Vom Nutzen und Nachteil der Fernseh-Geschichte
Deutschland im Herbst 2003: Die Konjunktur lahmt, die Arbeitslosenzahlen steigen, die allgemeine Stimmung ist mies. Die Umfragewerte der größten Regierungspartei sind im Keller, genauer, man entschuldige das oft zitierte Wort, auf einem „historischen Tiefpunkt“ angelangt. Für einen durchschnittlichen Politkrimi im Abendprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten könnte das durchaus reichen. Und dennoch: Ein Film über des Kanzlers orientierungslos wirkende Reformtruppe wird uns wahrscheinlich erspart bleiben. Die Agenda 2010 als kleines Fernsehspiel – nein danke!
Willy Brandt (1913-1992)
war von 1957 bis 66 Regierender Bürgermeister Berlins und wurde in dieser Funktion über die Grenzen der geteilten Stadt hinaus bekannt. Nach zwei gescheiterten Anläufen auf das Kanzleramt 1961 und 65 zog er, die Regierung Ludwig Erhards war überraschend geplatzt, 1966 als Außenminister und Vizekanzler nach Bonn,(…)
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Aber wozu auch, flimmerte doch unlängst ein medial aufbereitetes Stück jüngerer bundesrepublikanischer Vergangenheit über die Bildschirme, das den Namen Politkrimi tatsächlich verdient. Produzentin Regina Ziegler und Regisseur Oliver Storz inszenierten im Auftrag von NDR, MDR und Arte die dramatischen bis possenhaften Umstände des Rücktritts von Bundeskanzler Willy Brandt am 6. Mai 1974 als große Fernseherzählung mit enormem Staraufgebot.
Nicht Adenauer, auch nicht Ulbricht, sondern Brandt. Kein Wunder, dass sich das Fernsehen in rauen Zeiten ausgerechnet dieses Ex-Regierungschefs annimmt. Während in Berlin Brandts politischer Enkel als pragmatischer Sachverwalter ohne Esprit regiert, darf das Fernsehpublikum an den vermeintlich schwersten Stunden des umstrittensten, wohl aber visionärsten und wahrscheinlich auch beliebtesten deutschen Kanzlers teilhaben. Der Zweiteiler von Fernseh-Profi Oliver Storz, der mit Sicherheit die ein oder andere Wiederholung erleben wird, konzentriert sich auf die letzten 14 Tage Willy Brandts im Palais Schaumburg (dem damaligen Amtssitz des Bundeskanzlers). Er versucht, die sich überschlagenden Ereignisse der Agentenaffäre Guillaume, die der äußere Anlass für den Kanzlerrücktritt, nicht aber dessen Grund war, mit filmischen Mitteln zu rekonstruieren. Doch obwohl er sich eng an das historisch verbürgte Geschehen hält, bleibt der Storzsche Film in jeder Minute Fiktion, „frei nach den Fakten“ (so heißt es im Abspann). Gerade das ist seine Stärke. Storz hält nichts vom überzogenen Authentizitätsanspruch der Dokumentation oder des Doku-Dramas, das Originalaufnahmen und fiktionale Elemente montiert. Er will nicht dokumentieren, wie es wirklich war – ein Anspruch, den der Historiker als Wissenschaftler an seine Tätigkeit stellt –, sondern warum es „wahrscheinlich“ (Storz) so kommen musste, wie es gekommen ist. Um das herauszustellen, sind einfühlsame Darsteller gefragt, die das Spiel mit der Nuance, den Schattierungen, den psychischen Schwankungen einer Figur mühelos beherrschen.
Hauptdarsteller Michael Mendel erfüllt diese Kriterien bravourös, ebenso wie Brandt-Sohn Matthias, der den unauffällig-beflissenen Ost-Agenten Guillaume spielt. Lediglich Helmut Schmidt (Markus Boysen) und Walter Scheel (Felix von Manteuffel), damals Finanz- bzw. Außenminister im zweiten Kabinett Brandt, wirken im Film eindimensional-überzeichnet. Höhepunkt des Films ist zweifelsohne das achtminütige Gespräch zwischen Brandt und SPD-Fraktionschef Herbert Wehner (Jürgen Hentsch) zwei Tage vor dem Kanzlerrücktritt, das ohne Zeugen stattgefunden hat. Storz gelingt es meisterhaft, sämtliche relevanten und im Nachhinein rekonstruierbaren Überlegungen, Argumente und Motive in die für Brandts Rücktrittsüberlegungen entscheidende Konfrontation mit dem „Zuchtmeister“ zu packen. In dieser und anderen Szenen lässt „Im Schatten der Macht“ Geschichte auf hohem Niveau lebendig werden.
Ein Prädikat, das der nimmermüde ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp leider nicht verdient. Fast alle seiner gut gemeinten, aber aus Sicht des Historikers nicht gut gemachten Doku-Streifen und Serien zeichnen sich durch eine schwer erträgliche Mischung aus symbolisch erhobenem Zeigefinger, Pathos und Effekthascherei aus. Im Falle seiner Fernseh-Dokumentation zu Willy Brandt ist das vielleicht gerade noch verzeihlich, obwohl widersprüchliche Aussagen prominenter Zeitzeugen (beispielsweise zur Bedeutung der Brandtschen Ostpolitik) kommentarlos aneinandergereiht, historische Zusammenhänge und Entwicklungen auf vermeintliche Schlüsselszenen komprimiert werden und zentrale Begriffe und Konzepte („Genosse Trend“, „Wandel durch Annäherung“) im Dunkeln bleiben. Nicht nur unwissenschaftlich, sondern geradezu gefährlich wird diese Form der Fernseh-Geschichte aber spätestens dann, wenn Knopps holzschnittartige, mit klirrenden Soundeffekten und einer verschwörerisch klingenden Sprecherstimme unterlegte Porträts in düsterer Westernfilm-Ästhetik die NS-Zeit und ihre Protagonisten auf den Bildschirm bringen. Die beste Aufklärungsabsicht wird verfehlt, wenn Nazi-Größen zu Dämonen mutieren. Knopps Fernseh-Dokumentationen über Hitlers Helfer, Henker und Hunde überschreiten die Schmerzgrenze des Genres. Von seriösen historischen Fernseh-Formaten ist er damit weit entfernt, und die Absicht des moralischen Zeigefingers verstimmt nicht nur den Fachmann. Vor allem, wenn man weiß, dass es auch besser geht. In puncto Brandt sei hier zum Beispiel die vorbildliche Dokumentation von Peter Merseburger erwähnt, die im Anschluss an den ersten Teil des Storz-Filmes zu sehen war.
Günter Guillaume (1927-1995)
arbeitete seit den 1950er Jahren für den Auslandsgeheimdienst der DDR. Obwohl bereits aus dieser Zeit einschlägige Kenntnisse über ihn und seine Frau Christel vorlagen, gelangte er auf dem Wege einer eher unspektakulären SPD-Parteikarriere an die Seite des Bundeskanzlers,(…)
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Fazit: Gute Politfiktion à la Storz beflügelt die Fantasie, schlecht gemachte Dokumentationen à la Knopp verfehlen mindestens ihren Zweck, manchmal sind sie einfach nur schädlich. Das Lesen anspruchsvoller Biographien, journalistischer Analysen oder von historischer Fachliteratur ersetzen jedoch beide Formate nicht. Wer der Sache näher kommen will, muss auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit zurückgreifen. Was Brandt und den Kanzlerrücktritt betrifft, sei in erster Linie das voluminöse Standardwerk „Machtwechsel“ von Arnulf Baring, aber auch die große Brandt-Biografie von Peter Merseburger genannt. Der Historiker Baring hat Ende der Siebzigerjahre auf Einladung des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel auf mehr als 800 Seiten eine immer noch aktuelle, fakten- und kenntnisreiche, kluge und zugleich unterhaltsam geschriebene Gesamtbilanz der Ära Brandt-Scheel verfasst. Seit Herbst 2002 liegt die lange überfällige, große Brandt-Biografie vor, die hohen wissenschaftlichen Ansprüchen (z.B. hinsichtlich des Registers und des Anmerkungsapparats) genügt. Der (Fernseh-)Journalist und Buchautor Merseburger hat ein 900-seitiges, stellenweise (was die Zeit bis 1945 betrifft) aber ein wenig zu ausführliches Schwergewicht abgeliefert, ausgewogen und zurückhaltend im Urteil. Die Umstände des Kanzlerrücktritts werden bei Merseburger, ebenso wie bei Baring, in allen wesentlichen Punkten nahezu erschöpfend beschrieben. Lediglich das parallel zum Storz-Film erschienene Buch von Hermann Schreiber („Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat“) widmet diesem allerletzten, traurigen Kapitel der Ära ganze 250 Seiten. Der Anspruch des Buches, die Umstände des Rücktritts „vollständiger“ zu erzählen als bisher, wirkt angesichts des bereits vorliegenden Materials ein wenig übertrieben. Zu den Stärken des Buches gehört die einfühlsame und differenzierte Charakterisierung und Bewertung des Kanzler-Spions Guillaume und die minutiöse, packend geschriebene Rekonstruktion der haarsträubenden Ermittlungspannen im „Spionage-Fall G.“ Dieser markiert nicht nur das Ende der Kanzlerschaft Brandts, sondern ist zugleich eine tragische Farce par excellence über die unergründliche Eigenlogik bürokratischer Apparate und ihrer fatalen Auswirkungen.
Wer übrigens von bewegten Bildern nicht ganz lassen will, dem empfiehlt sich die ein oder andere Fernsehaufzeichnung historischer Debatten und Bonner Gesprächsrunden. Zum Beispiel die Diskussion der Spionage-Affäre im Bundestag am 26. April 1974 oder die Bonner Runde vom 7. Mai desselben Jahres, die man in jeder gut sortierten Universitätsbibliothek ansehen kann. Mit Schreibers oder gar Barings Buch im Hinterkopf kann dann gewissermaßen in Eigenregie ein lebendiges und wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Geschichts-Bild entstehen. Und ein souveräner Umgang mit der eigenen Geschichte, der die Politfiktion eines Oliver Storz zu schätzen weiß, auf Knoppsche Historiensoaps aber lieber verzichtet.
Links zum Thema
- Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin
- Link zum Film (beim NDR)
- Eine knappe, aber informative Online-Biographie zu Willy Brandt (mit Audio-Files und Redetexten)
Zur Person
Christian Dries, ausgezeichnet mit einem Deutschen Studienpreis 2003, studierte Philosophie, Soziologie, Psychologie und Geschichte in Freiburg und Wien. Derzeit bereitet er sich auf seine Abschlussprüfungen vor.
Literaturliste
- Arnulf Baring (1982): Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel. München.
- Willy Brandt (2003): Erinnerungen. Mit den „Notizen zum Fall G.“ Berlin.
- Peter Merseburger (2002): Willy Brandt. Visionär und Realist. München.
- Gregor Schöllgen (2001): Willy Brandt. Die Biographie. München.
- Hermann Schreiber (2003): Kanzlersturz. Warum Willy Brandt zurücktrat. München.
- Carola Stern (2002): Willy Brandt. Reinbek bei Hamburg.
„Im Schatten der Macht“ wurde gesendet am 23./24.10.2003 in Arte, am 29./30.10.2003 in der ARD und ist auf DVD oder Video im Handel erhältlich.
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Themen: Film | Geschichte
Der Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ komponiert die letzten Tage Willy Brandts im Kanzleramt zu einem dramatischen Politkrimi. Auch Guido Knopp macht Historie laufend fernsehkompatibel. Was kann man davon halten?
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