Surfen in der Mittagspause? Kein Problem! Studieren in Australien
Zuerst ein Seminar in E 27, dann ein Buch abgeben in D 19, eine Portion Sushi essen auf E 4 und danach für den Sportkurs anmelden in J 13 – so oder ähnlich kann ein Studientag an der UNSW (University of New South Wales) aussehen.
Die 1949 gegründete Universität versammelt fast 40.000 Studenten auf einem Campus im Süden von Sydney. Das Gelände ist dementsprechend beinahe einen Quadratkilometer groß, die Gebäude bis zu 16 Stockwerke hoch.
Dazwischen immer wieder subtropische Bäume wie in einem Tropenhaus, mit entsprechender Geräuschkulisse. Rechtzeitig von einer Veranstaltung zur nächsten zu kommen kann da schnell zur sportlichen Herausforderung werden, zumal das akademische Viertel in Australien unbekannt ist.
„Please be seated at 4.00 p.m!“ heißt es im Course Guide für eine von 16 bis 18 Uhr angesetzte Vorlesung. Straßennamen oder Hausnummern sucht man auf dem Campus vergebens, stattdessen orientiert man sich an einem Raster – ähnlich dem beim „Schiffe versenken“ – von A 1 bis O 28. „Geschichte auf D 19“ wäre zum Beispiel ein ganz klarer „Treffer, versenkt!“
Sydney
Die mit über vier Millionen Einwohnern größte Stadt Australiens wurde 1788 als erste Stadt in der neuen britischen Kolonie gegründet. Sie beherbergt neben den weltbekannten Sehenswürdigkeiten wie dem Opernhaus und der Harbour Bridge im wohl schönsten Naturhafen der Welt auch mehrere Universitäten von Weltruf. Zuletzt rückte sie im Jahr 2000 als Gastgeber der Olympischen Spiele in den Mittelpunkt weltweiten Interesses.
Die Universität ist eine eigene Stadt für sich, mit eigener Postleitzahl, Postämtern, Apotheken, Drogerien, ungefähr 20 Selbstbedienungsrestaurants (dafür keine „Mensa“), Sushi-Bars, und vielen, vielen „Clubs“ und „Societies“ – die hier für die Freizeitgestaltung enorm wichtig sind. Neben dem eigentlich „Clubinhalt“ sind die Clubtreffen enorm beliebt, und viele wählen ihre Clubmitgliedschaften nach der Qualität der Parties aus, regelmäßige, verpflichtende Treffen gibt es nicht. Der größte Club ist der Wintersportclub, und man muss keineswegs Wintersport betreiben oder lernen wollen, um Mitglied zu werden. Sie fahren zwar einmal im Winter in die Berge, wer aber keine Lust auf Ski oder Schlitten hat, kann, so die Werbebroschüre, auch einfach den ganzen Tag Schneebälle auf seine Kumpels schmeißen.
Legendär ist die Feierfreudigkeit der Mitglieder, und allein schon wegen des Après-Skis sollen einige mit auf die Reise gehen. Rätselhaft sind für den Außenstehenden Gesellschaften wie die „ChocSoc“, die Schokoladengesellschaft. Die Mitglieder essen gern Schokolade und treffen sich eben dazu.
Bei alledem fällt dem Neuankömmling gerade in den ersten Tagen die Lockerheit und Freundlichkeit der Australier auf, die sie nicht nur auf Reisen pflegen.
Professoren redet und schreibt man mit dem Vornamen an. Der Kassierer sagt „Na, wie geht’s denn so“, die Kaffeeverkäuferin „Und, wie war dein Tag?“, der Taxifahrer „Was macht ihr denn noch so am Wochenende?“ oder auch schon mal „Mir ist jetzt gerade nicht danach, zu fahren“. Und alle immer schön legèr – ohne Flip-Flops geht hier fast niemand aus dem Haus beziehungsweise in die Uni.
Im vergangenen Jahr kam die UNSW im „Times Higher Education Supplement“ auf Platz 40 der Liste der besten Universitäten der Welt. Unter den schätzungsweise 20.000 Universitäten weltweit nimmt sie damit einen Platz unter den besten 0,2 Prozent ein, getrübt nur von der Tatsache, dass die University of Melbourne, die ewige Rivalin Sydneys, noch besser abgeschnitten hat.
Im kommenden Jahr eröffnet die Universität einen Ableger in Singapur, nicht etwa ein eigenes Institut, sondern gleich eine ganze Zweiguniversität. Dabei gehört die UNSW mit über 9.000 ausländischen Studierenden schon zu den internationalsten Hochschulen der Welt.
Die internationalen Studenten lassen sich pauschal in zwei Gruppen einteilen. Asiaten kommen für das ganze Studium und arbeiten dementsprechend hart. Amerikaner kommen für ein Semester und verbringen ihre Zeit bevorzugt am Strand, in der Diskothek und auf Reisen. Europäer sind auf dem Campus nur sehr vereinzelnd anzutreffen. Etwa 10.000 Euro Studiengebühren pro Jahr wirken auf an geringe oder gar keine Gebühren gewohnte Europäer zu abschreckend. Verglichen mit den Studiengebühren in den USA ist ein Auslandssemester an der UNSW allerdings geradezu ein Schnäppchen.
Der Gebührengeldsegen muss sich entsprechend niederschlagen, erwartet man, und wird auch nicht enttäuscht. Büroöffnungszeiten von neun bis fünf sind die Regel, Warteschlangen so gut wie unbekannt. Auch Computerlounges mit iMacs sind an deutschen Universitäten sicher kaum zu finden.
Postgraduierte bekommen für ihre „thesis“ genannten Forschungsarbeiten einen eigenen Schreibtisch mit Computer in der Uni, und das im vierten Studienjahr! In anderen Ländern können selbst Doktoranden davon nur träumen.
Doch das Geld steht auch hier nicht unbegrenzt zur Verfügung. Blickt man in die Liste der Dozenten, findet man bei einigen den Vermerk „Im zweiten Semester nicht an der Universität“ – aus Spargründen.
Auch hierzulande werden die staatlichen Zuschüsse gekürzt. Doch das ist nicht der einzige Ungemach, der ausländischen Studierenden drohen kann.
Schafft man an einer deutschen Universität in einem Semester weniger Scheine als laut dem Studienplan vorgesehen, kann man diese zumeist im nächsten Semester nachholen. Als ausländischer Studierender in Australien verliert man hingegen in so einem Fall sein Visum und wird notfalls auch mit Gewalt abgeschoben. Einerseits eine gute Motivationshilfe für das Aufstehen nach einer allzu kurzen Nacht. Im Ernstfall allerdings weniger lustig.
So laufen seit dem 16. März an der ostaustralischen Central Queensland University Krisensitzungen, um den Hungerstreik von beinahe 160 ausländische Studierenden abzuwenden, denen nach einer nicht bestandenen Klausur (Durchfallquote: 67 Prozent) der Verlust der Aufenthaltsgenehmigung bevorsteht, falls die Universität nicht einlenkt. Bisheriger Kommentar der zuständigen Professorin: „Wir müssen unsere akademischen Standards aufrechterhalten“. Und: „Studenten müssen ihre Prüfungen bestehen“.
So dramatisch geht es in den allermeisten Fällen aber nicht zu. Normalerweise bleibt den Studierenden noch ausreichend Freizeit, und die Angebote hierfür suchen sicher ihresgleichen.
Surfen in der Mittagspause? Kein Problem in Sydney! Fast alle Unterkünfte für die ausländischen Studierenden sind näher am Strand als an der Universität gelegen – und dieser Standortvorteil wird ausgiebig ausgenützt. Da fällt es häufig schwer, sich bei 30 Grad und strahlender Sonne in seine Bücher zu vertiefen.
Man kann sie natürlich mit an den Strand nehmen. Oder erst gar nicht in Versuchung kommen und auf dem Gelände der Universität lernen, mit einem guten Kaffee. Den meiner Meinung nach besten gibt es auf G 5.
Links zum Thema
- Homepage der Universität
- Der Wintersportclub
- Die Schokoladengesellschaft
- Studenten und der Hungerstreik
Zur Person
Carl-Leo von Hohenthal studiert(e) Geschichte und Politik in Berlin und Freiburg sowie seit Februar 2006 in Sydney. Er ist freier Autor, unter anderem für die „Badische Zeitung“, und gewann mit einer Arbeit über Krieg und Kriegsfolgen in der Antike den Landeswettbewerb Alte Sprachen in Baden-Württemberg.
Er ist natürlich sofort der Schokoladengesellschaft beigetreten.
Literatur
- Patrick O’Farrell (1999): UNSW a Portrait. University of New South Wales 1949-1999. Sydney
Kategorien
Themen: Australien | Studieren im Ausland

Top-Universitäten, Traumstrände und tropische Temperaturen. Mitten im deutschen Winter hat sich der Freiburger Student Carl-Leo von Hohenthal ans andere Ende der Welt aufgemacht, um ein Jahr in Sydney zu verbringen. Seine ersten Eindrücke haben alle Erwartungen noch weit übertroffen!