Alles wird gut
Etwas verhalten, aber keinesfalls schlecht gelaunt ist Merkel-Deutschland ins neue Jahr gekommen. Der junge Aufschwung war kein Strohfeuer. Die bitteren Reformen, von Hartz IV bis Bologna, haben sich gelohnt. So sollen wir es zumindest glauben. Und die üblichen Verdächtigen aus Politik, Wirtschaft und Medien, legen nach: Sie fürchten das frühe Ende der Reformen und den gesamtgesellschaftlichen Roll-back in finstere Zeiten, in denen antiautoritäre Pädagogik, Sittenverfall und ausufernde Sozialpolitik in ihren Augen als Brandbeschleuniger am Feuertod des gut bürgerlich-marktliberalen Erfolgsmodells arbeiteten.
Der Subtext, den seine wortmächtigsten Apostel – von Ex-BDI-Chef Hans Olaf Henkel bis BILD-Chefredakteur Kai Diekmann – in Büchern, Medien und Vorträgen verbreiten, ist stets derselbe: Die Welt gerät immer dann aus den Fugen, wenn die heilige Allianz aus vage definierter Bürgerlichkeit, Marktwirtschaft und Fortschrittsoptimismus von Kritikern auf ihre dunklen Seiten angesprochen wird. Auf die Verwüstung unserer natürlichen Lebensgrundlagen zum Beispiel, die der bürgerliche Erfindergeist mit seinen technischen Wunderwerken en passant vollbringt und allenfalls als Kollateralschaden verstanden wissen will; auf den Umstand, dass der westliche Wohlstand, den Henkel und andere als Apologeten der reinen Marktwirtschafts-Lehre beschwören, mit bitterster Armut auf der Südhalbkugel unseres Planeten bezahlt wird; auf den Irrsinn, zugleich nach mehr Markt und mehr Flexibilität zu rufen und der guten alten Familie nachzutrauern, die unter der Last der neuen Verhältnisse kollabiert…
Die rührige Reform-Agentur
Zu den rührigsten Vertretern eines erneuerten Marktliberalismus gehört neben Einzelfiguren wie Henkel auch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Sie wurde im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall als PR-Agentur gegründet und ist einem breiteren Publikum besonders durch ihre großformatigen Anzeigenkampagnen in Printmedien vertraut, wo sie mit patriotischen Obertönen für weniger soziale und mehr liberale Marktwirtschaft wirbt. Darüber hinaus stellt die INSM aber auch Experten und Interviewpartner für Talkshows und Zeitungsredaktionen aus den Reihen so genannter Botschafter zur Verfügung, darunter so illustre Persönlichkeiten wie Lothar Späth und Ralf Dahrendorf, aber auch der Ex-Grüne Oswald Metzger. Oder der Freiburger Ökonomieprofessor und Fernsehdauergast Bernd Raffelhüschen, der als „Rentenexperte“ (BILD) lautstark für private Vorsorge wirbt – und als Aufsichtsrat der Ergo-Versicherungsgruppe (Victoria, Hamburg-Mannheimer und andere) im Jahr 2005 etwa 45.000 Euro nebenbei verdiente (Quelle: Uwe Kamenz/Martin Wehrle: Professor Untat, S. 212ff.).
Tatkräftig unterstützt von Botschaftern wie Professor Raffelhüschen stellt die ISNM – die sich selbst als „überparteiliche Reformbewegung von Bürgern, Unternehmen und Verbänden“ bezeichnet – komplette und professionell gemachte Text-, Fernseh- und Radiobeiträge zur Verfügung. Offenbar mit so großem Erfolg, dass Kritiker von einer regelrechten Unterwanderungsbewegung der Medien durch die ISNM sprechen, bei der die Grenzen zwischen seriöser Berichterstattung und Lobbyismus bis zur Unkenntlichkeit verwischen.
Im Netz hingegen (www.insm.de) präsentiert man sich gediegen und gut gelaunt: Da gibt es etwa einen „Pflegerenditor“, oder den „Merkel-Rechner“ von Professor Raffelhüschen, mit dem man seine Steuerlast kalkulieren kann (und so nebenbei erfährt, dass man unter Ludwig Erhard in den 1960er-Jahren viel weniger ans Staatssäckel abgeführt hätte), ausführliche Themendossiers über frühkindliche Bildung, Gesundheit und Mitarbeiterbeteiligung – und vor allem immer wieder die hinter vorgeschützter Ausgewogenheit kaum kaschierte Parteinahme für noch mehr Wettbewerb.
Die wahren Superstars
Nun hat die Initiative einen hochwertig aufgemachten Sammelband herausgebracht, der den marktliberalen Subtext unter die Arbeit exzellenter Nachwuchsforscher legt (Deutschlands wahre Superstars. 50 Entwürfe junger Wissenschaftler für die Welt von morgen, HEEL Verlag, 19,90 Euro). Über 60 von ihnen, darunter frisch gebackene Bachelors ebenso wie international erfolgreiche Doktoren, dürfen in durchweg allgemein verständlich formulierten Porträts ihre eigene Arbeit vorstellen. Darunter so interessante und ambitionierte Projekte wie die „expedition WELT“ eines Wirtschaftswissenschaftler-Trios der Universität Witten/Herdecke, die dem Social Entrepreneur, dem sozial verantwortlichen Unternehmer, auf der Spur ist; die Idee, große Schiffe mittels Zugdrachen anzutreiben und dadurch Öl zu sparen oder die umfangreiche Webseite eines jungen BWL-Studenten (www.UmweltschutzWeb.de), der selbst entlegenste Informationen zu Umweltthemen bereitstellt und monatlich über 60.000 Besucher damit versorgt.
Alles in allem kann man den jungen Nachwuchstalenten nur zu ihren größtenteils vorzüglichen Leistungen und Einfällen gratulieren und sich mit ihnen gemeinsam freuen. Davon abgesehen aber ist das Buch – nicht nur für seriöse Wissenschaftler – eine reine Zumutung. Das liegt vor allem an der neoliberalen Grundmelodie, die den Band durchzieht: Alles wird gut. Zumindest für die, denen es sowieso schon gut geht!
Wissenschaftlicher Hurrapatriotismus
Es ist kein wirkliches Manko, dass unter einer Fülle anregender Perspektiven auch der eine oder andere eher beschränkte Horizont auffällt. Der euphorische Beitrag eines jungen Medienwissenschaftlers zur Zukunft des Internets beispielsweise ist von geradezu erschütternder Naivität. Man kann das noch als Anfängerfehler durchgehen lassen. Weniger verzeihlich ist bereits, dass die Atomwirtschaft im Beitrag der jungen Maschinenbauerin Grit Mayer ausschließlich positiv wegkommt. Auch zur Nanotechnologie und anderen Exponenten der zeitgeistig korrekten Wissenschafts-Hitparade (IT, Robotik, Stammzellforschung, Hirnforschung) kaum ein wirklich nachdenkliches Wort. So träumt der promovierte Altersforscher gedankenlos von fitten Greisen, die in nicht allzu ferner Zukunft womöglich ihren 130. Geburtstag feiern, und Wirtschaftsingenieur Ingo Kaiser freut sich darauf, dass in Zukunft alle Produkte „kleiner, zuverlässiger, bediener- und umweltfreundlicher“ sein werden.
So beachtlich die Leistungen der im Sammelband Porträtierten auch im Einzelnen sein mögen, so erschreckend ist in der Gesamtschau die ideologische Stoßrichtung, die die Herausgeber dem ganzen Unternehmen gegeben haben. (Man sollte die einzelnen Autoren dafür nicht haftbar machen, obwohl man sich hierzulande immer noch aussuchen kann, wer einen druckt.) Deren Botschaft, subtil wie ein Werbetext und auch grafisch so verpackt, lautet: Die innovative Wissenschaftselite wird unsere Sorgen schon lösen, unsere Wirtschaftskraft dabei immer feste im Blick. Im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts gehen Ökonomie und Ökologie überall neue Symbiosen ein, die Menschen werden älter und gesünder. Hurra!
Wer grundsätzliche Bedenken anmeldet, gehört in dieser Logik von vornherein zu den hoffnungslos Gestrigen, die hinter jeder Innovation eine potenzielle Nebenfolge wittern und lieber gedanklich an der Apokalypse stricken als frohgemut mit anzupacken, wenn es um die Verbesserung der Welt geht. Die zwanghaft gute Stimmung, die mit dem Sammelband inszeniert werden soll, ist jedoch nur das Eine. Dass damit auch das wissenschaftliche Selbstverständnis untergraben wird, das gerade nicht zukunftsbesoffen vom seligen Konsens, sondern von der Vielfalt der Perspektiven und vom Dissens lebt, steht auf einem anderen Blatt. Als produktive Verunsicherungsinstanz und intellektuelle Notbremse scheint Wissenschaft nicht mehr gefragt. Hauptsache, sie liefert innovative ,Lösungen‘.
Ein Wissenschaftsbegriff wird beerdigt
Bedenklich auch, wie selbstverständlich das technisch-pragmatische Wissenschaftsverständnis der Ingenieure und Ökonomen auf die – im Buch völlig marginalisierten – Geistes- und Sozialwissenschaften gepfropft wird, als wären alle Fakultäten eine große Familie. Dagegen auf immerhin 200 Seiten kein einziger Beitrag aus der Politikwissenschaft, der Orientalistik, Ethnologie, Sprachwissenschaft, Pädagogik oder Genderforschung! Vermutlich verbreiten diese Disziplinen einfach zu wenig gute Laune. Echte Systemkritik, die es zwar immer seltener gibt, aber auch in unseren Tagen noch hinter Hochschulmauern beheimatet ist, findet schlichtweg nicht statt in diesem geschenktauglich aufgeputzten Optimismuskracher – oder müsste als reine Schwarzseherei erscheinen, hätte man sie denn in den Band gelassen. Dass der desolate Zustand unseres Wissenschaftssystems, das unter Credit Point-Tabellen, Evaluationsexzessen und Verschulungswahn langsam zugrunde geht, an dieser Stelle auch kein Thema sein kann, versteht sich von selbst. Und natürlich gibt es keinen Hinweis darauf, dass unsere Wissenschaftselite eine ziemlich geschlossene Gesellschaft ist – und der Doktortitel für den Schlossersohn oder die türkischstämmige Migrantin immer noch Seltenheitswert hat.
So bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Leserinnen und Leser die Absicht des Buches gründlich durchschauen, ohne deshalb den Elan der Jungforscher, um deren Arbeit es ja vordergründig geht, zu honorieren. Ansonsten wird es höchste Zeit, einen Sammelband mit all den Realisten zu drucken, die uns immer wieder auf die falschen Verheißungen aus dem Hause INSM, Henkel & Co. aufmerksam machen. Sie sind die wahren akademischen Superstars in einer Welt, deren Gesicht von ausufernden Märkten und Machbarkeitsphantasien bereits gründlich genug ruiniert ist.
Links zum Thema
- Zur Buch-Homepage, wo man auch ein „Superstars-T-Shirt“ bestellen kann…
- Presssemiteilung zum Buch
- Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) im Internet
- Zur Homepage des privat betriebenen INSM-Watchblogs
Zur Person
Christian Dries ist Chefredakteur dieses Magazins.
Bildquelle: www.wahre-superstars.de
Literatur
- Max A. Höfer/Dieter Rath (Hrsg.) 2007: Deutschlands wahre Superstars. 50 Entwürfe junger Wissenschaftler für die Welt von morgen. Mit einem Vorwort von Astronaut Thomas Reiter. Königswinter; 220 S., 19,90 Euro.
- Hans-Olaf Henkel (2007): Der Kampf um die Mitte. Mein Bekenntnis zum Bürgertum. München.
- Kai Diekmann (2007): Der große Selbstbetrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden.
- Uwe Kamenz/Martin Wehrle (2007): Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen. München.
Die neoliberale PR-Agentur Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) hat ein Buch über Deutschlands wahre Superstars veröffentlicht: junge Wissenschaftlerinnen und begabte Nachwuchsforscher. Diese glänzen mit anspruchsvollen Leistungen – und werden von der INSM vereinnahmt, die einen fragwürdigen Wissenschaftsbegriff salonfähig machen will.