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Coolturkampf in Barcelona

BarcelonaBarcelona baut seinen hässlichen Hinterhof um: In der Altstadt wird das Viertel El Raval mit neuen Museen, Kulturstätten und Universitäten versehen. Das Ergebnis kann sich städtebaulich wie architektonisch sehen lassen. Doch der Stadtteil droht sozial zu zerreißen.

Barcelonas Städtebau begeistert. Ständig steigende Touristenzahlen belegen die Attraktivität der Mittelmeermetropole. Von romanischer und gotischer Architektur über die Verspieltheit des katalanischen Jugendstils mit Gaudís fulminanten Höhepunkten wie der Casa Mila oder der Sagrada Familia bis zum modernsten Wolkenkratzerbau á la Torre Agbar: Barcelona bietet viel fürs Auge. Gern lässt man sich so auf den Straßen treiben, genießt das Flair auf Barcelonas berühmtester Flaniermeile, den Ramblas. Wer aber von den belebten Ramblas durch die Gasse L’ arc del teatre in das verwinkelte System aus kleinen Straßen des Ravals eintaucht, wird auf eine harte Probe gestellt.

Dort, wo gerade noch mediterranes Flair und heraus geputzte Gebäude den Flanierenden begleiteten, wird es nun schlagartig düster. Die Fassaden sind heruntergekommen und es riecht an jeder Ecke bestialisch nach Urin. In den lauen Sommernächten trifft man hier auf leicht bekleidete Prostituierte aus Afrika und Lateinamerika, die mit ihren spanischen Kolleginnen Arbeitsteilung betreiben. Doch für die Prostituierten wird es ungemütlich. Gleich gegenüber ihrem angestammten Arbeitsplatz calle Robador wird ein neuer Gebäudekomplex mit angeschlossenem 4-Sterne Hotel gebaut. Die Düfte von Boss, Armani & Co. werden die Billigparfüms der leichten Frauen bald vertreiben. Touristen sollen hier demnächst ihre Betten beziehen, und in den neu entstehenden Sozialwohnungen finden ärmere Familien ihr Zuhause. Nebenan wird die katalanische Filmothek ihr Programmkino an neuer Stelle fortführen. Doch nicht nur die Filmothek hilft das Kulturangebot des Ravals zu steigern. Universitäten, Museen, die katalanische Nationalbibliothek und Kulturzentren: Sie alle sollen – so der Wille der Stadtverwaltung – das Viertel El Raval weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machen und so für eine Aufwertung sorgen. Die Rechnung scheint aufzugehen. Die Revitalisierung zeigt erste Ergebnisse und löst gleichzeitig weitreichende soziale Veränderungen aus, die, gewollt oder ungewollt, das Gesicht des Stadtteils verändern.

Kulturangebot und alte Bausubstanz wirken wie Magnete

Längst ist der Raval kein Geheimtipp mehr. Das vielseitige Kulturangebot und die lebendige Kneipen- und Clubszene werden hoch gehandelt. Altbaubestände in desolatem Zustand und zu günstigen Preisen ließen einst Studenten und Lebenskünstler in das Viertel ziehen. Dieser Prozess wird unter Geographen und Soziologen als Gentrifizierung bezeichnet. Das Kunstwort, welches das englische Wort „gentry“, zu deutsch „Adel“, beinhaltet, bezeichnet den Austausch einer Bevölkerungsgruppe durch eine statushöhere Bevölkerungsgruppe. Studenten gehören der urban gentry zwar nicht an, leisten aber zunächst wichtige Arbeit im Stadtteil: Sie entdecken es als Wohnviertel wieder und werten es so in einer ersten Phase auf. Ein weiterer Auslöser dieses Prozesses im Raval sind die großangelegten Revitalisierungs- und Sanierungsprogramme, die den Stadtteil wieder „lebenswerter“ und interessanter machen – insbesondere die qualitative Verbesserung im Baubestand und die Ansiedlung hochkarätiger Kultur- und Bildungseinrichtungen.

Bilder aus Barcelona

Kahlschlagsanierung im Raval Alternativtext Richard Meiers MACBA – Postmodernismus im Raval

El Raval ist en vogue, wird besonders unter jungen Leuten als cool gehandelt. Der Hype um das Viertel lässt immer mehr Interessenten nach Wohn- und Geschäftsräumen im Raval suchen. Investoren stecken seit Jahren wieder Geld in die Sanierung der Bausubstanz, schaffen Wohnraum für größere Geldbeutel. Schließlich nicht ganz uneigennützig: Die neue Nachfrage erlaubt es dem Immobilienmarkt kräftig anziehen. In den vergangenen zehn Jahren sind die Quadratmeterpreise bei Mieten um 157%, die Kaufpreise gar um 381% gestiegen. Dabei versucht jeder, sich durch Vermietung oder Verkauf von Wohnfläche seinen Batzen im urbanen Kampf zu sichern. Ermittelnde Behörden sollen sogar hin und wieder bis zu zehn Untervermietungen pro Wohnung festgestellt haben. Durch Zuzug der Studenten und Möchtegernboheme wird zugleich der Wohnraum knapp. Das dabei der „Häuserkampf“ nicht immer mit fairen Mitteln abläuft, ist vorprogrammiert: Für einige der Alt-Ravaler ist das zu viel, sie ziehen in günstigere Stadtteile, vor allem ins Nou Barris am Rande Barcelonas. So beschleunigt sich der Gentrifizierungsprozess: Die Armen werden aus den Vierteln immer schneller durch Zuzug der Besserverdienenden verdrängt. Das betrifft die Alteingesessenen genauso wie die erst kürzlich zugezogenen Studenten.

Einwanderung hat Tradition

Der Raval war schon immer der Hafen für Einwanderer aus aller Welt. Und diese Tradition setzt sich bis heute fort. Insbesondere Pakistaner und Marokkaner finden hier ihre erste Bleibe nach der Einreise. Mittellos teilen sie oftmals mit zehn anderen Immigranten eine kleine Wohnung, weil sie sonst die Miete nicht aufbringen können. In den Betten ist Schichtbetrieb angesagt, es wird zum Schlafen vermietet, was vermietet werden kann: Schränke, Balkone, Abstellkammern. Hier wird gnadenlos abkassiert. Wohnen von vorgestern zu Preisen von übermorgen. Auch in Europa ist die Menschenwürde nicht vor Spekulation sicher. Aber noch gibt es sie, die schmalen Gassen mit ihren maroden Häusern, die nur von den anspruchslosen Ankömmlingen bewohnt werden. Doch wie lange wird dieser Zustand noch anhalten, bevor der Gentrifizierungsprozess auch sie erfasst?

Spielwiesen für den städtischen Adel

Läuft man die Rambla del Raval, einen durch Komplettabriss zweier Häuserreihen entstandenen Boulevard, Richtung Norden, ändert sich das städtebauliche Bild: Sanierte Häuserreihen zeigen einen anderen Raval. Hier wohnen die Besserverdienenden in renovierten, teils blocksanierten Gebäuden. Gleich zwei Universitäten haben sich hier neue Fakultäten errichtet, schicke Bars und Restaurants säumen die Gassen. Hier ist die Gentrifizierung schon nahezu abgeschlossen, es ist sauberer, heller, lebenswerter. Aus den originell gestalteten Straßencafés duftet es nach latte macchiato. Der wird aber immer noch als Cafe amb Llet, als Milchkaffee, serviert – so viel katalanischer Eigensinn muss sein. An einer Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Raval steht das herausragendste Gebäude des Stadtteils: Richard Meiers MACBA. Barcelonas Museum für zeitgenössische Kunst postuliert sich als postmoderner Klotz in weißem Gewand. Der Placa d’ Angel, ein schlichtgehaltener Platz, rundet das Ensemble ab. Skater probieren hier ihre neuesten Kunststücke. Zu einer Seite wird Platz und Museum mit einer hohen weißen Mauer von der hässlichen Rückseite einiger schmaler Wohnhäuser getrennt. Hier verlief einst die Frontlinie zwischen dem coolen Raval und dem alten, verkommenen und von Migranten dominierten Teil. Doch der (Cooltur-)Kampf um Wohnen und Leben wird längst an allen Orten des Stadtteils ausgetragen.

El Raval

St. Pau – eine der ältesten Kirchen in BarcelonaDas zur Altstadt gehörende Viertel „El Raval“ lag ursprünglich außerhalb der Stadtmauern (katalanisch: al raval, außerhalb) Barcelonas: Hier wurden zunächst Hospitäler gebaut, die aus Hygienegründen nicht innerhalb der Stadtmauern stehen konnten. Gärten prägten das Bild des mittelalterlichen Ravals. Später wurde aber auch dieser Bereich eingemauert, und während der Industrialisierung siedelten sich viele Fabriken in diesem Gebiet an. Durch starke Immigration und die Stellung als Vergnügungsviertel der Matrosen verdiente es sich bei den Barcelonesen die Bezeichnung barrio chino – nicht, weil dort viele Chinesen lebten, sondern weil chinos ein Sammelbegriff für Ausländer darstellte. Das schon im frühen 20. Jahrhundert stark heruntergekommene Viertel wurde während der Franco-Diktatur städtebaulich nicht beachtet. Die Sanierung setzte erst langsam mit dem Einzug der Demokratie ein und wird seit Mitte der 1990er Jahre verstärkt vorangetrieben.

Beitrag von Markus Querfurt
Bildquellen in Reihenfolge: SergiL (GNU), Markus Querfurt

Zur Person

Markus QuerfurtKarioMarkus Querfurt studierte Geographie, Umweltpsychologie und Soziologie an der Ruhr-Universität-Bochum und der Universitat de Barcelona. Mit seinem Text über Gentrifizierung in Barcelona hat er den dritten Preis beim sciencegarden-Schreibwettbewerb gewonnen.

Kategorien

Themen: Stadt | Stadtentwicklung

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