Altersweisheit eines Oppenheimers
Mit 84 Jahren werden Preisverleihungen anstrengend. Am 20. Juni erhielt Leonard J. Koch den Global Energy Prize für sein Lebenswerk, den Reaktorenbau auf der Basis schneller Neutronen. Tags darauf kommt er dennoch ausgeruht und federnden Schrittes zum Gesprächstermin mit sciencegarden.
sg: Herr Koch, herzlichen Glückwunsch. Was bedeutet der Global Energy Prize für Sie?
LK: Vielen Dank. Dieser Preis ist die wichtigste Anerkennung, die ich für mein Lebenswerk bekommen habe. Ich bin immer noch sehr bewegt von der feierlichen Zeremonie gestern.
sg: Jahrzehntelang herrschte Kalter Krieg zwischen den USA und der UdSSR; beide Supermächte verfügten über Atombomben. Verwundert es Sie da nicht, dass mit Ihnen ausgerechnet ein Amerikaner mit dem russischen Global Energy Prize bedacht wurde?
weitere Informationen:
• Julius Robert
Oppenheimer
• Leonard J. Koch
• Abrüstungsgipfeltreffen
von Genf 1955
LK: Dass mir dieser Preis verliehen wurde, kam in der Tat unerwartet für mich, denn die Nominierung erfolgt ja geheim. Dass ich als Amerikaner geehrt wurde, überrascht mich hingegen nicht. Glücklicherweise nimmt die Politik nicht derartig Einfluss auf die Wissenschaft, dass die Nationalität eines Wissenschaftlers eine Rolle spielte. 1955 gab es zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion den ersten ernsthaften Konflikt wegen atomarer Waffen. Im gleichen Jahr fand in Genf ein Abrüstungsgipfeltreffen statt, auf dem ich das erste Mal russischen Kollegen begegnete. Ungeachtet aller Politik verstanden wir uns prächtig! Damals wie heute bedauere ich lediglich, dass ich nicht russisch spreche. Wenn man die Landessprache spricht, hat man einen viel besseren Zugang zu den Menschen – ich muss mich leider auf einen Dolmetscher verlassen. Außerdem möchte ich betonen, dass ich nie in das amerikanische Atomwaffen-Programm eingebunden war. Meine Forschung diente ausschließlich der zivilen Nutzung von Nuklearenergie.
sg: Wie schätzen Sie die Arbeit Ihrer russischen Kollegen ein?
LK: Ich empfinde sehr großen Respekt, denn die russischen Forscher schaffen unter nicht immer optimalen Bedingungen Hervorragendes. Der größte und beste schnelle Brüter auf der ganzen Welt ist der russische Reaktor BN-600, daran gibt es nichts zu rütteln. Leider hatte ich nie die Gelegenheit, den BN-600 selbst zu besichtigen, aber die Photographien und Veröffentlichungen zu diesem Reaktor sind äußerst beeindruckend.
sg: In Deutschland wird immer etwas neidvoll auf den Forschungsstandort USA mit hervorragendem Arbeitsklima und Finanzierung für Spitzenfachleute geschielt. Wenn Sie die russische Forschung so loben, wollen Sie etwa sagen, dass überragende Ergebnisse auch mit weniger zu erreichen sind?
LK: Was die Wissenschaftsförderung in den USA angeht, so kann man sich in der Tat nicht beklagen. Sowohl die Regierung als auch verschiedenen Organisationen unterstützen die amerikanische Forschung sehr gut. Der Unterschied zwischen amerikanischer und russischer Forschung beruht eher auf der Einstellung zu ihr. Diese Erfahrung konnte ich während meiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit wiederholt machen. Überall auf der Welt ist man sich einig, dass alle Energieträger, die eine Alternative zu fossilen Reserven bilden, umfassend erforscht werden müssen, da die fossilen Energiequellen in absehbarer Zeit erschöpft werden. Sowohl in den USA als auch in Russland wurde ein Nuklearprogramm aufgelegt, das bald erste Ergebnisse brachte. In Amerika lehnte man sich zufrieden zurück und begann eine Diskussion, warum wir jetzt forschen, wenn wir die Ergebnisse doch erst in frühestens 25 Jahren werden anwenden müssen. Warum warten wir nicht einfach noch ein paar Jährchen mit einer intensiven Erforschung und geben derweil die Gelder, die für das Nuklearprogramm vorgesehen waren, anderweitig aus? In Amerika geht man mit weniger Enthusiasmus an die Sache heran als in Russland. Das russische System ist nach logischen Gesichtspunkten aufgebaut und flexibler. Die Russen handeln nach der Überzeugung, dass sie die Ergebnisse ihres Forschungsprogramms auf alle Fälle benötigen werden, und treiben ihre Bemühungen jetzt voran, um später nicht eventuell mit leeren Händen dazustehen. In meinen Augen ist es auch ein wichtiges Signal für die russische Forschung, dass der Global Energy Prize von drei Unternehmen aus dem Energiesektor unterstützt wird. Ich denke, die Forschung in beiden Ländern steht auf gesunden Füßen. Während aber in Amerika sehr kurzfristig gedacht wird, agiert Russland mit langfristigen Zielsetzungen. Von dieser Einstellung kann man sich ruhig ein Scheibchen abschneiden.
sg: Sie müssen als Wissenschaftler also PR in eigener Sache betreiben, überzeugen, dass ihre Forschungsarbeit wichtig ist?
LK: Wissenschaftler müssen insofern Werbung betreiben, als sie erklären müssen, womit sie sich beschäftigen und welche Resultate ihre Tätigkeit bringen wird – nicht nur für die Wissenschaft, auch für die Gesellschaft. Diese Art von Werbung unterscheidet sich natürlich von einem Verkaufsgespräch für Waschmaschinen.
sg: Dafür stellt sich die Frage nach der Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers für seine Forschungsergebnisse. Wie halten Sie es damit?
LK: Natürlich fühle ich mich verantwortlich für meine Forschung, aber ich denke nicht, dass ich Verantwortung dafür trage, wie andere meine Erkenntnisse nutzen. Ich persönlich halte mich dafür verantwortlich, meine Erkenntnisse so aufzubereiten, dass ihre praktische Anwendung sicher und so risikolos wie möglich ist und dass sie allen Menschen zugänglich sind. Sehen Sie sich doch einen Ingenieur an, der Autos baut. Er ist dafür verantwortlich, dass in seinem Modell zum Beispiel die Bremsen richtig funktionieren. Wenn nun ein Kunde mit diesem Auto fährt und es läuft ihm ein Kind vor den Wagen und er entscheidet sich, nicht zu bremsen, so wird der Ingenieur nicht dafür zur Rechenschaft gezogen, dass der Kunde nicht auf’s Bremspedal steigen wollte. Ich sehe mich auch als Ingenieur mit der gleichen Verantwortung, die der Autobauer für die Bremsen in seinem Wagen hat.
sg: Das ist ja eine ziemlich materialistische Auffassung. Glauben Sie denn an Gott?
LK: Ja, ich glaube an Gott, auch wenn ich nur gelegentlich in die Kirche gehe. Mein Gott ist aber nicht personifiziert – ich glaube an eine höhere Macht, die das Universum kontrolliert. Am einfachsten überzeugt man sich von der Existenz dieser Macht, indem man den Himmel mit seinen unzähligen Sternen betrachtet und sich das Größenverhältnis zwischen Mensch und dem unendlichen Himmel bewusst macht.
sg: Leider sind unsere Energiereserven nicht so unendlich wie der Himmel. Welche Wege sehen Sie aus der drohenden Energiekrise?
LK: In der Tat sind alle Energiespeicher endlich, die Sonne einmal ausgenommen. Deshalb müssen wir alle Energiequellen, die uns zur Verfügung stehen, erschließen und nutzen. Wir müssen die Ausbeutung verschiedener Energievorräte kombinieren, je nachdem, welche Energieträger uns zur Verfügung stehen und in welchem Umfang sie das tun. Wir dürfen uns nicht vormachen, dass nur eine einzige Energiesorte all unsere Probleme lösen kann – außer vielleicht der Atomenergie! (lacht) Gott hat uns den Grips gegeben, also lasst ihn uns auch benützen, um umfassend zu denken!
sg: Was halten Sie denn von Wasserstoff?
LK: Wasserstoff unterscheidet sich fundamental von allen anderen Energiearten. Wasserstoff ist ein Energielieferungssystem, kein direkter Energieträger, den man in der Natur abbauen kann. Wasserstoff muss erst hergestellt werden. Er ist ein wunderbares Energielieferungssystem, denn die Energiegewinnung aus Wasserstoff verläuft zyklisch: Wasser – Wasserstoff – Wasser. Und die Nutzung von Wasserstoff ist sehr sauber, es entsteht dabei keinerlei Verunreinigung. Ich sehe nur ein Problem bei der Lagerung, denn Wasserstoff kann nur bei sehr niedrigen Temperaturen gelagert werden. Wasserstoff-Tankstellen sind viel schwieriger zu realisieren als die üblichen Benzin-Tankstellen. Dies stellt aber kein unlösbares Problem dar, und die Vorteile von Wasserstoff insgesamt sind enorm.
sg: Predigen Sie als Atomenergetiker demnach die Abkehr von der Kernenergie?
LK: Mir schwebt eher eine komplementäre Nutzung von Atom- und Wasserstoffenergie vor. Ein Atomreaktor produziert konstant dieselbe Menge an Energie, die Nachfrage für Energie jedoch schwankt. Deshalb wäre es in meinen Augen sinnvoll, jenen Überschuss an Atomenergie, der bei geringer Nachfrage entsteht, zur Herstellung von Wasserstoff zu nutzen. Übersteigt dann die Energienachfrage einmal das Angebot an Atomenergie, kann zusätzliche Wasserstoffenergie aus den Vorräten eingespeist werden.
Die Kanadier haben einen der weltweit größten Uranvorräte, bräuchten sich also noch lange Zeit keine Gedanken um Alternativen für Atomenergie machen. So geht doch eine Signalwirkung davon aus, dass sich ausgerechnet die Kanadier mehr als alle anderen Nationen mit der Schaffung eines kombinierten Wasserstoff-Atom-Systems befassen. Die daraus gewonnene Energie nennen sie "Hydrocity". Kombinierte Systeme sind die Zukunft. Wir – die restlichen Nationen – müssen uns viel aggressiver am Ausbau zukunftsträchtiger Lösungen beteiligen!
sg: Was möchten Sie sonst noch mit auf den Weg geben?
LK: Erstens: Bleib’ bei dem, was du gerade tust. Zweitens: Unterstützt jene Ingenieure und Wissenschaftler, die versuchen, auf der ganzen Welt mehr Energie verfügbar zu machen und die damit verbundenen Risiken zu minimieren. Besonders die Entwicklungsländer haben einen sehr hohen Energiebedarf. Die Menschen in höher entwickelten Ländern sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um Energie auch für arme Länder erschwinglich zu machen.
sg: Herr Koch, vielen Dank für das Gespräch.
Links zum Thema
- Argonne National Laboratory
- Global Energy Prize
Welche Verantwortung trägt ein Wissenschaftler für seine Entdeckungen? Robert Oppenheimer scheiterte beinahe an dieser Frage. Leonard J. Koch, Kollege und Zeitgenosse des berühmten Atomphysikers, gibt im hohen Alter Antwort.