Das Flüstern alter Mauern
Nieselregen. Der Rasenmäher rattert leise vor sich hin, ein Kaninchen schafft es gerade noch, seinen tödlichen Messern zu entrinnen. Ich bin unterwegs zur Bar am Imperial College London, Aussenstelle Silwood Park, wo sich um fünf Uhr nachmittags immer Studenten und Professoren auf ein gemütliches Glas Guinness treffen. Ein Urwald aus üppig blühenden, knorrigen Rhododendronbüschen säumt den Pfad.
Henry, Gaststudent aus den USA, erinnert sich: "Ja, die Idee für das ECOTRON ist damals auch bei einem Glas Bier im Pub entstanden". Das ECOTRON ist das Vorzeigeobjekt der Forscher hier. Es besteht aus 16 voll klimatisierte Kammern, in denen man genau kontrollierte Experimente mit Tieren und Pflanzen durchführen kann. Kein billiges Vergnügen: allein der Unterhalt der Forschungsanlage kostet rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr.
Research Assessment Exercise
Eine Art britisches Uni-Ranking, bei dem Universitäten alle vier bis fünf Jahre von einem neutralen Kommittee fachspezifisch nach ihren Leistungen in der Forschung bewertet und dementsprechend aus einem Sponsorpool von rund 5 Milliarden britischen Pfund gefördert werden.
In den Kammern kann man Regen, Sonne, Wind, Bodenbedingungen, Luftfeuchtigkeit, ja sogar Morgen- und Abenddämmerung so einstellen, wie man es braucht – schier unerschöpfliche Möglichkeiten also, um das Zusammenwirken verschiedener Faktoren genau zu untersuchen. Henry arbeitet hier freiwillig, für seine Tätigkeit hier bekommt er nicht einmal einen Abschluss. Aber Publikationen möchte er schreiben. Und das dürfte bei solch einem groß angelegten Projekt auch kein Problem sein.
Überhaupt ist es beinahe unglaublich, wie viele "große" Wissenschaftler hier an diesem entlegenen Ort namens "Silwood Park" still und heimlich "Nature"- und "Science"-Publikationen schreiben, teilweise mit verblüffend einfachen Methoden und vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand. Läuft man durch den rund drei mal drei Kilometer großen Park, findet man zum Beispiel an manchen Eichenbäumen seltsame weiße Tüten über die Zweige gestülpt. Bei genauerem Hinsehen zeigt es sich, dass es sich um Insektennetze handelt, die Insekten daran hindern, ihre Eier an den Blättern anzuheften. Über einen langen Zeitraum, teilweise bis zu zehn oder zwanzig Jahre, wird so untersucht, welchen Einfluss bestimmte gallenbildende Insekten auf Blüten- und Fruchtbildung bei Bäumen haben.
Das Ecotron am Imperial College London
Eine von insgesamt drei weltweit existierenden Einrichtungen, an denen die Funktion natürlicher Ökosysteme unter voll kontrollierten Bedingungen untersucht werden kann. Vergleichbar mit den Mikrokosmen, die z.B. in der Meeresbiologie eingesetzt werden, kann man Stofflüsse in Ökosystemen messen, aber auch Klimaveränderungen und Schadstoffeinträge simulieren und prognostizieren.
Doch selbst der Forstweg, der sich durch den Park schlängelt, ist zum Forschungsobjekt geworden: Hunderte umgedrehter weisser Plastikbecher sind scheinbar wahllos über den Sandboden verteilt, jeweils im Abstand von 20 Zentimetern. Ziel des Versuches: Die Nester von Sandwespen ausfindig zu machen und deren Positionen über die Jahre hinweg genau zu verfolgen.
Manch einer mag nun über derartige "Spielereien" lächeln – doch hinter all dem versteckt sich harte Forschung, die jährlich von einem nationalen Bewertungskomitee auf ihre Effizienz hin überprüft wird. Und ganz nebenbei lernt man als Student eine wichtige Lektion: Wer die Natur untersuchen will, muss zunächst einmal lernen, wie man Experimente plant und auswertet. Er muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass man die ungeheure Komplexität natürlicher Systeme nur verstehen kann, wenn man sich einzelne Komponenten herauspickt. Und sinnvoller Weise nimmt man Komponenten, die leicht zu untersuchen sind.
Wie anwendungsbezogen viele der Forschungsprojekte hier sind, sieht man daran, dass zum Beispiel eine der größten britischen Studien zum Thema "gentechnisch veränderte Pflanzen" hier in Silwood Park ihren Ursprung genommen hat. Es werden aber auch die Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf Pflanzen untersucht, ebenso wie die Bedeutung der Artenvielfalt für Ökosysteme.
Von derartigen Experimenten ist man in Deutschland vielerorts noch weit entfernt – nicht zuletzt deswegen, weil die traditionelle Forschung innerhalb der organismischen Biologie in Deutschland noch immer beobachtend (deskriptiv) und nur wenig experimentell (analytisch) ist.
Das Arbeitsklima am Imperial College ist – entgegen naheliegender Vermutungen – alles andere als rau, auch darin liegt ein großer Unterschied zu deutschen Universitäten. Natürlich herrscht auch hier Konkurrenz, aber die malerische Umgebung, altenglische Herrenhäuser, Teestube, Bars und nicht zuletzt auch die Abgeschiedenheit des Campus führen dazu, dass ein herzlich-offenes Klima herrscht, in dem jeder sich kreativ und entspannt entfalten kann. Extrem gute technische Hilfskräfte und der ungezwungene Umgang zwischen Studierenden und Professoren fördern die Produktivität.
Das mag umso mehr paradox erscheinen, wenn man bedenkt, dass die meisten Forscher hier erst gegen halb zehn ihre tägliche Arbeit beginnen, und schliesslich sowohl vormittags, als auch nachmittags Teepausen sind, bis man sich dann bereits um 17 Uhr wieder im Pub trifft, um den Tag ausklingen zu lassen. Mancher mag sagen: ein Alptraum, wie kann man da überhaupt produktiv sein? – Aber vielleicht ist ja gerade diese Ruhe und dieses hohe Maß an positiven sozialen Kontakten ohne ausgeprägt hierarchische Strukturierung das Erfolgsgeheimnis, das sich hinter britischen Universitäten verbirgt.
Denn wer einen Abstecher zu den Eliteuniversitäten Oxford oder Cambridge macht, dem wird auch dort auffallen, dass die Stimmung, das Flair, die Atmosphäre dort etwas besonderes, "irgendwie altehrwürdiges" ist. Besonders im Sommer, wenn die Studenten in den historischen Innenhöfen oder am Flussufer dösen, Pärchen in romantischen Schlossgärtchen unter Rosen auf der Bank sitzen, und irgendwie die Zeit stehen geblieben zu sein scheint – dann fühlt man das Flüstern alter Mauern, jene Verschlafenheit und Abgeschiedenheit, die den Menschen schon seit Jahrhunderten geistige Spitzenleistungen entlockt hat.
Universität Oxford
Existiert seit 1100 und ist damit die älteste englischsprachige Universität der Welt. Der bekannte Physiker Robert Boyle (1627-1691) arbeitete hier an seinen Allgemeinen Gasgesetzen, Mediziner entdeckten den Blutkreislauf und das Antibiotikum Penicillin, aber auch der weltbekannte Verhaltensforscher Nikolaas Tinbergen lehrte in Oxford (Nobelpreis 1973).
Universität Cambridge
Eine der ältesten Universitäten der Welt. Über 60 Nobelpreise sind bereits an Forscher der Universität Cambridge vergeben worden. Namen wie Isaac Newton, Charles Darwin, Ernest Rutherford und Stephen Hawking sind nur einige der vielen weltbekannten Wissenschaftler, die hier studiert, gelehrt oder gearbeitet haben.
Links zum Thema
- Imperial College London
- Ecotron und Zentrum für Populationsbiologie
- Universität Cambridge
- Nationales Bewertungssystem für britische Universitäten
Zur Person
Christoph Scherber (25) schreibt derzeit seine Diplomarbeit am Imperial College London, Aussenstelle Silwood Park.
Literatur
- Crawley, M.J. . 1997 [Ed] Plant Ecology. 2nd Ed.. Blackwell Science. Oxford.Godfray, H.C.J. 1995. Evolutionary theory of parent-offspring conflict. Nature 376, 133-138.
- Naeem S, Thompson L J, Lawler S P, Lawton J H & Woodfin R M. (1994). Declining biodiversity can alter the performance of ecosystems. Nature 368, 734-737.A. Purvis and A. Hector (2000) Getting the measure of biodiversity. Nature 405: 212-219.
Kategorien
Themen: Studieren im Ausland

Wie Biologen in England forschen – Eindrücke aus den britischen Eliteuniversitäten.