Die Passion Christi als Splatterfilm
Gibsons Film ist in seiner künstlerischen Einfachheit, mit der er die vier Evangelien des neuen Testamentes zu einer Erzählung verbindet, verblüffend „unkünstlerisch“ (im Sinne von „eigenständiger Interpretation einer literarischen Vorlage“). Dargestellt werden die letzten 15 Stunden im Leben Jesu – vom Verrat im Garten Gethsemane über das Verhör bei den jüdischen Hohepriestern und die Folter durch die Römer bis hin zu seiner Verurteilung und Kreuzigung. Ein Stoff, der jedem Zuschauer christlicher Kultur bestens bekannt sein dürfte. Gibson interessiert sich nicht für den Vorwurf der Redundanz, sondern insistiert darauf, dass er einen Film drehen wollte, der sich so nah wie möglich an die „Realität der Bibel“ hält: Er lässt seine judäischen Figuren ein rekonstruiertes Aramäisch sprechen und die Römer eine Art italienisch klingendes Vulgärlatein. Er dokumentiert die Geschichte mit fast schon journalistischem Eifer, hält seine Kamera immer nah am Geschehen und versucht kein noch so winziges Detail, das ihm die Evangelien „vorschreiben“, auszulassen.

Indes ist das Wenige, was Gibson dem Stoff hinzufügt, wesentlich interessanter als sein Versuch einer Bibelbebilderung: eben jene filmische Darstellung der Passion, die er für seinen Film wortwörtlich nimmt. Gibson führt die Folterungen und das Sterben Christi aus allernächster Nähe vor und ist dabei über jeden Zweifel der Selbstzweckhaftigkeit solcher Gewaltdarstellung erhaben. Doch exakt an dieser Darstellung stoßen sich sowohl die Filmkritik als nun auch einige Kirchenvertreter. Die kritische Frage lautet: Ist es wirklich notwendig, die Leidensgeschichte Christi, die von Theologen ja vor allem als Parabel für das christliche Motiv der Sündenübertragung gelesen wird, so detailliert, wie einen Splatterfilm darzustellen?
Angesichts der fast unerträglichen Szenen des Films entbrennt derzeit eine neue Diskussion über den Sinn (nicht den Unsinn!) von Gewaltdarstellung. Und diese Diskussion zieht ihre Kreise und löst sich mehr und mehr von Gibsons Film ab, über den mittlerweile zumindest die Feuilletons einhellig der Meinung sind, er sei „naiv“. Mit der Gewaltdarstellung im Film ging nämlich bislang immer auch die Frage einer notwendigen oder überflüssigen Zensur einher. Und diese Frage wird jetzt erneut aufgeworfen, wie in der jüngsten Ausgabe der Filmzeitschrift Cinema (4/2004, S. 110 f.) oder im Kulturteil der Nürnberger Nachrichten vom 19. März zu lesen ist: Rechtfertigt Gewaltdarstellung in der Kunst eine Zensur derselben? Und mit „Zensur“ ist keineswegs allein der Jugendschutz gemeint, denn, wie man in der Cinema lesen kann, auch Filme, die nur für Erwachsene freigegeben werden, fallen der Schere zum Opfer – und das, obwohl der Artikel 5 des Grundgesetzes eine solche Zensur von Kunst doch eigentlich explizit ausschließt.
Bei der Zensurierung von Filmen steht wohl etwas mehr auf dem Spiel als die Frage, ob Gewaltdarstellungen schlicht überflüssig in Filmen sind. Denn auch die Passion Christi wäre wohl ohne die Blutbilder filmisch adaptierbar gewesen, doch hat sich Regisseur Gibson davon anscheinend nicht so viel „Wirksamkeit“ versprochen. Die Authentizität in den Medien steht hier im Vordergrund für die Rechtfertigung „solcher Szenen“. Wie kann man einen fiktionalen Stoff für eine Gesellschaft aufbereiten, die bereits alle Ereignisse der Wirklichkeit durch den medialen Filter wahrnimmt? Wie kann man den Filmzuschauern die besondere Brisanz eines Stoffes verdeutlichen und sie aus dem Tiefschlaf der Berieselung reißen? Wohl nur, indem man sie frappiert, indem man sie bis ins Mark erschüttert mit Bildern, die sie sonst nicht zu sehen bekommen. Doch diese Bilder stoßen häufig auf die Zensur, welche damit bislang oft erfolgreich verhindert hat, dass die Kunstgattung Film ihre Zuschauer aus dem Stand-by-Modus holt.

Doch ganz so einfach, die Filmzensur damit zum illiberalen Fels in der Brandung der aufklärerischen Medien erklären zu wollen, ist es auch nicht. Die Zensur ist seit je her ein die Kunstproduktion begleitender „Kommentar“. Sie bildet sozusagen die Demarkationslinie der oftmals unausgesprochenen gesellschaftlichen Tabus. Sie ist ein Spiegel gesellschaftlicher Ängste und nicht zuletzt auch des aufklärerischen Auftrags, Kunst sei zur Erbauung gut. Doch der Widerspruch gegen die Zensur ist die genauso wichtige andere Seite dieser Medaille, denn in ihm zeigt sich der Emanzipationswille des Einzelnen und sein Beharren auf ästhetische Selbstaufklärung. Oft geäußertes Gegenargument des „Gewaltbild-Fans“ gegenüber der Zensur ist, dass man es sich ja nicht anschauen muss, wenn man nicht will. Und das stimmt. Die Freigabepolitik der Selbstkontrollen (FSK) und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BpjM) sollten eigentlich einen Empfehlungs- und keinen Vorschriftscharakter haben. Der grundsätzliche Zugang zu jedem ungekürzten Filmkunstwerk sollte gewährleistet sein, damit eine Debatte über Sinn und Unsinn seiner Gewaltdarstellung überhaupt öffentlich geführt werden kann.
Mel Gibsons Film „Die Passion Christ“ hat übrigens eine Freigabe „ab 16“ erhalten. Damit bestätigt die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“ (FSK), dass ihr die bildhafte Darstellung eines christlichen Glaubensinhaltes als für Jugendliche geeignet erscheint. Doch im Vergleich zu andere Filmen, die erst „ab 18“ oder sogar „indiziert“ (also schwer jugendgefährdend) eingestuft werden, ist „Die Passion Christi“ um einiges „härter“ in seiner Gewaltdarstellung. Aber hier scheint eine Form gesellschaftlich akzeptierter Gewaltbilder vorzuliegen, der man mit der Freigabe attestiert, dass sie nicht nur gouttierbar, sondern sogar sinnvoll sei. Geistliche Seelsorger und Pfarrer stehen übrigens in den Multiplex-Kinos bereit, um die geschockten und diskussionswilligen Zuschauer nach der Vorführung „aufzufangen“ – sie haben wenig zu tun, wie man hört.
Über den Film:
Die Passion Christi (The Passion of Christ, USA 2004, Regie: Mel Gibson)
Ab 18.03.2004 im Kino, aramäisch/lateinisches Original mit deutschen Untertiteln, 127 Minuten (ungekürzt)
- Filmografische Daten
- Filmkritik
- Erste Reaktionen nach dem Filmstart
Informationslinks zum Thema Filmkultur, Medienkompetenz und Zensur:
- Medialog e.V. – Verein zur Förderung von Medienkompetenz
- Kulurgeschichte der Zensur (Dr. Roland Seim)
- Informationsseite über Filmzensur
- Internetseite mit Verzeichnis zu indizierten und verbotenen Filmen
Zur Person
Stefan Höltgen ist Film- und Kulturwissenschaftler sowie freier Journalist für epd Film, Schnitt und Splatting Image. Seit 2001 gibt er die Filmzeitschrift „F.LM – Texte zum Film“ heraus. 2004 hat er mit anderen den Verein „Medialog e.V.“ gegründet. Weitere Informationen: www.stefan-hoeltgen.de und www.f-lm.de.
Kino ist im besten Fall immer auch ein Anlass zur Auseinandersetzung über Moral, Tabus und Werte. Mel Gibsons „Passion Christi" ist vielleicht der erste christlich motivierte Splatterfilm. Was steckt hinter der Diskussion?