Wer kontrolliert die Kontrolleure?
Autoren kämpfen gern gegen Verrisse ihrer Bücher. Wer mit den Autoren selbst spricht, der versteht warum: sie sind den Journalisten ausgeliefert und müssen auch persönliche Beleidigungen über sich ergehen lassen. Juli Zeh sagte einmal, dass sie sich über begründete Verrisse manchmal sogar freue. Wenn sich ein Fachjournalist ernsthaft auf ihr Buch einlasse und darlegt, was er misslungen findet, dann bereichert das Autoren und Leser. Der Kampf der Zeitungen gegeneinander und Antipathien gegen Autoren, die im Kulturbetrieb nicht mitspielen wollen, führen aber zu etwas anderem: persönliche Diffamierung, Beleidigung und vor allem sachliche Fehler erzeugen niederträchtige Buchkritiken. (Buchverlage kennen inzwischen sogar Anrufe der Anzeigenredaktionen, in denen angedeutet wird, dass positive Kritiken auch mit dem Schalten von Anzeige im Zusammenhang steht.) Gegen diffamierende Kritik wehrt sich nun entschieden der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch. Dankenswerter Weise bietet der Perlentaucher ein Forum für die neue Textgattung, in der Autoren die Kritiker kritisieren dürfen. Es könnte sogar sein, dass der Perlentaucher eine neue Art Pressedienst wird: einer, der die Macht der Großen durch seine unabhängigen Kommentare bedroht. Damit zeigt sich, dass das Internet ein Segen sein kann — für Leser und Autoren. Journalisten hingegen zwingt es zur Sachlichkeit, weil eine Gegenrede möglich ist: www.perlentaucher.de/artikel/4562.html
Kommentare
Buch oder Mensch?
Ob Meinungsstärker oder nüchterner, es sollte die Meinung zum Buch, und nicht zum Autor “als Mensch” sein. Eine Autorin erzählte mir, dass sie oft persönliche Angriffe lesen muss von Rezensenten, die sie noch nie im Leben persönlich gesprochen hat. Welche Funktion haben solche Personalisierungen, wenn man soziologisch hinschaut? Es sind Sanktionsinstrumente wie die mittelalterlichen Strafen: die sollen primär nicht dem Opfer weh tun, sondern sind ein Signal an andere. Anders kann man sich den Schaum vorm Mund mancher Kritiker kaum erklären. Wenn es tatsächlich um solche Mechanismen geht, dann ist der Leser aber leider ausgeschlossen. Die Fachwelt auch. Ich halte auch noch eine zweite Gattung der Rezension für misslungen: wenn der Text nur noch Ich-Botschaften des Rezensenten enthält. Beides ist in der deutschen Buch- und Filmkritik leider sehr verbreitet.
Deshalb…
…rezensieren wir auf sciencegarden nur Bücher, die wir auch gelesen haben. Das ist das Minimum dessen, was eine gute Rezension braucht, abgesehen davon, dass man sich selbst immer klar machen sollte, mit einer Besprechung nur seine Meinung zu äußern, also ein Geschmacksurteil abzugeben. Dass das freilich nach gewissen Kriterien geschehen sollte und auch kann (Löst der/die AutorIn das Versprechen aus Kapitel 1 am Ende ein?; erfüllt der Text gewisse formale Anforderungen? etc.), steht auf einem anderen Blatt. In dieser Hinsicht scheint mir bei manchen Rezensenten die Professionalität abhanden gekommen. Man äußert dann tatsächlich “nur” noch eine Meinung. Bleibt letztlich zu hoffen, dass aufmerksame LeserInnen diesen Betrug durchschauen oder einen Blick ins Internet werfen.
Empfehlenswert wäre es,
Empfehlenswert wäre es, wenn sich Rezensenten immer klarmachten, dass Autoren vielleicht doch nicht so doof sind, wie sie aussehen. Da hat man vielleicht zwei Jahre seines einzigen Lebens an einem Buch gearbeitet – und ein Rezensent verreißt es aus einer reichlich subjektiven Haltung heraus. Oder auch nur aus Besserwisserei. Oder, noch schlimmer, weil er sehr schnell gelesen hat. Dann heißt die Hauptfigur des Romans in der Besprechung plötzlich ganz anders als im Buch. Oder der Autor bekommt vorgeworfen, einen bestimmten Fachbegriff an jeder Stelle im Text falsch verwendet zu haben – um bei einer Kontrolle in der eigenen Textdatei festzustellen, dass man den Ausdruck nicht ein einziges Mal verwendet hat. Oder, auch „schön“, ein Text wird als „Tagebuchroman“ beschrieben, weil die Kapitel an einzelnen Tagen der Handlung orientiert sind. Vielleicht sollten wir alle einfach versuchen, die Arbeit der anderen ernster zu nehmen und nicht nur als Spiegelfläche der eigenen Selbstdarstellung.