“Die Vorzüge der Kernenergie liegen auf der Hand”
sg: Herr Arts, gerade in Zeiten des Klimawandels ist ja in letzter Zeit der Ruf nach Kernenergie wieder lauter geworden. Wie sähe denn für Sie als Vertreter der Atomlobby eine mögliche Zukunftsutopie aus?
Arts: Ich möchte zunächst betonen, dass ich hier nur für die deutsche Situation der Kernenergie sprechen kann. Und hierzulande wurde ja nach der Verständigung von 2000/2001 der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen – jedem Kernkraftwerk also Reststrommengen zugeordnet. Dies entspricht einem faktischen Betriebsende eines Kernkraftwerks in Deutschland nach ca. 32 Jahren.
Bernd Arts
(30) ist Bereichsleiter Presse und Politik beim Deutschen Atomforum e.V. Nach dem Studium der Politik- und Rechtswissenschaft hat er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem Bundestagsmitglied gearbeitet, war dann für ein größeres Energieversorgungsunternehmen tätig und wechselte dann zum Deutschen Atomforum.
sg: Das heisst also, es gibt für Sie in Deutschland keine Zukunft für die Kernenergie?
Arts: Auch in der Koalitionsvereinbarung der neuen Bundesregierung wurde der Dissens in der Frage der Kernenenergienutzung ja noch mal festgeschrieben. Aus unserer Sicht muss die Kernenergie aber Bestandteil des Energiemixes der Bundesrepublik bleiben.
sg: Von Kernkraftkritikern wird häufig bemängelt, dass die Kernkraftlobby ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht wird. Ich nenne da mal Tschernobyl als Beispiel. Inwiefern versuchen Sie denn, dieser Kritik zu begegnen?
Arts: Die Kernenergie wird allen Anforderungen an eine nachhaltige Energieerzeugungstechnologie gerecht: Erstens, Versorgungssicherheit. Zweitens, Klimavorsorge. Und drittens, Wettbewerbsfähigkeit. Wobei in Deutschland die Klimavorsorge momentan ein sehr drängendes Problem ist.
sg: Welchen Beitrag leistet denn die Kernenergie zum Klimaschutz?
Arts: Hierzu vielleicht erstmal ein paar Hintergrundinformationen. Falls es beim Ausstieg aus der Kernenergie bleibt, wird es Jahr für Jahr zu einem Anstieg des CO 2 -Gehalts in der Atmosphäre kommen. Denn die wegfallende Kernkraftkapazität muss durch fossile Kapazität ersetzt werden. Je nach eingesetztem Primärenergieträgertyp werden dann also jährlich 65-185 Millionen Tonnen mehr CO 2 ausgestoßen.
sg: Das heißt also, ohne Kernkraft erreicht Deutschland seine Klimaschutzziele nicht?
Arts: Mit Sicherheit. Entweder, es bleibt beim Ausstieg aus der Kernenergie; dann erreicht Deutschland seine Treibhausgasreduktionsziele nicht. Oder es kommt zu einer Neubewertung der Kernenergie durch die Politik in Deutschland. Dann hat Deutschland realistische Chancen, seine ehrgeizigen Klimaschutzziele zu erreichen.
sg: Inwiefern sind diese Ziele denn ehrgeizig?

Arts: Nun, Europa will ja den CO 2 -Ausstoß um 20 Prozent reduzieren. Aber falls wichtige Industrienationen sich anschließen sollten, will Europa sogar eine 30-prozentige Reduktion erreichen. Und Deutschland will seinen CO 2 -Ausstoß nun sogar um 40 Prozent reduzieren. Die Europäische Union verlässt sich auf einen maßgeblichen Beitrag Deutschlands. Die Frage ist nun, wie man bei geplantem Atomausstieg eine Emissionsminderung erreichen kann.
sg: Für Sie heißt das also: Ohne Kernenergie läuft nichts?
Arts: Wir hoffen, dass unsere Argumente auf dem Energiegipfel am 3.Juli adäquat berücksichtigt werden. Hier sollte der Beitrag wirklich aller Energieerzeugungssysteme zur CO 2 -Reduktion diskutiert werden. Und wir würden uns wünschen, dass Kernenergie Teil des Energiemixes in Deutschland bleibt.
sg: Nun ist ja vielerorts zu lesen, dass durch den Atomausstieg inzwischen immer weniger in die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke investiert wird. Was tun Sie denn für die Sicherheit der noch in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke?
Arts: In diesem Punkt muss ich Ihnen widersprechen. Es stimmt nicht, dass die Sicherheitsinvestitionen in deutschen Kernkraftwerken unter dem Atomausstieg leiden. Im Gegenteil: Selbst die Rot-Grüne Bundesregierung hat damals betont, dass deutsche Kernkraftwerke auf einem der höchsten Sicherheitsniveaus betrieben werden. Alle Anlagen werden mit großem Aufwand ständig sicherheitstechnisch verbessert und dem Stand von Wissenschaft und Technik nachgeführt. Wären die deutschen Kernkraftwerke nicht sicher, würden die Aufsichtsbehörden die Genehmigungen entziehen.
sg: Ich möchte noch einmal auf das Thema „Soziale Verantwortung“ zurückkommen. Die Kernenergie kann ja beispielsweise auch negative Folgen für Umwelt und Gesundheit haben…
Arts: Wie schon gesagt, wir werden den sozialen Maßstäben gerecht, indem wir mit unserer Energieerzeugung die drei Bereiche Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen abdecken. Die Kernkraft ist somit eine nachhaltige Energieerzeugungstechnologie.
sg: Wie sieht es denn mit dem Problem der Endlagerung radioaktiven Abfalls aus?
Arts: Nun, die Entsorgung radioaktiven Abfalls gilt als technisch lösbar. Es bedarf nun aber einer längst überfälligen politischen Entscheidung. Eine solche Lösung jedoch immer wieder zu vertagen, ist nicht zielführend, gerade auch aus Verantwortung vor künftigen Generationen.
sg: Also sind für Sie die Risiken der Kernkraft beherrschbar?
Arts: Ja, das mit dem Betrieb von Kernkraftwerken verbundene Risiko ist beherrschbar. Auch sorgt eine sehr große Anzahl Mitarbeiter dafür, dass Deutschlands Kernkraftwerke zu den sichersten der Welt gehören. Kernkraftnutzung bedeutet, im Gegenzug viele positive Aspekte zu gewinnen – zum Beispiel im Bereich der Klimavorsorge. An einer Neubewertung der Kernenergie in Deutschland führt aus unserer Sicht jedenfalls kein Weg vorbei.
sg: Herr Arts, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Atomausstieg
Deutschland ist nicht das einzige Land in der EU, das einen Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen hat. Auch Österreich (1978), Schweden (1980), Italien (1987) und Belgien (1999) haben sich für einen Ausstieg entschlossen. In Spanien und Holland gibt es zudem Gesetze, die den weiteren Ausbau der Kernenergie untersagen. In Deutschland sollen bis zum Jahre 2021 alle Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Die Regellaufzeit der bestehenden Kernkraftwerke wurde auf durchschnittlich 32 Jahre seit Inbetriebnahme beschränkt.
Links zum Thema
- Homepage des Deutschen Atomforums e.V.
- Informationen zum Thema von Greenpeace e.V.
Zur Person
Dr. Christoph Scherber (30) ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Agrarökologie der Uni Göttingen.
Literatur
- S. Pacala/R. Socolow (2004): Stabilization Wedges: Solving the Climate Problem for the Next 50 Years with Current Technologies. In: Science, 13 August, 305, S. 968-972.
Kategorien
Themen: Energie | Klimawandel | Physik