Ungleiche Verbindungen
Pia Bergmann ist Mitarbeiterin am Deutschen Seminar in Freiburg und forscht im Bereich der Sprachproduktion. Gegenstand ihres Forschungsvorhabens ist die Frage, wie Morphemgrenzen in komplexen Wortformen lautlich wiedergegeben werden. Als Morphem wird in der Sprachwissenschaft der kleinste bedeutungstragende Teil eines Wortes bezeichnet. Die zu überprüfende These lautet: Je öfter ein Wort verwendet wird, desto eher verblassen die Wortgrenzen.
Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und ist in das Schwerpunktprogramm „Sprachlautliche Kompetenz: Zwischen Grammatik, Signalverarbeitung und neuronaler Aktivität“ eingebettet. Das Schwerpunktprogramm, an dem 18 Einzelprojekte beteiligt sind, ermöglicht die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Fragen der Sprachproduktion und Sprachverarbeitung. Die empirischen Untersuchungen der Freiburger tragen mit ihren phonetisch-phonologischen Untersuchungen dazu bei, Erkenntnisse über die artikulatorische Vermittlung sprachlicher Inhalte zu gewinnen.
Wer kennt zum Beispiel nicht die berühmten „Blumentopferde“ oder ist nicht einmal mal über Worte wie „Sandtorte“, „Betorte“ und den „Eiersatz“ gestolpert oder hat etwa das Wort „Gemengelage“ für ein Gelage der Gemen anstatt für eine unübersichtliche Lage gehalten. Diese Art der Verleser lösen sich schnell auf, wenn wir das Wort gesprochen hören. Aber warum? Offenbar werden Wörter während des Sprechens so produziert, dass die kleineren Bestandteile deutlich voneinander abgegrenzt werden und sich der Sinn des gesamten Wortes erschließen lässt. Beim Sprechen werden also nicht einfach die Einzellaute aneinandergereiht, sondern zu größeren lautlichen Einheiten, wie beispielsweise Silben oder Wörtern, zusammengefasst. Beim Wort „Gemenge#lage“, im Gegensatz zum möglichen Wort „Gemen#gelage“, erfolgt eine Angleichung des Lautes „n“ an den folgenden Laut „g“. Durch die Art, wie wir Wörter produzieren, können also Einheiten im Wort voneinander abgegrenzt werden. Diese Vorgehensweise wird als „Grenzmarkierung“ bezeichnet.
Gemeinsam mit einer wissenschaftlichen Hilfskraft aus Freiburg und einer weiteren von der Universität Köln (mit deren Institut für Linguistik das Projekt kooperiert) erforscht Bergmann, wie morphologische Grenzen lautlich wiedergegeben werden. Dafür wurden den Versuchsteilnehmern künstliche Gaumen eingesetzt. „Das fühlt sich ungefähr so an, als würde man eine lose Zahnspange tragen“, erklärt Bergmann. Ein prägnanter Unterschied zwischen Zahnspange und künstlichem Gaumen ist aber, dass sich auf letzterem Sensoren befinden, an denen eine geringe Spannung liegt. „Das ist für die Probanden aber nicht gefährlich“, fügt sie hinzu. Berühren sich beim Sprechen Zunge und Gaumen, wie beispielsweise beim Laut „ŋ“ (vgl. das Wort Steuerung), schließt sich der Stromkreis und die Berührung im Mundraum wird gemessen und am Bildschirm visualisiert.
Doch welche Schlüsse ziehen die Forscher aus den Messungen? Das DFG-Projekt möchte herausfinden, wie Wortgrenzen innerhalb von Komposita (hierbei handelt es sich um Wörter, die wiederum aus mehreren bestehen, wie zum Beispiel Dampfbad, Hausschuhe etc.) durch die Art der Lautproduktion verstärkt oder abgeschwächt werden. Dabei wurden die Testwörter so ausgewählt, dass an den Wortgrenzen Laute aufeinander treffen, die bestimmten lautlichen Prozessen unterworfen sein können. Ein Beispiel aus der historischen Sprachwissenschaft verdeutlicht dieses Phänomen: Aus dem mittelhochdeutschen „enbore“ entstand im Laufe der Zeit, durch die Angleichung von n und b, „empor“.
Die Hypothese der Forscher besagt, dass die lautliche Veränderung mit der Vorkommenshäufigkeit eines Wortes korreliert. Folglich gehen sie davon aus, dass die Grenzen zwischen Morphemen stärker verwischt werden, je öfter das Wort vorkommt.
Ein Beispiel: Bei dem häufigen Wort „Kleingeld“ sollte es der Hypothese entsprechend zu einer Angleichung des Artikulationsortes von „n“ an das folgende „g“ kommen. Bei dem weniger geläufigen Wort „Steingeld“ erwarten die Forscher hingegen, dass es nicht zu einer Assimilation kommt und die einzelnen Bestandteile des Wortes deutlich von einander abgegrenzt bleiben. Für den Hörer werden dadurch die Bestandteile des ungebräuchlichen Wortes gut erkennbar und der semantische Gehalt lässt sich leicht erschließen.
Materialgewinnung und Methoden
(Folgende Phänomene werden im Rahmen dieses Forschungsprojekts ebenfalls untersucht):
Degeminierung: Abbau von Doppelkonsonanten (Geminaten), deren Bestandteile auf zwei Sprachsilben verteilt sind (Bsp.: Brieffenster)
Glottalisierung: Sprachlaut, der durch eine Verengung der Glottis gebildet wird. Unregelmäßige Stimmlippenschwingung, die als abgeschwächte Form von Glottalverschlüssen vorkommen kann (z.B. im Wort „Zahnarzt“ oder im oben erwähnten „Eiersatz“)
Aspiration: Hauchlaut, der im Deutschen meistens nach stimmlosen Plosiven vorkommt (z.B. im Wort „Wettkampf“).
Wie lässt sich messen, ob ein Wort häufig oder selten gebraucht wird? Welcher Maßstab wird für „oft“ angelegt? „Als Indikator fungiert Google: Wörter, die weniger als 5.000 Ergebnisse erzielen, werden als selten eingestuft, Wörter mit einer Trefferquote von mehr als 100.000 Ergebnissen als häufig“, so Bergmann. Da das Internet ein ständig wachsendes Korpus ist und sich somit auch die Trefferquoten bei der Suchmaschine täglich vergrößern, haben diese Werte nur bedingt Gültigkeit. Deswegen prüfen die wissenschaftlichen Hilfskräfte jeden Monat aufs Neue, ob sich die Vorkommenshäufigkeit der Testwörter bei Google gravierend verändert hat. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Trefferquoten sich auf das geschriebene Idiom beziehen, obwohl der Untersuchungsgegenstand die gesprochene Sprache ist.
Durch die Messung mit dem künstlichen Gaumen können die Forscher überprüfen, ob ihre Annahme ‑ je häufiger ein Wort gesprochen wird, desto schwächer werden die Wortgrenzen ‑ greift. Am Beispiel des Goethe-Gedichts „Ungleiche Heirat“ und am Testwort „eingeben“ soll solch ein Abbauprozess illustriert werden:
„Selbst ein so himmlisches Paar fand nach der Verbindung sich ungleich:
Psyche ward älter und klug, Amor ist immer noch Kind.“
Ob das „ng“ in Goethes „ungleich“ zum Zeitpunkt der Entstehung gegen Ende des 18. Jahrhunderts gleich ausgesprochen und artikuliert wurde wie heute, lässt sich nicht mehr feststellen. Könnte es aber sein, dass die beiden Konsonanten in 100 Jahren klingen wie das „ng“ in Verbindung? „Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen“, erklärt die promovierte Linguistin, die ihre Dissertation zum Thema „Regionalspezifische Intonationsverläufe im Kölnischen. Formale und funktionale Analysen steigend-fallender Konturen“ verfasste. „Es könnte aber sein, dass es durch den häufigen Gebrauch des Wortes zu einer Angleichung des Artikulationsorts der Konsonanten kommt und genau das wollen wir herausfinden.“ Am Beispiel des Wortes „eingeben“ soll solch ein Abbauprozess illustriert werden. Für die Aufnahmen sprachen 14 Sprecherinnen und Sprecher des Standarddeutschen aus dem Osnabrücker Raum in einem schallisolierten Raum Beispielsätze, die die zu untersuchenden Lautphänomene beinhalten.
Artikulationsbewegungen von Zunge und Gaumen werden sichtbar
Pia Bergmann lauscht konzentriert auf die Töne aus ihrem Kopfhörer. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Konsonantenverbindung „ng“, die auch ihr Computerbildschirm zeigt. Gleichzeitig beobachtet sie auf dem Bildschirm, ob sich bei dieser Äußerung Zunge und Gaumen des Probanden annähern.
Abb. 1: Die Konsonantenverbindung im Wort „eingeben“. Die Kästchen repräsentieren einen künstlichen, mit Sensoren versehenen Gaumen, der den Kontakt von Zunge und Gaumen misst (vgl. Abb. 2). Je mehr schwarze Felder in den Kästchen am Abbildungsrand zu sehen sind, desto stärker ist der Kontakt zwischen Gaumen und Zunge.
Der abgebildete Screenshot aus den Elektopalatographie-Daten zeigt, wo und wie lange die Zunge den Gaumen berührt, wenn das Wort „eingeben“ ausgesprochen wird. Durch das Programm kann die Artikulation also sichtbar gemacht werden. Über den Elektropalatographie-Daten sind das Spektrogramm und das Oszillogramm abgebildet, anhand derer man eine akustische Analyse der Sprache vornehmen kann.
Bei diesem Beispiel ist der Fokus auf das in betonter Position stehende Verb „eingeben“ gerichtet. Die oberen Reihen in den Kästchen, die die Sensoren des künstlichen Gaumens visualisieren, geben den sogenannten „alveolaren“ Artikulationsort wieder, also den Bereich, wo die Zungenspitze den Zahndamm (lat. Alveolaren) hinter den oberen Schneidezähnen berührt. Zu dieser Berührung kommt es beispielsweise, wenn man den Laut „n“ produziert. Die hinteren Reihen hingegen verbildlichen den in der Linguistik als „velar“ bezeichneten Artikulationsort. Damit ist der Teil im Mundraum gemeint, wo der Zungenrücken sich an den Gaumen (lat. Velum) annähert, wie beispielsweise beim Sprechen eines „g“.
Wie an den oberen Reihen der Kästchen zu sehen ist, findet dort kein Kontakt zwischen Zunge und Gaumen statt. Die unteren Kästchen hingegen veranschaulichen durch die schwarzen Felder, dass sich Zungenrücken und Gaumen berühren.
Die gängige Annahme, „n“ würde nur alveolar produziert, bestätigt sich somit nicht. Der Laut wird hier velar gebildet, und die Grenzmarkierung zwischen den beiden Wörtern „ein“ und „geben“ wird im häufig verwendeten Wort „eingeben“ abgebaut. Die Hypothese der Forscher hat sich in diesem Fall also bestätigt.
Überprüfen der These
In einem assimilationsfreien Kontext, in dem keine Angleichung zweier aufeinander folgender Laute stattfindet, wird beispielsweise die nicht beeinflusste „normale“ Aussprache des Nasals „n“ durch einen unmittelbar nachfolgenden Vokal überprüft: „eingeben“ wird durch „einehren“ getestet. „Die Kontrollen sind wichtig, weil ein vorangehender und folgender Vokal keinen so starken Einfluss auf die Artikulation des „n“ ausüben“, erklärt Bergmann. Die Vokale dienen also als Grundlage, um den Einfluss des Lautes „g“ überprüfen zu können. Außerdem werden die Testwörter in Sätze eingebettet, die von den Versuchsteilnehmern vorgetragen werden. Die Sätze „Wenn Du den Code eingeben kannst, geht die Tür automatisch auf“ versus „Wenn wir den Code nicht eingeben, geht die Tür nicht auf“, präsentieren das zu testende Wort „eingeben“ in betonter und unbetonter Position und lassen so verlässliche Rückschlüsse im Bereich Assimilation zu, da durch die Akzentuierung ebenfalls die Stärke der Grenzmarkierung verändert wird. Dass diese auch semantisch einen großen Unterschied machen kann, beweisen die „Blumentopferde“ sehr eindrücklich.
Kategorien
Themen: Informatik | Sprachwissenschaft
Schalldichte Räume, Google, ein künstlicher Gaumen im Mund – was auf den ersten Blick eher nach einer Mischung aus Naturwissenschaft und Informatik aussieht, gehört zum Handwerkszeug der Sprachwissenschaftlerin Pia Bergmann. Sie erforscht am Projekt „Grenzmarkierung in deutschen Komposita“ wie Wortgrenzen lautlich wiedergegeben werden.
