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How many roads…

*Die neue WBG-Buchreihe „Berufe für…“ gewährt orientierungslosen Studierenden Einblicke in unterschiedliche Berufsbiographien. Ob das hilft?

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG, siehe Info) in Darmstadt ist für ihre traditionsreichen und etablierten Produkte wie das Historisch-Kritische Wörterbuch der Philosophie und zahlreiche Werkausgaben bekannt. Seit letztem Herbst, pünktlich zu Beginn des Semesters, hat sich eine neue Reihe ins Programm gesellt, die elementare Bedürfnisse junger Studierender und frisch Examinierter nach beruflicher Orientierung und nützlichen Einsteigertipps ins Berufsleben bedienen will. Unter dem Titel „Berufe für …“ (Philosophen, Historiker, Philologen etc.) werden zwischen dünnen Taschenbuchdeckeln in einheitlichem Design zwölf Biographien ehemaliger Fachstudierender geboten, die ihr Studium mehrheitlich in den achtziger Jahren abgeschlossen haben. Das Layout wirkt frisch, die einzelnen Kapitel sind übersichtlich gegliedert. Zu jedem Porträt gibt es ein Bild wie in Bewerbungsmappen üblich. Am Ende jedes Buches stehen weiterführende Literaturhinweise, Kontaktadressen und nützliche Linktipps im Internet, die allerdings über das in Berufsanfängerbroschüren übliche Maß nicht hinausgehen.

"Berufe für Philosophen"Wer ein Buch der Reihe für günstige neun Euro (für WBG-Mitglieder) erwirbt, erfährt etwa 140 Seiten lang, was andere aus ihrem Studium respektive Leben so alles (nicht) gemacht haben. Das ist in erster Linie unterhaltend, weil es ein natürliches Interesse am Anderen, seinen Erfolgen, Missgeschicken und (Über-)Lebensstrategien befriedigt. Und so kann man den eigenen Weg denn auch mit vielen dieser mitunter sehr persönlich vorgebrachten (Bastel-)Biographien nach Herzenslust vergleichen. Die eigenen Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebenspläne mit denen zu kontrastieren, die auf dem Lebensweg schon ein paar Schritte weiter sind, macht das Vergnügen aus, das man bei der Lektüre immer wieder empfindet. Bestätigung und Erleichterung, manchmal vielleicht auch ein wenig Neid oder Erschrecken (über das Geleistete oder im jeweiligen Beruf zu Leistende) stellen sich dabei genauso ein wie manche heilsame Enttäuschung („so hätte ich mir das aber nicht vorgestellt“).

"Berufe für Historiker"Wer sich allerdings zu sehr von den individuellen Lebensgeschichten einfangen lässt, ist am Ende vielleicht so ratlos wie zuvor. Ein längerer Plausch mit der Bekannten, die schon in Lohn und Brot steht, ein Praktikum oder ein Nebenjob dürfte sich da in vielen Fällen klärender und zielführender auswirken als ein gemütlicher Leseabend. Unter der Kontingenz und Spezifität der abgedruckten Lebensläufe, Ausgangssituationen, Talente, Neigungen und Begabungen droht der Orientierungsanspruch der Buchreihe zu verschwinden: Was bleibt nach der Lektüre, außer der Einsicht, dass andere auch kämpfen mussten, es trotzdem geschafft haben oder schließlich auf Umwegen doch noch erfolgreich wurden? Was bleibt für die Gestaltung und berufliche Orientierung des eigenen Lebens, das sich mit dem der Porträtierten letztlich und am Ende eines Studiums nur in einem einzigen Punkt wirklich überschneidet: dem gemeinsamen Studienfach?! Hätte man sich die Literaturtipps nicht auch anderweitig – und billiger – besorgen können?

Ja, mit Sicherheit. Aber man wird den Mehrwert der Lektüre nur dann zu schätzen wissen und in konstruktive Ergebnisse ummünzen können, wenn man die Lebensgeschichten aktiv liest und als Orientierungsinformationen mit Aufforderungscharakter versteht. Das heißt: wenn man, wie im Studium eingeübt, das Allgemeine, Überindividuelle, das für die jeweilige Fragestellung – die eigene Lebenssituation – Relevante aus den Texten herauszieht und kritisch auf die eigene Biographie überträgt. Und das ist durchaus möglich. Genau so, wie es nötig ist, sich über das in den Texten Gebotene hinaus weiter kundig zu machen.

Diejenigen Leserinnen und Leser, die frühzeitig eine konkrete Berufsvorstellung entwickeln und gezielt auf deren Verwirklichung hinarbeiten, werden durch die Lektüre bestärkt. Am meisten aber haben jene Studierenden von den schmalen Bändchen, die noch ein wenig ratlos sind, vielleicht auch ganz grundsätzlich am gewählten Studienfach, an seinen Zukunftsperspektiven zweifeln. Sie erhalten einen ersten Überblick und können ihre diffusen Vorstellungen mit konkreten Lebensbildern kontrastieren. Und die sind äußerst vielfältig: Da wäre zum Beispiel der orientierungslose Langzeitstudent der Philosophie, der heute erfolgreicher Unternehmensberater ist. Oder die beiden Freundinnen, die aus ihrem Geschichtsstudium ein Unternehmen gemacht und ein „Kontor für Geschichte“ gegründet haben – mit allen Tücken, die eine selbstständige Existenz mit sich bringt. Eine andere Philosophie-Absolventin leitet heute ein Hotel, ein früh Infizierter ist Philosophieprofessor geworden, allerdings nicht, wie er betont, ohne einen gehörigen Arbeitseinsatz, der sich gut und gerne auf eine satte Sechzigstundenwoche summiert.

Doch ganz gleich, welchen Berufsweg die einzelnen Autorinnen und Autoren später eingeschlagen haben: Für den Lehrer oder Archivar, den Diplomaten, Museumsleiter oder „Börsenphilosophen“ entpuppte sich das mit dem Odium der brotlosen Kunst behaftete geisteswissenschaftliche Studium als „Voraussetzungsstudium“ für eine ungeahnte Vielfalt an Berufschancen und Nebentätigkeiten. Indem sie zu dieser Vielfalt die passenden Gesichter und Lebensläufe liefert, macht die WBG-Reihe Mut, auch heute noch ein Studium der Geisteswissenschaften in Angriff zu nehmen. Sie macht dabei aber auch deutlich, dass studieren allein schon lange nicht mehr alles ist.

Zwar raten fast alle Autorinnen und Autoren zunächst dazu, bei der Wahl des Studienfaches dem eigenen Herzenswunsch zu folgen, nicht aber Marktkonjunkturen und politischen Appellen. Viele haben mit großer Lust und Gleichgültigkeit gegenüber den Forderungen und Mahnungen des Arbeitsmarkts und der Wettbewerbgesellschaft einfach ‚nur‘ studiert. Vom Studium nach dem Motto l’art pour l’art wird allerdings ebenso dringend abgeraten: „Außerhalb von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Verlagen, anderen Medien usw. wird niemand eingestellt, weil er, sondern obwohl er Geschichte studiert und in diesem Fach promoviert hat“, bringt der – promovierte – Personalberater die Sache auf den Punkt. Beruflicher Erfolg in der Zukunft beruht, so lautet unisono die Botschaft, neben engagiertem Studierverhalten vor allem auf interessierte Seitenblicke schon während der Studentenzeit (in Form von Praktika, Nebenjobs oder außerakademischen Weiterbildungen). Ob die kleinen Überblicksbändchen der WBG dieses Verhalten stimulieren, etwa gar eine „Anleitung für zukunftsorientiertes Studier- und Arbeitsverhalten“ geben können, wie es in einem Vorwort heißt, muss offen bleiben. Genügend Anregungen liefern sie allemal.

Zu den zentralen, übergeordneten Erkenntnissen gehört nach der Lektüre vor allem diese: Der eigenen Lebensweg ist zugleich vergleichbar und einzigartig. Das heißt, dass man sich nützlichen Tipps und dem Lernen aus den Fehlern und Illusionen Dritter nicht verschließen sollte. Aber auch, dass kein Weg wie der andere verläuft. Wer daraus Zuversicht für die eigene Berufsbiographie schöpft, dürfte in einem immer wieder kollektiv so sehr bedrückten Land wie dem unseren nicht schlecht beraten sein. Am Ende der Lektüre gilt es, die gewonnenen Einsichten und Anregungen in die Tat umzusetzen. Das Beste, was den Büchern dieser begrüßenswerten Reihe also passieren kann, ist: dass sie von ihren Leserinnen und Lesern möglichst schnell wieder aus der Hand gelegt werden. Auch darauf kann sich ein Verlag durchaus etwas einbilden.

Beitrag von Christian Dries
Bildquelle: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

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  • Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)

Zur Person

Christian Dries ist Redakteur dieses Magazins und schreibt derzeit an einem Lehrbuch zur soziologischen Modernisierungstheorie.

Literatur

  • Margot Rühl (Hrsg.) 2004: Berufe für Historiker. Darmstadt
  • Helge Klausener (Hrsg.) 2004: Berufe für Philosophen. Darmstadt

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Themen: Karriere

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