sein, dass am Ende eine andere Universität dabei herauskommt. Dort werden wir uns nur noch dann zurechtfinden, wenn wir uns von den ur-alteuropäischen Idealen der Humboldtschen Volluniversität und des diskursiv-linearen Denkens verabschieden.
Betroffen sind vor allem die Geistes- und Sozialwissenschaften, für die das Internet im Unterschied zu den Naturwissenschaften die eigentliche Herausforderung darstellt, weil es insbesondere ihre Arbeitsmethoden und Denkweisen nachhaltig erschüttert.
Copy & Paste
ist der Name für ein zweistufiges Verfahren zur Übertragung von Daten zwischen Programmen bzw. Dokumenten. Dabei werden zuvor markierte und kopierte Daten in einem Zwischenspeicher abgelegt, von wo aus sie jederzeit in jede beliebige Anwendung eingelesen werden können.
Wer dort früher, das heißt vor etwa 15 bis 20 Jahren, mühsam in Zettelkästen nach relevanter Literatur schürfte oder Wochen auf eine Fernleihe warten musste, der findet heute nahezu alles mit ein paar Klicks im Netz: Informationen über Kollegen, Abstracts, Diskussionspapiere, Artikel in elektronischen Journalen, umfangreiche Datenbanken. Im Idealfall muss man sich für eine wissenschaftliche Arbeit gar nicht mehr aus dem Haus bewegen: Die Bücher kommen per Amazon, die Artikel aus dem Drucker, und die Fachdiskussion spielt sich per E-Mail oder auf Videokonferenzen ab, selbstverständlich über Ländergrenzen hinweg.
Wie im Casino heißt es nun auch in der Wissenschaft: Rien ne va plus – ohne Internetanschluss geht nichts mehr. Das Web hat sich unwiderruflich zur Drehscheibe der Wissenschaft entwickelt. Als Universalschnittstelle fungieren dabei die mächtigen Suchmaschinen, an erster Stelle Google, das bei 80% aller Suchanfragen im Netz bemüht wird. Wer im Wissenschaftsspiel heute noch mithalten will, muss sich gezwungenermaßen mit diesen neuen Medien, mit der Digitalisierung und Globalisierung des Wissens auseinandersetzen. Eine knappe Einführungsstunde zu Studienbeginn reicht dafür schon lange nicht mehr aus. Der angemessene Umgang mit den internetbasierten Technologien ist ein klarer Fall für life long learning.
Für die Produktionsbedingungen wissenschaftlichen Wissens heißt das vor allem eines: Um wissenschaftliches Wissen zu erzeugen, ist ein immer umfangreicheres Metawissen vonnöten. Wer nicht genügend Metawissen angehäuft hat und permanent weiter anhäuft, läuft schnell Gefahr, gar kein relevantes Fachwissen mehr generieren zu können. Ein Beispiel: Während mancher Lehrstuhlinhaber seinen Doktorhut vor 30 Jahren noch für eine akribische Wortanalyse in Homers Ilias erhielt, erledigt dessen kundige Assistentin dasselbe mit Hilfe einer Datenbankabfrage heute in wenigen Minuten. Noch nie wurde Fachwissen so schnell obsolet wie in den letzten 20, 30 Jahren.
Gutenberg-Galaxis
Der Begriff ,Gutenberg-Galaxis‘ wurde in den 1960er-Jahren vom kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan geprägt. Er steht synonym für eine Welt, in der das Buch die Rolle des Leitmediums innehat. Im Unterschied dazu spricht man heute vom elektronischen oder digitalen Zeitalter. Der Medienforscher Volker Grassmuck verwendet in Anlehnung an den Computerpionier Alan Turing den Begriff ,Turing-Galaxis‘. Dort nehmen Computer den Platz des Buches als Leitmedium ein.
Überhaupt scheint Geschwindigkeit immer mehr zum Schlüsselkriterium für erfolgreiche Forschung zu werden. Die meisten – angehenden wie etablierten – Wissenschaftler verfahren bei ihren Ermittlungen im Netz nämlich nach dem First-stop-shop-Pinzip: Der erste Treffer muss sitzen. Es versteht sich von selbst, dass diese Methode zwar zeitsparend, nicht aber qualitätsfördernd ist. Nur selten ist der erste Treffer auch der Beste.
Ganz abgesehen davon, weiß eigentlich niemand so recht, nach welchen Kriterien bzw. Algorithmen Suchmaschinen wie Google bei ihrer Recherche überhaupt vorgehen. Denn in Wirklichkeit sind es ja die Maschinen, die uns antworten, wenn wir eine Suchanfrage starten – und nicht das ozeanisch informationsgesättigte Web selbst.
Das verweist auf eine weitere, vielleicht sogar die eigentlichen Schlüsselkompetenz der spätmodernen Wissensproduktion: Informationsvermeidung.
Wer früher einen Brief schrieb, hackt heute drei, vier Mails in den Rechner; wer vor wenigen Jahrzehnten eine Hand voll Fachzeitschriften zur Kenntnis nehmen musste, sieht sich nun einer wahren Flut von e-Journals und Download-Angeboten ausgeliefert. Das Internet hat sich also trotz oder wohl eher wegen all seiner nützlichen und einer Menge unnützer Anwendungen zum „Zeitfresser ersten Ranges“ entwickelt, wie die Freiburger Soziologin Nina Degele meint.
Deshalb gelte es im Internetzeitalter zuallererst einmal, möglichst viele Kommunikationsanforderungen abzuwehren und jede überflüssige Information zu vermeiden, so Degele. Zum Beispiel durch kursorisches, oberflächliches Lesen (neudeutsch: Browsing) oder Multitasking: Während man rasch eine E-Mail an die Kollegin in Kalifornien tippt, telefoniert man mit dem Institutsleiter und überfliegt nebenbei noch einen Abstract. Diese kurzen Zusammenfassungen, einst als Überblick und Einstieg in einen längeren Text gedacht, erfreuen sich übrigens zunehmender Beliebtheit als Totalersatz für die eigentliche Lektüre. Ebenso beliebt sind schlanke Einführungsbücher anstelle wuchtiger Originale. Oder Online-Enzyklopädien, aus denen man mit ein paar Mausklicks den ein oder anderen Absatz – leicht verändert – im Copy & Paste-Verfahren übernehmen kann.
Für die Produktion gehaltvollen wissenschaftlichen Wissens taugen diese Strategien nur sehr bedingt. Schließlich ist gute Wissenschaft immer noch gleichzusetzen mit der relativen Verschwendung von Lebenszeit. Bleibt davon immer weniger für die ursprüngliche wissenschaftliche Arbeit übrig, z.B. die aufwändige Lektüre von Klassikern und die mühselige Suche nach treffenden Formulierungen, leidet zwangsläufig die Qualität – oder aber der Mensch, der sie unter Hochdruck produzieren muss.
Google Book Search
(books.google.com) ist ein Internetdienst der Suchmaschine Google und besteht aus zwei Teilprojekten: Google Print und Google Library. Ersteres ist ein – rechtlich unumstrittenes – Kooperationsprojekt zwischen Google und zahlreichen Verlagen, die Auszüge ihrer Printprodukte zu Recherchezwecken im Internet freigeben. Das Ziel von Google Library ist es hingegen, Millionen von Büchern und Dokumenten aus renommierten Bibliotheken (z.B. der Bodleian Library in Oxford) ohne vorherige Zustimmung der jeweiligen Rechteinhaber dieser Werke einzuscannen und öffentlich zugänglich zu machen, was zu zahlreichen Protestaktionen geführt hat.
In kaum einem Bereich wissenschaftlichen Arbeitens macht sich die digitale Revolution jedoch so stark bemerkbar wie auf dem Feld der Darstellung, Aufbereitung und Weiterverwertung von Wissen. Das erfährt vor allem das analoge Leitmedium der Gutenberg-Galaxis, das Buch: Im März 2006 hat die EU-Kommission als Reaktion auf Google Book Search beschlossen, innerhalb von fünf Jahren mindestens sechs Millionen Bücher, Dokumente und andere kulturelle Werke zu digitalisieren und ein europaweites Netz von Digitalisierungszentren aufzubauen. Auf dem Weg dorthin gilt es lediglich noch einige juristische Hürden zu überwinden, die im wesentlichen die Autoren- und Verlagsrechte berühren.
Die akademischen Wissensproduzenten folgen diesem Trend zur Digitalisierung gern: Immer mehr Aufsätze und sogar ganze Bücher erscheinen (nur noch) im Netz. Das hat handfeste Gründe, wie Michael Schetsche, Mediensoziologe und Mitherausgeber der ,Google-Gesellschaft‘ weiß: Schließlich sind nur diejenigen in der Wissenschaft praktisch überhaupt vorhanden, und damit ernst zu nehmende Konkurrenten am heiß umkämpften Stellenmarkt, die man auch im Netz, genauer: auf den Plätzen 1-30 bei Google finden kann. Denn in der Aufmerksamkeitsökonomie des Internetzeitalters gehe es nicht nur darum, mit der eigenen Aufmerksamkeit sparsam umzugehen (Stichwort ,Informationsvermeidung‘), sondern auch, die Aufmerksamkeit der anderen möglichst dauerhaft auf sich zu ziehen, so Schetsche. Webpräsenz ist Pflicht.
Doch nicht nur, dass immer mehr Texte, darunter ganze Bibliotheken, ihren Weg ins Internet finden, nein, auch herkömmlich fabrizierte, also gedruckte Texte nähern sich in ihrem Erscheinungsbild immer mehr dem Webdesign an. Dies sieht man besonders deutlich an der neuen Generation von Lehrbüchern: In ihnen wird das Wissen Häppchenweise gereicht, in bekömmlichen, homöopathischen Dosen, eher assoziativ statt linear-systematisch, kontextualisiert statt hierarchisch, aufgelockert mit farbig hinterlegten Infokästen, Wiederholungsfragen, Definitionen und Merksätzen.
Was bedeutet das für die Universität von morgen? In der alten, analogen Welt lagen Produktion und Distribution des Wissens in der Hand einer kleinen, überschaubaren Experten-Elite. Wissen wurde individuell hergestellt und war linear-systematisch beziehungsweise hierarchisch klar gegliedert. Zwischen Wissenschaftlern und Laien gab es eine eindeutige Grenze. All das gilt im fortgeschrittenen Internetzeitalter nicht mehr.
So wird Fachwissen zunehmend von Metawissen verdrängt. Die alten Kriterien der Darstellung und Weiterverarbeitung des Wissens lösen sich auf, Grenzen verschwimmen – zwischen nüchternen Fakten, Essay und Multimediashow, zwischen lebensweltlichem Wissen und Fachwissen, Deskription und Fiktion, aber auch: zwischen den einzelnen Disziplinen, zwischen Archäologie, Metallkunde und Biologie zum Beispiel, zwischen Wissenschaft und Kunst, Wissenschaft und Journalismus. Alles wird im Netz und durch das Netz vermittelbar und kombinierbar.
Magazine und Internet-Dienste wie Spiegel Online, sciencegarden, Wikipedia, Google Book Search und Co. weisen darauf hin, dass sich die neu entstehenden Wissenslandschaften zunehmend zerklüften, heterogener und unübersichtlicher werden. Mix it, Baby, lautet die Devise. Am Ende kommt etwas Neues dabei heraus: Wissen 2.0.
Michael Schetsche
ist Privatdozent für Soziologie und Abteilungsleiter am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Zusammen mit Kai Lehmann hat er 2005 einen voluminösen Sammelband unter dem Titel ,Die Google-Gesellschaft‘ herausgegeben, in dem es um die vielfältigen Facetten des technologischen und sozialen Wandels geht, der durch das Internet und seine spezifischen Anwendungsmöglichkeiten ausgelöst wurde.
Dieses Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es dem Netz selbst immer ähnlicher wird. Wahrscheinlich, vermutet Michael Schetsche, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis die erste Doktorarbeit im Hypertext-Format an einer Universität eingereicht werde. Sie würde die Grundfesten der Wissenschaft mit ihren Kategorien von richtiger und falscher Lesart mehr erschüttern als es die Postmoderne je vermocht hat. Die Hypertext-Dissertation wäre ein Text ohne die ,klassische‘ Trias aus Einleitung, Hauptteil, Schluss. Stattdessen gäbe es nur noch diverse Startpunkte und dutzende Möglichkeiten, sich im wissenschaftlichen Hypertext einen Sinn zu erlaufen, einen von vielen möglichen wohlgemerkt.
Noch etwas wird das neue Wissen 2.0 auszeichnen: Es wird immer seltener ausschließlich von akademisch zertifizierten Wissenschaftlern hergestellt und immer häufiger von kreativ-chaotischen und globalisierten Kollektiven als von eigenbrötlerischen Erfindern und Einzelautoren. So gibt es bereits heute naturwissenschaftliche Veröffentlichungen mit rund 300 verschiedenen Autoren. Die sozialrevolutionäre Idee des Autorenkollektivs aus den 1970er-Jahren lässt grüßen (als Farce, hätte Karl Marx wohl bemerkt).
Wer in der Wissenschaft in Zukunft noch mitreden, wer vor allem erfolgreich sein will, muss die Quadratur des Kreises schaffen: Er oder sie muss virtuos auf der Klaviatur des Netzes und seiner Möglichkeiten spielen, tagtäglich den darwinistisch anmutenden Kampf um digitale Anerkennung in der Aufmerksamkeitsökonomie ausfechten, und sich zugleich so weit wie möglich aus all diesem hektischen Treiben heraushalten. Letzteres dürfte nur wenigen vergönnt sein.
Denn die Universität der Zukunft wird vermutlich zerfallen: In eine höhere Schule mit modularisierten, gestrafften Studienplänen auf der einen Seite, in der den breiten Massen ausreichend Metawissen vermittelt wird, um den ständig wechselnden Anforderungen der außerakademischen Arbeitswelt zu trotzen. Und in eine elitäre Spitzenuniversität auf der anderen Seite, an der es noch vereinzelte – anachronistisch-analoge – Oasen der Wissensproduktion gibt.
Die prominentesten und glücklichsten Oasenbewohner werden diejenigen sein, denen ein Heer von mediengewandten Wissensproletariern das Netz nach Relevantem und Unsinnigem vorsortiert, während sie selbst sich der reinen Wissensproduktion hingeben dürfen – wie einst mit ausreichend Muße, Buch, Papier und Köpfchen.
Links zum Thema
- Homepage von PD Dr. Michael Schetsche (mit weiterführenden Informationen zum Thema Internet)
- Hier geht’s direkt zur Google-Gesellschaft
Zur Person
Christian Dries ist Chefredakteur dieses Magazins und jeden Tag im Internet unterwegs.
Literatur
- Sigrid Nolda (2004): Zerstreute Bildung. Mediale Vermittlung von Bildungswissen. Bielefeld.
- Nina Degele (2001): Informiertes Wissen. Eine Wissenssoziologie der computerisierten Gesellschaft. Frankfurt/M.
- Kai Lehmann/Michael Schetsche (Hrsg.) 2005: Die Google-Gesellschaft. Vom digitalen Wandel des Wissens. Bielefeld.
- Florian Rötzer (2005): Das globale Gehirn. Eine Leitbotschaft. In: Kai Lehmann/Michael Schetsche (Hrsg.): Die Google-Gesellschaft. Bielefeld, S. 11-14.
Kategorien
Themen: Internet | Soziologie | Web 2.0 | Wissensgesellschaft
Das Internet hat auch die Wissenschaft radikal verändert. Aber wie? Unser Autor wagt einen Ausblick in die digitale Zukunft der Universität, die schon längst begonnen hat.