Mentoring: Klasse statt Masse
Beim Mentoring geht es nicht nur um Kontakte: die Weitergabe von Erfahrungen, die Beratung eines Mentees durch Mentoren steht im Mittelpunkt. An der Universität Braunschweig läuft das Projekt emento, bei dem das klassische Mentoring in moderner Form umgesetzt wird. Mit der Projektkoordinatorin Aglaja Popoff sprach Birgit Milius.
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sg: Welches Ziel verfolgt das Projekt emento?
AP: Das übergeordnete Ziel von emento ist die Erhöhung der Frauenanteile in Naturwissenschaft und Technik.
sg: Wie soll das erreicht werden?
AP: Das Mentoringprogramm emento bringt erfolgreiche Frauen, die in technischen Bereichen tätig sind, mit Schülerinnen zusammen, die sich noch in der beruflichen Orientierungsphase befinden. Auch die Beratung von Studierenden technischer Fächer durch Mentorinnen ist möglich.
sg: Mentoring als solches ist nicht neu. Was unterscheidet emento vom klassischen Mentoring?
AP: Viele erfolgreiche Personen, egal ob Männer oder Frauen, sind grundsätzlich bereit, sich als Mentoren zu engagieren. Häufig fehlt jedoch die Zeit für beispielsweise regelmäßige Treffen. Bei emento erfolgt die Kommunikation im Wesentlichen über das Internet, dies ermöglicht den Beteiligten zeitliche und örtliche Flexibilität. So konnten auch Mentorinnen aus dem Ausland gewonnen werden.
sg: Wie muss man sich die Kommunikation über Internet vorstellen?
Mentor: Lehrer, Berater, Erzieher (griechisch; nach Mentor, dem Erzieher des Telemach in der Odyssee).
Quelle: WAHRIG Fremdwörterlexikon.
AP: Wir haben im Internet eine Plattform für Mentorinnen und Mentees eingerichtet. Dort gibt es im Wesentlichen drei Bereiche: Zum Einen gibt es ein Forum, in dem zu unterschiedlichen Themen frei diskutiert werden kann. Hier kann man sich beispielsweise zu Fragen der Berufswahl oder zu Aspekten der Vereinbarkeit von Kind und Karriere austauschen. Ein zweiter Bereich sind regelmäßige Themenchats, bei denen mit externen Expertinnen über ein bestimmtes Thema „gesprochen“ wird, etwa in einer „virtuellen Studienberatung“. Herzstück aber ist das Profilverzeichnis, in dem sich alle Mentorinnen und Mentees vorstellen – nicht nur mit beruflichen Daten, sondern auch mit Einblicken in ihr privates Leben.
sg: In wie weit haben Sie die klassischen Probleme von netzbasierter Kommunikation, also vor allem Missverständnisse durch die fehlende Körpersprache, vermeiden können?
AP: Zum Einen reglementieren wir den Zugang zu unserer Projektplattform sehr strikt. Zum Anderen kennen sich die Teilnehmerinnen sowohl durch die zum Teil sehr detaillierten Profile auf der Plattform als auch aus den Präsenzveranstaltungen. Man tauscht sich also nicht mit gänzlich Unbekannten aus.
sg: Was verstehen Sie unter Präsenzveranstaltungen?
AP: Flankierend zum Geschehen auf der Mentoring-Plattform gibt es eine Auftaktveranstaltung sowie Netzwerktreffen. Hinzu kommen gemeinsame Workshops zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen. So haben sich nicht nur Kontakte zwischen Mentorinnen und Mentees positiv entwickelt, sondern das Networking hat auch zwischen den Mentorinnen funktioniert. Speziell für die Schülerinnen gibt es zusätzlich Projekttage an der Universität, in Forschungseinrichtungen und Betrieben, bei denen sie in den beruflichen Alltag hineinschnuppern und Erfahrungen im Umgang mit Technik sammeln können.
sg: Wie viele Teilnehmerinnen hat das Projekt im Moment?
AP: Auf der Projektplattform sind derzeit etwas mehr als 100 Personen angemeldet, je etwa zur Hälfte Mentorinnen und Mentees.
sg: Welche Motivation haben die Teilnehmerinnen?
Was ist emento?
emento ist ein vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördertes Mentoring-Programm.
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AP: Viele Mentorinnen erzählen uns, dass sie bereits länger den Wunsch hatten, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Sie wollen Vorbild sein; zeigen, dass Frauen auch in Männer dominierten Bereichen erfolgreich sein können. Sie sind bereit, jungen Frauen auf dem Weg in technische Berufe tatkräftig zur Seite zu stehen: sei es beispielsweise durch Informationen oder die Vermittlung von Kontakten für Praktika oder ähnlichem.
Bei den Mentees steht sicherlich der Informationsaspekt im Vordergrund. Sie kommen mit dem Wunsch nach Orientierungshilfe bei der Berufswahl. Viele wollen wissen, was denn nun ein Studium ist – jenseits von Studienplänen und Prüfungsordnungen. Ein ganz handfester Vorteil für die Mentees ist das Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme an dem Projekt, welches sie am Ende eines Projektdurchlaufs erhalten. Dieses kann bei Bewerbungen vorgelegt werden und dokumentiert ihr außerschulisches Engagement sowie die in den Bereichen Schlüsselqualifikationen und virtuelle Kommunikation erworbenen Kenntnisse.
sg: Aufgrund des Projektzieles ist die Beschränkung auf Schülerinnen und Studentinnen verständlich. Aber auch bei den Mentoren hat man sich auf Fachfrauen beschränkt. Warum? Funktioniert Mentoring oder Networking im Allgemeinen bei Männern anders als bei Frauen?
Wer kann teilnehmen?
Teilnehmen können Schülerinnen der Sekundarstufe II, Studentinnen naturwissenschaftlicher und technischer Studiengänge vom ersten bis zum Abschlusssemester und Fachfrauen naturwissenschaftlicher und technischer Berufe in Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Betrieben. Weitere Informationen zum Projekt: www.emento.de.
AP: Der Hauptgrund für eine „same gender“-Ausrichtung des Projektes war unser Wunsch, den Schülerinnen Personen zu zeigen, die für sie eine Vorbildfunktion haben können. Außerdem ist davon auszugehen, dass über bestimmte Themen auf der Plattform offener diskutiert wird. Ob Networking geschlechtsabhängig unterschiedlich funktioniert? Darauf kann ich keine konkrete Antwort geben, da mir der direkte Vergleich fehlt… Allerdings nutzen Männer schon viel länger Networking ganz bewusst als Karrierestrategie. Frauen holen diesbezüglich erst langsam auf. Frauen haben wohl auch eher ein schlechtes Gewissen, wenn sie gezielt Kontakte nutzen, um beruflich weiterzukommen und investieren häufig viel Energie als Einzelkämpferinnen.
sg: Unabhängig von dem Projekt emento: Welche Tipps für erfolgreiches Networking haben Sie für Studierende und Nachwuchswissenschaftler?
AP: Idealerweise stellt Networking eine „win-win“-Situation dar, das heißt, beide Seiten profitieren davon. Daraus ergibt sich, dass Networking immer ein Geben und Nehmen und kein Dienstleistungsunternehmen ist. Außerdem sollte man bedenken, dass Networking immer auch auf gegenseitigem Vertrauen basiert, Diskretion sollte ebenso selbstverständlich sein wie ein Dankeschön für die Unterstützung.
sg: Tendieren Sie eher zu Klasse oder Masse beim Networking?
AP: Erfolgreiches Networking ist zeitaufwändig und verlangt Geduld. Deshalb, das ist meine Meinung, sollte man eher wenige Kontakte mit mehr Aufwand unterhalten, als viele Kontakte zu oberflächlich.
Frau Popoff, vielen Dank für das Gespräch.
Links zum Thema
- Das Projekt emento an der TU Braunschweig
- emento-Zwischenbericht, September 2005 (PDF, 3,4 MB)
Zur Person
Birgit Milius ist Redakteurin dieses Magazins.
Literatur
- Ingeborg Wender & Aglaja Popoff (Hrsg.) 2005: mentoring & mobilität – Motivierung und Qualifizierung junger Frauen für Technik und Naturwissenschaft. Aachen.
Kategorien
Themen: Arbeitswelt | Karriere

Wer heutzutage bei Arbeitsplatzsuche, Auftragsvergaben oder Praktika eine Chance haben will, muss mehr denn je „Vitamin B“ haben: Beziehungen sind wichtig, um im Zweifelsfall über mehr Informationen zu verfügen als der Mitbewerber. Kommunikation auf informeller Ebene – neudeutsch Networking – steht hoch im Kurs. Eine besonderes effektive Form des Networking ist das Mentoring.