KILL TIME!
In einer zunehmend komplexen Welt ist der Bedarf an Diskussionen, Meetings, Kolloquien, Besprechungen und Sitzungen groß. Entscheidungen müssen abgestimmt, anstehende Probleme diskutiert werden. Universitäten, Verbände und Vereine haben, solange sie noch nicht in Unternehmen umgewandelt sind, ein erhöhtes Aufkommen an solchen demokratischen Prozessen. Und diese sind bekanntlich lang, mühsam und vor allem langweilig.
Nichts schreckt den Jungforscher daher mehr als die Einladung zu einer ,ganztägigen Klausur‘ der Fakultät. Solche Tage sind nicht einfach nur die Hölle, sie sind die totale Hölle! Assistenten und Doktoranden fallen nämlich elaborierte Sonderrollen zu: sie sitzen ,bloß dabei‘, sie müssen im richtigen Moment nicken, den Kopf schütteln, ignorant in die Runde schauen, grinsen oder neuen Kaffee holen. Noch undankbarer ist es, wenn der Chef vertreten werden will und exakte Verhaltensregeln mit auf den Weg gibt.
Einfach wegdösen wird dann unmöglich, ist aber generell auch zu auffällig. Wer mehr als zwei Mal zur Toilette oder zu häufig zum Rauchen geht, der gilt als krank oder arbeitsfaul. Es sind also andere Strategien gefragt. Doch obwohl die Besprechungskultur schon so lange existiert wie die Langeweile selbst, stagnieren die Methoden „to waste time“ seit vielen Jahrzehnten. Es gibt, grob unterschieden, kognitive und motorische Techniken.
Erstere sind anspruchsvoll, denn der Besprechungsteilnehmer muss seinen Kopf benutzen. Beliebt sind Beobachtungsspiele. So können Strichlisten darüber angefertigt werden, welcher Professor wie oft „ich sag jetzt Mal“ oder „ein Stück weit“ sagt. Mit ein wenig Übung werden solche Tätigkeiten von den anderen Teilnehmern als Interesse am Thema interpretiert. Verbreiteter sind die motorischen Varianten des gepflegten Zeittotschlags, weil sich dabei auch das Denken abschalten lässt.
Nach wie vor dominiert eine ganz einfache Methode: Wer eine gute Sitzposition hat, der malt – wie schon als Kindergartenkind, Schüler und Student – die Kästchen seines Kollegblocks aus. Das macht eine halbe Stunde lang Freude, aber dann wird auch das langweilig.
Ab der zweiten Stunde, in der auch Hunger, Durst und Rückenschmerzen zunehmen, sind andere Mittel nötig. Und die Rettung kommt aus Frankreich: „Life’s too long not to waste time!“ – so der englische Untertitel eines Malbuches für die gebildeten Stände. Im handlichen A5-Format hält es auf 60 Seiten „exercises to kill time“ bereit – und diese sind wesentlich attraktiver als das Ausmalen von Kästchen.
Es ist ganz einfach. Ein Beispiel: In einem Kreis ist ein kleines Mobiltelefon abgebildet. Das Icon wiederholt sich, acht Stück pro Zeile und zwölf Reihen pro Seite. Das erste gibt die Vorlage. Mit einem Querstrich wird daraus ein Handy-Verboten-Schild. Der Nutzer wird aufgefordert alle anderen ähnlich auszumalen.
Auf der nächsten Seite finden sich 96 Geschenkpakete, aber nur eins ist mit einer Schleife umwickelt – die Aufgabe ist klar. Dann zwölf Reihen Kühe, ohne Muster. Die erste ist „in Halbtrauer“ (Arno Schmidt); um alle Tiere mit schwarzen Flecken zu versehen, benötigt man bis zu 15 Minuten.
Die Icons können übrigens je nach Aggressionsgrad der Sitzung ausgewählt werden: Es gibt Bomben mit einer Lunte zum Ausmalen. In einen leeren Patronengurt müssen die Patronen eingezeichnet werden, dem Stacheldraht fehlen die fiesen Häkchen und ein stilisiertes Gesicht verlangt nach einem blauen Auge (der Fantasie sind natürlich keine Grenzen gesetzt!).
Sollten attraktive Menschen anwesend sein, dann kann man auf einer ganzen Seite hinter dem Satz „Voulez-vous coucher avec moi ce soir?“ das „oui“ unterstreichen. Oder das Wort ,SIX‘ durch das hinzufügen von drei horizontalen Strichen in ,SEX‘ verwandeln. (Das Buch stammt von französischen Designern.)
Kurzum: Das Malbuch „Kill time“ ist wie maßgeschneidert für die demokratisch-humboldtsche Restlaufzeit der deutschen Hochschulen. Studenten in Vorlesungen, Assistenten in Besprechungen und auf Tagungen werden darauf nicht mehr verzichten wollen. Die Komplexitätssteigerung gegenüber dem Kästchenausmalen ist enorm, denn die zeichnerischen Anforderungen sind höher. Die visuellen Reize – zu verschleiernde Pin-ups, zu zerteilende Kuchen, Vögel in Käfigen, Bergmassive mit/ohne Fähnchen, (un)bemalte Ostereier, HotDogs (mit/ohne Ketchup) oder Tennisschläger (ohne Saiten) – sind weitaus größer. Die Icons inspirieren die Fantasie.
Und das Beste: Die Zeit vergeht wie im Flug, ja, die monotone Beschäftigung – zum Beispiel das Ausfüllen 72 imaginärer Lottoscheine – macht sogar Freude und stiftet Hoffnung.
Die Tätigkeit steht zudem direkt in Bezug zu den Lottospielen des Hochschulalltags: Wird es meinen Fachbereich nächstes Semester noch geben? Wie hoch werden die Studiengebühren ausfallen? Werde ich die Reihe kleiner Bomben bis zum Ende der Besprechung ausmalen können? Und schließlich: Wird die Besprechung irgendwann enden…
KILL TIME ist in Deutschland nur über den Lesershop des MAGAZIN erhältlich. Es kostet 13,90 Euro.
Links zum Thema
- Atypyk: Innovatives Produktdesign aus Paris
- DAS MAGAZIN online
Zur Person
Dr. Frank Berzbach ist sciencegarden-Redakteur.
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Die wichtigste Innovation, seit es Fachbereichssitzungen gibt, ist ein Malbuch aus Frankreich. Sein Motto: Life’s too long not to waste time. Mit 60 Seiten voller Ausmalbildchen wird jede Besprechung erträglich.