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Studenten aller Länder, trefft Euch!

Studentenkonferenz in Tallinn 2003In den osteuropäischen Ländern haben Studentenkonferenzen Tradition. Auch die internationale Konferenz Junger Philologen in Tallinn wird von Studenten organisiert und sogar von der Uni mitfinanziert…

Früher oder später erwischt es jeden Jungakademiker – das Premierenfieber vor dem ersten Vortrag auf einer Konferenz. In Deutschland tritt es gewöhnlich unter Doktoranden auf, während der osteuropäische Akademikernachwuchs in diesem Alter schon immun ist: Für ihn bietet sich ab dem zweiten Semester die Möglichkeit, an zahlreichen Konferenzen für junge Wissenschaftler teilzunehmen. Die alljährliche Konferenz Junger Philologen an der Pädagogischen Universität in Tallinn (TPU) zeichnet sich durch eine weitere Besonderheit aus: Sie wird von Studenten für Studenten organisiert.

Tallinner Pädagogische Universität
80 Jahren als Lehrerseminar gegründet, entwickelte die Einrichtung in den darauffolgenden Jahrzehnten ein Universitätsprofil, so dass sie 1952 zur Hochschule erklärt wurde. Erst 1992 wurde die Hochschule in Tallinner Pädagogische Universität (TPU) umbenannt. Heute studieren an der TPU knapp 7 500 Personen, etwas weniger als 2 Prozent davon sind Doktoranden.

„An freiwilligen studentischen Helfern mangelt es uns nie”, freut sich Dimitrij Mironov, einer der Organisatoren. Indem die jungen Leute das Organisationsteam der Konferenz unterstützen, können sie ganz unverbindlich Konferenzluft schnuppern. Die meisten werden dabei vom „Konferenzvirus” infiziert: „Wer im einen Jahr noch als Helfer die Kaffeetafel für die Teilnehmer herrichtete, Infobroschüren erstellte und verteilte, hält im nächsten Jahr als regulärer Konferenzteilnehmer bereits einen eigenen Vortrag”, hat Mironov über die Jahre hinweg bemerkt.

Besonders im Vorfeld der Konferenz sind fleißige Helfer gefragt: Die jungen Philologen tagen in zwei Sektionen, je dreißig befassen sich in der literatur- beziehungsweise sprachwissenschaftlichen Abteilung mit Problemen aus der russischen Sprache und Literatur. Die Teilnehmer – Studenten aller Semester sowie Doktoranden – müssen sich in einem Auswahlverfahren qualifizieren, in dem eine Zusammenfassung des geplanten Vortrags bewertet wird. Nach Bewerbungsschluss müssen Helfer die eingegangenen Bewerbungen sortieren, bevor sich das Auswahlkomitee an die Arbeit machen kann.

Dimitrij Mironov

Dimitrij Mironov, Mitglied des Organisations-
Kommitees

„Die Auswahl der Teilnehmer ist der einzige Organisationsbereich, an dem auch Unimitarbeiter beteiligt sind”, unterstreicht Mironov. „Das Auswahlkommittee besteht aus zwei Magistranden oder Doktoranden und zwei Dozenten des Instituts für Slavische Philologie, wobei darauf geachtet wird, dass nicht immer die gleichen Personen dem Komitee angehören.“ Wenn Mironov selbst im Auswahlkommmittee sitzt, kämpft er mit einem Problem, das für ihn persönlich das Schwierigste bei der Organisation der Konferenz ist: „Es fällt mir unheimlich schwer, einem Bewerber absagen zu müssen. Für unsere Konferenz bewerben sich nur hochmotivierte Studenten mit entsprechend qualitätsvollen Arbeiten. Die eingereichten Themen sind so vielfältig und interessant, dass es alle Bewerber verdient hätten, an der Konferenz teilzunehmen.“

Ist die Auswahl erst einmal getroffen, müssen alle Teilnehmer zur Konferenz eingeladen werden. Manch einem erscheint dies als die eigentliche Sisyphosarbeit, ist hier doch diplomatisches Fingerspitzengefühl im wahrsten Sinne des Wortes gefragt. „Da die Konferenz die russische Literatur- und Sprachwissenschaft zum Thema hat, reisen viele Teilnehmer aus Russland, Weißrussland oder der Ukraine an. Bürger dieser Staaten müssen aber in einem langwierigen Prozess ein Visum beantragen, um nach Estland einreisen zu dürfen“, benennt Mironov das Problem. Deshalb gilt es für ihn und sein Team, in den zwei Monaten, die zwischen Auswahl der Teilnehmer und Konferenzbeginn liegen, so schnell wie möglich spezielle Einladungsschreiben zur Visabeantragung an die russischen Teilnehmer zu versenden – je später die Einladung eintrifft, desto teurer wird die Visabeantragung. Glücklicherweise unterhält die Abteilung für Auslandsbeziehung der TPU gute Kontakte zum estnischen Innenministerium und unterstützt Mironovs Team, so dass die Einladungen per Diplomatenpost an die estnischen Botschaften in den Heimatländern der Teilnehmer verschickt werden kann. Dies macht den Versand schneller und sicherer und die Teilnehmer sparen die Kosten für eine Expressbearbeitung des Visums.

Sind alle Visafragen geklärt und die Teilnehmer reisefertig, müssen sich die Organisatoren noch um eine Unterkunft für die Teilnehmer kümmern. „Da uns die Tallinner Pädagogische Universität nicht nur materiell, sondern auch finanziell unterstützt, können wir für die Tagungszeit Plätze in einem Studentenwohnheim anmieten und den Teilnehmern kostenlos zur Verfügung stellen“, freut sich Mironov. Geld aus Universitätstöpfen für eine studentische Konferenz – was sich für deutsche Ohren märchenhaft anhört, ist in Tallinn Realität und durchaus gerechtfertigt, denn die Geschichte der Konferenz Junger Philologen verdient es, als Erfolgsstory bezeichnet zu werden.

Schon lange werden an der TPU inneruniversitäre Konferenzen für junge Wissenschaftler abgehalten, was Aurika Meimre auf den Gedanken brachte, eine internationale Konferenz für Nachwuchs-Russisten auszurichten. 1997 bewarb sich die Doktorandin mit ihrer Idee beim Fond Offenes Estland um finanzielle Unterstützung.
„Als vom FOE eine positive Antwort kam, war ich sowohl froh, als auch ein bisschen überrascht“, berichtet Aurika. „Immerhin wurde uns finanzielle Unterstützung für zwei Jahre zugesagt.“ Die TPU stellte zudem noch Räumlichkeiten und technische Geräte zur Verfügung, so dass im April 1998 die erste Internationale Konferenz Junger Philologen stattfinden konnte. Die Teilnehmer reisten aus ganz Zentral- und Osteuropa an.

Der Fond Offenes Estland (FOE)
gegründet und ist der für Estland zuständige Zweig der Soros-Stiftung. Ziel des FOE ist es, den Aufbau von Demokratie und Zivilgesellschaft in Estland sowie die estnische Integration in die EU zu unterstützen.

Nachdem die Förderung durch den FOE 1999 ausgelaufen war, musste Aurika Meimre neue Geldquellen für die Konferenz auftun. Sie wandte sich an die heimische Alma mater. „Von der TPU Geld für die Konferenz zu bekommen, war leicht und schwer zugleich, denn sie verfügt über mehrere Fonds für die Weiterentwicklung von Wissenschaft und Lehre und zur Unterstützung verschiedener Projekte, die Profil und Entwicklung der Universität stärken. Unsere Konferenz ist der Russistik gewidmet, und nachdem das Institut für Slavische Philologie als eines der bedeutendsten und angesehensten Institute an der TPU gilt, hatte die Unileitung nie Grund zu zweifeln, dass sie mit unserer Konferenz ein sinnvolles Projekt finanziert“, erinnert sich Aurika. „Einer Schwierigkeit stand und stehen wir dennoch gegenüber: Die Höhe der finanziellen Unterstützung für die Konferenz hängt von der finanziellen Lage der Universität ab“. Zu einem Drittel kommt das Geld für die Konferenz von dem Institut für Slavische Philologie, ein weiteres Drittel der Kosten decken die Philologische Fakultät und der fakultätseigene Fond zur Weiterentwicklung von Forschung und Lehre, der Rest stammt aus Universitätstöpfen. „Die Universität unterstützt unsere Konferenz noch aus einem weiteren Grund so großzügig: Im Entwicklungsplan der TPU steht ausdrücklich geschrieben, dass die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern Priorität hat, und unsere Konferenz ist eben speziell für junge Philologen. Zudem organisiert an der gesamten TPU nur das Institut für Slavische Philologie alljährlich eine Konferenz für Nachwuchsforscher, die außerdem noch international ist“, fügt Meimre hinzu.

In der Tat hat sich der Ruf der Konferenz über die Grenzen Zentral- und Osteuropas hinweg verbreitet – in den letzten beiden Jahren waren sogar Teilnehmer aus Oxford und Deutschland angereist. „Wir führen zwar keine Statistik darüber, wie viele der Konferenzteilnehmer später eine wissenschaftliche Karriere machen, aber diejenigen, mit denen noch Kontakt besteht, verfolgen zumindest ihre Promotion“, merkt Mironov an.

Eine Publikation ihrer Arbeit steht für alle Konferenzteilnehmer in greifbarer Nähe, denn nach jeder Konferenz wird ein Band der Reihe Studia Slavica herausgegeben, in dem ausgewählte Aufsätze der Teilnehmer veröffentlicht werden. „Auch der Sammelband ist mein Kind,“ berichtet Aurika Meimre. „Ich war der Meinung, dass jede Konferenz – auch eine für Nachwuchswissenschaftler – anhand von Materialien nachverfolgbar sein sollte, und ein Sammelband macht genau dies möglich.“ Die Kosten für die Studia Slavica werden vollständig vom Institut für Slavische Philologie der TPU getragen. Bisher wurden vier Bände herausgegeben; einer davon erfuhr sogar von Prof. Bogomolov, einer literaturwissenschaftlichen Kapazität der Moskauer Staatlichen Universität, eine wohlmeinende Rezension. „Solange wir nur irgendwie die Möglichkeit haben, die Studia Slavica weiter herauszugeben, werden wir dies auch tun“, sagt Meimre entschlossen.

Wenn Estland am 1. Mai 2004 der EU beitritt, dürften die estnischen Bildungspolitiker wohl ohne Lampenfieber auf die EU-Bühne treten; vielleicht aber tritt den deutschen Bildungspolitikern angesichts der estnischen Anstrengungen im Bildungssektor der Angstschweiß auf die Stirn.

Beitrag von Sandra Birzer

Links zum Thema

  • Infos über die Konferenz Junger Philologen in Tallinn
  • Homepage der Tallinner Pädagogischen Universität
  • Homepage des Fonds Offenes Estland
  • Homepage der Soros-Stiftung

Zur Person

Sandra Birzer beschäftigt sich im Rahmen der Ost-West-Studien an der Universität Regensburg mit Slavischer Philologie. Momentan erfährt sie als DAAD-Stipendiatin am eigenen Leib das russische Studentenleben.

Literaturliste

  • Studia Slavica. Bd. 1. Tallinn: TPU kirjastus, 1999.
  • Studia Slavica. Bd. 2. Tallinn: TPU kirjastus, 2001.
  • Studia Slavica. Bd. 3. Tallinn: TPU kirjastus, 2003.
  • Studia Slavica. Bd. 4. Tallinn: TPU kirjastus, 2004

Kategorien

Themen: Osteuropa | Studentenleben

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