Kreativität contra Kopfwerk
Hanna L. studiert Germanistik. Die ganze Woche hat sie gekämpft. Um einen Sitzplatz im Hörsaal, um fünf Minuten Sprechstunde beim Professor, damit, ihr fünftes unbezahltes Praktium zu organisieren. Am Wochenende lernt sie Walter F. kennen, Studienanfänger der Neurobiologie. Man kommt ins Gespräch. Dann kommt sie, die Frage. Walter F.: „Und was willst du dann mal damit machen?“
Walter F. studiert unter idealen Bedingungen. Viel Geld, viel Betreuung, wenig Andrang, exzellente Jobaussichten. Neurobiologen werden gebraucht im globalen Wettbewerb; genau wie Physiker, Mathematiker, Ingenieure.
Doch ohne Geisteswissenschaften kommen sie nicht aus, wenn sie keine Kopfwerker sein wollen.
Kopfwerker für den Arbeitsmarkt
Die Konrad-Adenauer-Stiftung
zählt zu den größeren Begabtenförderwerken. Sie fördert über 2.000 Studierende aller Fachrichtungen, angehende Journalisten, Promovenden und ausländische Studierende/Graduierte. Sitz der KAS ist Sankt Augustin und Berlin, es gibt weitere Bildungswerke in Deutschland sowie Auslandsbüros, die Projekte in über 120 Ländern betreuen. Die Arbeit der politischen Stiftung ist an christlich-demokratischen Wertvorstellungen orientiert.
„Kopfwerker“ ist die Bezeichnung für auf den Arbeitsmarkt zugeschnittene Wissenschaftler, welche Wirtschaft und Politik von den Universitäten nachfragen. Olaf Breidbach hat diese Bezeichnung bei einem Symposium der Konrad-Adenauer-Stiftung am 15. November in Berlin treffend gewählt. „Dialog der Wissenskulturen“ war der Titel der Veranstaltung, und Olaf Breidbach, Professor in Jena ist eine Art „Universalwissenschaftler“; er besitzt akademische Grade in natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen.
Eine Gegensätzlichkeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu sehen, sei verfehlt, so Breidbach. „Kopfwerker und Forscher sind der Gegensatz, um den es geht.“ Kreatives Denken, die Fähigkeit, neue Probleme zu erkennen, sich damit zu beschäftigen und Lösungsansätze zu finden, sei die Aufgabenstellung unserer Zeit.
Und genau der sind Uni-Absolventen, die ausschließlich auf Arbeitsmarktnachfrage hin studieren, nicht gewachsen. Dabei sind Freidenker auch effizient – und für den Wettbewerb unentbehrlich. „Wenn sich die Chinesen eine Technologie abgekupfert haben, müssen wir schon weiter gedacht haben“, so Breidbach. Das geht nur, wenn die hiesigen Hochschulen ihren Studenten Kreativität an die Hand geben, mit der sie sich an neue Probleme heranwagen, an welche die Kopfwerker noch gar nicht denken.
Hat Literaturwissenschaft einen Zweck?
„Die Neurologie betrachtet das Gehirn wie eine Niere. Oder wie die Leber. Oder die Nasenschleimhäute. Die Neurologie betreibt die Leberisierung des Gehirns, dessen Prostataisierung oder Dickdarmisierung. Das Gehirn als Weltverdauungsorgan – das ist es, was den Neurologen vorschwebt. Sie stellen die Schöpfung auf den Kopf, und je weiter sie voranschreiten um so mehr werden wir uns ihrem Diktum fügen.“
Ulrich Woelk, Schriftsteller und Astrophysiker, aus seinem Buch „Die Einsamkeit des Astronomen“
Welche Aufgaben haben aber dann, zum Beispiel, Germanisten? Aufzeigen, was in der Literatur über die menschliche Ressource der Moral beschrieben wird, sagt Gerhard Lauer, Professor für Sprach- und Literaturwissenschaft in Göttingen. Und die Literatur selbst? „Es gibt keine Sprache ohne Bildhaftigkeit – und kein Denken ohne Sprache“, sagt die aus München stammende Schriftstellerin Ulrike Draesner.
Auf der einen Seite also die präzisen Wissenschaften, die nach Genauigkeit suchen, auf der anderen das Unbeschreibbare, das menschliche Gefühls-Wissen, welches nach dem Guten, der Moral und dem Wahren, der Ethik fragt. Auch nach den möglichen weitreichenden Folgen der naturwissenschaftlichen Forschung. Stichwörter sind Atombombe, Genmanipulation, Klonen.
Die vornehme Aufgabe der Dichtung ist es, den Horror der eigenen Zeit zu erfassen“, spitzt es der Literat und Poet Durs Grünbein in seiner sich dem Symposium anschließenden Lesung zu.
Wenn Walter F. im Laufe seines Studiums an den Punkt kommt, über die Auswirkungen dessen nachzudenken, was er potentiell am Gehirn experimentieren und manipulieren könnte…, vielleicht ruft er dann Hanna L. an, die ihm empfiehlt, Durs Grünbeins Büchner-Preis-Rede „Den Körper zerbrechen“ zu lesen, welche die Frage stellt, was Schädelnerven der Wirbeltiere mit Dichtung zu tun haben.
Politik schneidert Wissenschaft auf den Markt zu
„Wir können allem Neuen nur Begegnen, indem wir es aus Mustern des Altbekannten rekonstruieren. Dabei ist die Rekonstruktion mittels Sprache meistens primitiv. Beim Akt des Schreibens ist man hundertprozentig dabei, aber gleichzeitig weiß man, dass es völlig lächerlich ist, weil man das Eigentliche eh nicht beschreiben kann.“
Raoul Schrott, Schriftsteller und Germanist, zu seinem Buch „Die Fünfte Welt. Ein Logbuch“
Eindeutiger ist da die Verbindung der Politik zur Wissenschaft: die Politik steuert Maßnahmen und Geld. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist auf dem Podium durch Susanna Schmidt vertreten. Zu einer klaren politischen Aussage, wo die Reise hingehen soll mit den Geisteswissenschaften, wenn immer jüngere Studenten, in immer kürzerer Zeit wieder von den Unis verschwunden sein sollen, lässt sie sich nicht hinreißen. „Berufsorientierung“ sagt sie gerne; oder „employability“ als die neudeutsche Formulierung für das, was die Schnell-Bildung – fast-studies – erreichen soll. Der Bachelor sei ein Erfolg meint Schmidt – Jürgen Kaube, Bachelor-Chefkommentator der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Moderator dieses Symposiums, sieht das anders: „Die Probleme des dynamischen Arbeitsmarktes lösen wir nicht, indem wir den Uni-Abbrechern jetzt ein Zeugnis geben.“ Was der Markt brauche, sei eine breitere Ausbildung. Was den Bachelor angehe, sei er optimistisch, sagt Kaube. „Es wird so nicht funktionieren.“
Susanna Schmidt möchte eher von der Breite weg, hin zu einer ziel-, sprich joborientierten Ausbildung – auch und vor allem der Geisteswissenschaftler. Sie etikettiert die Geisteswissenschaften als unverfügbar und zweckfrei – der Eindruck drängt sich auf, sie halte sie für Luxus. Dass sie für diesen Luxus plädiert, macht die Sache nicht viel besser. Lieber als über die Mängel der derzeitigen Entwicklung in der Hochschullandschaft spricht sie von der Bedeutung des Brückenschlags zwischen Literatur als Gegenstand und Literaturwissenschaften als Methode.
Immer mehr Methoden werden Gegenstände sein
„Die Literatur ist der Einzige Ort, an dem die Beobachtung des beobachtenden (Wissenschaftlers) stattfinden kann. Um Komplexität zu verringern muss man komplex arbeiten“ Literaturprofessor Oliver Jahraus über die Literatur des Mediziners und Schriftstellers Uwe Tellkamp. „Was kann Gott noch vermitteln, wenn wir, die wir seine Vermittler sind, nichts mehr vermitteln?“ „Der Eisvogel verletzt. Ich glaube nicht, dass ich so ein Buch noch einmal schreiben würde.“
Uwe Tellkamp aus und über sein Buch „Der Eisvogel“
Aber ist die klare Trennung zwischen Wissenschaftsgegenstand und -methode zeitgemäß? Auch die Literatur beobachtet; zum Beispiel die Entwicklung und Auswirkung der Naturwissenschaften. Sie beobachtet die Beobachter (siehe Info-Kasten rechts). Der Brückenschlag der Wissenschaften geht weiter als von einem speziellen Gegenstand zu einer speziellen Methode, er geht von Disziplin zu Disziplin.
Unser Protagonist Walter F. beispielsweise wird sich mit dem Aufbau des Nervensystems beschäftigen. Er könnte zu Ergebnissen kommen, die gegen die Willensfreiheit sprechen – und dann sind Brücken zu anderen Wissenschaften, ist Dialog gefragt. Zur Willensfreiheit forschen Philosophen, Sozialwissenschaftlern, Juristen, Theologen und, ja, Literaten, welche die Ergebnisse in Bildern und Literatur denkbar machen und weiterdenken. Die Entdeckung der Kernspaltung kann nicht als „physikalische“ Revolution gesehen werden – sie verändert die Welt bis heute. Atomkraft, Willensfreiheit, Genetischer Fingerabdruck, Stammzellenforschung… Keine Wissenschaft ist legitimiert, diese Fragen allein zu beantworten.
Anschließend an das Symposium fand ein Autorenseminar für Studierende unterschiedlicher Universitäten statt. Drei Schriftsteller waren zu Gast, die das Thema „Dialog der Wissenskulturen“ in ihren Büchern auf ganz unterschiedliche Weise literarisch beleuchten. Siehe Infokästen.
Links zum Thema
- Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung
Zur Person
Annekathrin Ruhose studiert Politikwissenschaft/Soziologie, Medien, Öffentliches Recht und Amerikanistik in Augsburg und Jena. Ihre Journalistenausbildung erhielt sie bei der katholischen Journalistenschule „Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses“ (ifp) von 2004-2006. Als Praktikantin und freie Mitarbeiterin ist sie für Printmedien sowie öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen tätig.
Literatur
- Wolfgang Frühwald u.A. (2004): Das Design des Menschen. Köln.
- Hans-Magnus Enzensberger (2002): Die Elixiere der Wissenschaft. Frankfurt a.M.
- Jörg-Dieter Gauger / Günther Rüther (Hrsg.) (2007): Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben! Ein Beitrag zum Wissenschaftsjahr 2007. Köln
- Durs Grünbein (2007): Strophen für übermorgen. Frankfurt a. M.
- Durs Grünbein (2007): Gedicht und Geheimnis. Aufsätze 1990 – 2006. Frankfurt a.M.
Kategorien
Themen: Kreativität
Nicht Geistes- versus Naturwissenschaften ist die Dichotomie. Die eigentlichen Gegensätze sind Forschung und angewandte Wissenschaft. Die Politik fördert „Kopfwerker“ – zulasten der Kreativität. Eine relevante Relevanz-Diskussion in Berlin.