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Neues im alten Medium

Nur die neuen Medien bieten noch Novitäten, oder? Nein, jetzt gibt es eine Neuheit in einem ganz alten Medium: in dem der Literatur. Es ist zum Trend geworden, dass Schauspieler die anspruchsvolleren Dichtertexte vorlesen, damit auch die anspruchsloseren (Ex-)Leser sie rezipieren können. Peter Kurzeck, eindeutig ein Autor, der in der Potter-Fangemeinde keinen Erfolg haben wird, bringt jetzt eine unerwartete Neuheit. Zusammen mit dem genialischen Supposé-Verlag hat er auf vier CDs einen Roman erzählt. Das Dorf seiner Kindheit ist nicht auf der Grundlage von Texten entstanden. Hier wird nichts vorgelesen, es ist das erste “Hörbuch” ohne Buchvorlage. Und, so die Kritiker: das ist vollends gelungen und faszinierend. Für die Novitätenverliebten: es ist zudem neu. (Eine Kategorie, die den Literaturliebhaber nicht interessiert. Aber Medienjunkies, die sich sonst der Literatur gar nicht erst widmen, haben jetzt ein zusätzliches Argument, dies vielleicht zu wagen.)
Blog-Tags: Literatur

Begriffsabrüstung 2: Innovation

Wir brauchen mehr Innovation, behaupten sogar die Konservativen. Begriffsabrüstung bedeutet in diesem Fall: der Jungen Union, dem RCDS, der Adenauer-Stiftung, der CDU/CSU und auch gleich dem ADAC einen Fremdwörterduden auszuleihen. Sie alle wünschen leider primär finanzielle Veränderungen (= Privatisierung) in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Sozialsystem — also eigentlich überall. Konservatives ist Bezogen auf erhaltenswerte Traditionen, ganz früher sogar auf die christliche Sozialethik. Daher verwundert die Hochrüstung des Begriffs Innovation zum konservativen Programmbegriff. Denn das Sozial- und Bildungssystem, traditionelles Wirtschaften und Forschen werden ja keineswegs erhalten, sondern radikal modernisiert. Innovation ist der radikalste Traditionsunterbrecher, ja Traditionszertrümmerer. So sagt es der Begriff! Das erstaunliche ist ja, dass die ehemals “Fortschrittlichen” (also Innovativen) heute die sind, die “traditionell” sind und bewahren wollen: sie sind also die neuen Konservativen. Aber was sind dann die ehemals Konservativen?
Blog-Tags: Zeitgeist

Begriffsabrüstung 1.2: Kreativität

“Begriffsabrüstung” muss eine Reihe werden, Herrn Dries danke ich für die kreative Leistung, diese erfunden zu haben. Allein der erste Begriff ist noch nicht endgültig abgerüstet, er ist ja der Scheinriese der Gegenwart. “Kribbeln im Kopf” von Mario Pricken ist ein Longseller im Bereich Design. “Kreativitätstechniken & Brain-Tools” ist leider der Untertitel. Den kann man nur damit entschuldigen, dass auch Werber — nicht gerade eine Berufsgruppe mit “brain” — das Buch kaufen sollen. Würde man einfach auf die U1 schreiben, was sich im Buch findet, wären die Begriffe abgerüstet: es geht um IDEENFINDUNG. Unter diesem Titel ist das Buch sogar sehr nützlich. Zum Glück kribbeln Ideen nicht im Kopf, damit würde man ja eher zum Fall für den Neurologen. Das Buchthema ist nicht zu verwechseln mit “Ideenmanagement”, einem weiteren noch nicht abgerüsteten Begriff. Manche würden zur sciencegarden-Blog-Begriffsabrüstungsreihe jetzt sagen: die ist wirklich “innovativ”. Aber die sollen sich hüten! Weil der Begriff “Innovativ” …

Museum der Nachdenklichkeit

Wer schon immer einmal ins schönste Museum der Welt wollte, der kann jetzt in Köln aussteigen. Gemeint ist nicht der Kölner Dom (mit den schönsten Kirchenfenstern der Welt, Gerhard Richter sei Dank), sondern das einen Steinwurf weiter gelegene neue Dommuseum “Kolumba”. Der Architekt Peter Zumthor hat um die Ruine einer uralten Kapelle herum ein Haus entworfen, das seine Besucher in meditative Ruhe versetzt. Alles ist hier überzeitlich. Statt vieler Kunstwerke auf wenig Raum, wie es der neue Trend der Best-of-Art-Shows diktiert, sind wenige Werke in großen Räumen verteilt. Und dies, fast wie auf den Gemälden von Raffael, in vollkommener Harmonie: Architektur, Kunstwerke, selbst der Ausblick sind wunderbar. Zwischen Mittelalter und Andy Warhol ist auch zeitlich der Raum weit. Wer den grandiosen Bau verlässt, steht mitten im quirligen Zentrum der Stadt. So ähnlich muss sich die Vertreibung aus dem Paradies angefühlt haben.
Blog-Tags: Museen

Das Lächeln der Bäckersfrau

Für L.M.R. Vorm Frühstück gibt es nur Interaktion mit einem Menschen: der Dame hinter der Bäckertheke. Ein sensibler Moment also. Ich gehe nicht mehr zum Bäcker, aus psychologischen Gründen. Nicht weil die Verkäuferinnen unfreundlich sind wie früher, sondern weil sie freundlich sind. Das ist doch eigentlich wunderbar: noch verschlafen ins lächelnde Gesicht einer schönen Verkäuferin zu schauen, fast wie in Frankreich. (Dort sind ja bekanntlich alle Frauen schön.) Aber genau die haben mich in eine Falle gelockt und nun esse ich täglich Müsli. Zum ordentlichen Frühstück gehörte sonst eine Alibischnitte Vollkornbrot. Dann aber: Ein helles Brötchen mit Nutella. Oft ging ich daher zum Bäcker und bestellte ein Brötchen. Und dies scheint, aus der Perspektive der Verkäufer(innen), so unerhört, dass sie anfingen, mich in Privatgespräche zu verwickeln. Erst noch zurückhaltend: „Das ist nicht viel.“, sagte mir eine junge Dame. Aber schon am nächsten Tag: „Ihre Frau ist sicher verreist, oder?“. Da ich nicht darüber Auskunft geben wollte – sie isst Müsli – schwieg ich einfach. “Ach, Sie leben sicher allein.” Ich bin jetzt der Kunde, der täglich ausgehorcht, kommentiert oder gleich erzogen wird. „Ein Brötchen, davon können Sie doch nicht satt werden!“ meinte eine sonst umgängliche Dame zu mir. Die neue Verkäuferin drehte es so: „Ja, da sieht man es, deshalb bleiben Sie so schlank, nur ein Brötchen. Reicht völlig aus.“ Das ganze Frühstück quälte mich mein schlechtes Gewissen und Nutella kaufe ich jetzt nicht mehr beim Bäcker, sondern verborgen im Supermarkt. Heute aber war ich das letzte Mal beim Bäcker. Die Diskriminierung dort übersteigt das für mich im Halbschlaf aushaltbare Maß. Auf meine Bestellung von einem Brötchen sagt ein junger Verkäufer (!) vor umstehenden Kunden zu mir: „Noch immer solo, was? Na, essen Sie mehr, dann kommen Sie zu Kräften!“

Nieselgrieselnovember

“Samstag ist Selbstmord” sangen Tocotronic einmal: und der Blick raus in diesen November lässt einen so eine Zeile gleich verstehen. Warum darf man eigentlich nie übers Wetter reden? Den ganzen Tag habe ich mir eingeredet, übers Wetter dürfe ich nicht schreiben, das sei “kein Thema”. Da gerät man in den Verdacht, nur Smalltalk abzusondern. Dabei prägt das Klima ungemein: Menschen haben Beschwerden, wenn es zu kalt, zu nass, zu heiß ist. Die Kleidung und geistige Getränke unterscheiden sich, sobald man die Klimazone wechselt. Über Wolkenformen, Terperaturfühligkeit, den Wechsel von Sonnenschein und dicken Wolken, Farbverläufe des Himmels, weite Ausblicke nach einem Regen und die Jahreszeiten sind Gedichte geschrieben, Musik komponiert, Bilder gemalt, Fotos gemacht worden. Nur REDEN darüber soll oberflächlich sein? Völlig falsch! Im November zum Beispiel ziehen sich die Farbwerte so sehr aus der Landschaft, dass Menschen schwermütig und antriebsschwach werden. Manche hören auf ihrem iPod allein aus Protest gegen das Wetter nur noch Shakira, in Kolumbien gibt es keinen Herbst. Jeden morgen und jeden Abend am Bahnsteig zu frieren (“die S9 hat ca. 15 bis 20 Minuten Verspätung, wir bitten um …”), das ist nicht oberflächlich, sondern es friert einen bis auf die Knochen. Das ist existenziell, darüber muss man doch sprechen! Frauen frieren ja immer, aber jetzt frieren alle — ein Verschärfung der Lage. Könnte man gegen ein nieselregengraues Deutschland eine NGO gründen, ich wäre dabei. Natürlich ist das quatsch, aber nur Fantasielose flüchten in die Realität (meinte Arno Schmidt). Dem Thema sollten sich die Klimaleute einmal ordentlich widmen: ihnen fehlt im Nebenfach die Psychologie. Dabei hat die Wettervorhersage oft schlimmere Folgen als ein Horoskop. Und an schlimmen Tagen, da stimmen sogar beide.

Verlage bedrohen die Buchkultur

In meinem Briefkasten lag heute kostenfrei ein Buch, das mir der Verlag zusendet mit der Bitte, Feedback zu geben. Verlage wenden sich an Dozenten, weil die Multiplikatoren sind. Das ist gängig und kein Problem. (Warum sollen nur Journalisten Bücher geschenkt bekommen?) Aber langsam platzt mir der Kragen: Gerade die Fachverlage schaffen ihre Lektorate ab, und was man dann zu lesen bekommt, das ist von seiner Form und Stilistik katastrophal. Nun liegen diesen Büchern Fragebogen des Verlages bei: “Wo werden Sie dieses Buch einsetzen?” Ich möchte an alle Verlage ohne Lektorat zugleich verkünden: ICH VERWENDE DIESE BÜCHER GAR NICHT. Der Bildungsauftrag der Dozenten besteht darin, Studierende vor diesen “Fachbüchern” zu schützen. Wer nicht richtig zitieren kann, sollte lieber nicht schreiben. Wer Kurzliteraturhinweise benutzt, die im Literaturverzeichnis nicht zu finden sind, kann sich die Quellenangabe gleich sparen. Wenn Verlage tatsächlich die improvisierten Grafiken der Autoren gleich abdrucken, ohne diese in die Hände von Grafikern zu geben, dann kann dabei nichts rauskommen. Die Misere ist aber keine, die die Autoren verursachen. Gerade in der Wissenschaft gilt: Verständlich schreiben können die Autoren nur selten. Es gibt Verlage überhaupt nur deshalb, weil das Büchermachen zwangsläufig eine Koproduktion ist: Autoren, Verleger, Lektoren, Vertrieb, Buchhandelsvertreter, Buchhändler. Der ärgerliche Mist, der sich zwischen Buchdeckeln auch ehemals renommierter Verlage findet, bedroht inzwischen die ganze Branche. Diese Druckerzeugnisse unterschreiten von der Form das Niveau von Vordiplomsarbeiten. Hausarbeiten mit einer solchen Zahl an Fehlern, müsste ich mit “mangelhaft” bewerten. Wie soll man mit solchen Büchern lehren? Warum dafür noch Geld bezahlen? Den Verlagen scheint die Gefahr noch nicht bewusst zu sein: Warum sollten Autoren nicht zukünftig einen freien Lektor bezahlen und ein ordentlichen pdf selbst online stellen? Das ist billiger als die Druckkostenzuschüsse und es ist besser im Ergebnis. Nicht das Fernsehen und das Internet bedroht die Buchkultur, sondern Verlage, die “Produktmanager” statt Lektoren beschäftigen. Dabei heraus kommen leider nur schlechte Produkte, aber nicht mehr gute Bücher.

Blog-Tags: Lehre

Kant? Nie gehört …

Der Philosoph Immanuel Kant hat seine Pflichtethik so präzise ausgearbeitet, dass einem angst und bange wird. Nach der Lektüre der “Kritik der praktischen Vernunft” ist man überzeugt: Auch nachts, wenn weder Autos noch Polizisten drohen, muss man brav warten, bis die Ampel auf Grün springt. Vernunft zeigt sich eben durch pflichtgemäßes Handeln. Nun: Bis Köln ist der Königsberger nie gekommen. Die Stadt zeigt einen von jeder Pflichtethik unberührten Alltag. Im Stehcafé, in dem ich jeden mittag meinen Kaffee trinke, gibt es jetzt ein Angebot. Vor 12 Uhr sind Croissant&Kaffee preiswerter. Dafür gibt es keinen Stempel in die Bonuskarte. Um 12:01 Uhr müsste es mit dem Angebot also vorbei sein, folgt man Kant. Ich allerdings habe allein deshalb noch keinen einzigen Stempel in meiner Bonuskarte, weil das Angebot — in der typischen kölner Interpretation — auch um 13:20 irgendwie noch gilt. Ich zahle also weniger und bedanke mich preußisch korrekt. (Ich gebe dann den Rest natürlich als Trinkgeld.) In Köln geht alles, Hauptsache man erwähnt niemals “Prinzipien”, auch ein Begriff von Kant. Prinzipienerwähner werden nämlich scharf mit “Sie” angesprochen (sonst in Köln völlig unüblich) — und dann gibt es auch um 11 Uhr nicht mehr den Angebotspreis. Dann gibt es vielleicht gar keinen Kaffee, sondern Hausverbot. Wer sich also anpassen kann an Köln, der lebt wie auf einer Insel: ohne Kant, ohne störende Pflichtethik im Kleinen, ohne die weit entfernte Idee, fünf sei eine ungerade Zahl. Deshalb ist Köln eine der beliebtesten Studentenstädte — die ganze Stadt gibt sich, als hänge man auf dem Sofa einer Fachschaft ab. Und es gibt schlimmeres …

Tratschwellen schädigen das Nervensystem

für Petra, Sandra, Stefanie …

Die ganze Welt ist von der Beschleunigung erfasst … die ganze Welt? Nein! Eine von unbeugsamen Persionären besetzte Sportstätte hört nicht auf Widerstand zu leisten: das öffentliche Schwimmbad. Für Familien gibt es Event-Bäder. Für richtige Männer Hanteln oder Downhill-Bikes. Aber wohin mit den schönen, kultivierten jungen Damen (also die mit chronischen Rückenproblemem)? Die wollen schwimmen, aber leider an dem Ort, an dem Pensionäre baden wollen. Die einen befeuchten die Haut unterhalb des Halses, die anderen wollen ihre Rückenmuskulatur stärken. Das ist etwa so, als würde die Bundesbahn alte Dampflogs und ICE zugleich einsetzten wollen. Nichts ist gesünder als schwimmen — aber nichts ist widerständiger als Pensionäre. Nichts ist also gesünder als schwimmen — aber nur für die Pensionäre. Diskutieren zwecklos. Sieben Mal pro Woche von sieben bis neun, sonst werden die krank und vereinsamen (oder umgekehrt). Würden sie weichen, die Welt würde noch schneller. Die jungen Damen müssen es als ZEN-Meditation nehmen, sonst droht Gefahr für Leib und Seele. Nicht aufregen! Die Schwimmbäder könnten aber Warnschilder aushängen: Vorsicht Tratschwellen …

Managementkompetenz, lieber nicht

Manager bekommen 40 Millionen Euro Abfindung, wenn sie den Karren in den Dreck fahren. In Deutschland wird man, wenn man dann vor Gericht kommt, frei gesprochen. Warum will man eigentlich deren Kompetenzen auch außerhalb der Konzerne? Und sogar in der Wissenschaft? Noch schlimmer: Sogar in den Verlagen. In der deutschen Buchkultur werden die Lektoren langsam aber sicher zu “Produktmanagern”, also zu Marketingexperten, die dafür nicht ausgebildet wurden. Die denken dann über Geld nach, statt über Texte. Wissenschaftler, die dafür nicht ausgebildet wurden, sollen jetzt Manager werden. Unsinn! Ohne Lektoren gibt es keine guten Bücher, und die unlektorierten Fachbücher, die man in die Hände bekommt, beweisen das auf traurigste Weise. Kein Wunder, dass weniger gelesen wird. Wenn sich die Wissenschaftler der Zukunft mehr mit Maliks Managementphrasen beschäftigen als mit der Wissenschaft, dann haben wir bald gut organisierte Lehrstühle: allerdings ohne Forschungsinhalte. Und die sind dann vollends überflüssig. (Die BWL in St. Gallen natürlich ausgenommen). Wissenschaftler brauchen eine Befreiung von Organisationsaufgaben, die Institute brauchen also Geschäftsführer, die NICHT forschen: Damit die Forscher wieder forschen können.
Blog-Tags: Management

Fürs Leben lernen 1: Poker

„Man muss smart sein und mutig. Man muss sich ganz auf das Spiel konzentrieren, und deshalb hilft einem Poker, alle Probleme, die man hat, für ein paar Stunden zu vergessen.“ sagt der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo. Er ist 70, in der Bronx aufgewachsen und keiner schreibt besser. Poker ist „in“. Alle Studenten spielen es, sogar mit ihren Eltern. Erst im Spiel, so schrieb Friedrich Schiller, ist der Mensch ganz Mensch. Später kam der Homo ludens hinzu. Aber Hand aufs Herz: wer dachte an Poker? Ein Moralphilosoph würde fragen: Welche Eigenschaften sind nötig, um ein Spiel zu gewinnen? Ein Soziologe: Was sagt es über die Gesellschaft, wenn ein Spiel zur Massenbewegung wird? Um beim Poker zu gewinnen braucht man Beobachtungsgabe, gute Rhetorik und Eiseskälte des Gemüts. Vereinfacht: man muss lügen können. Andere müssen taxiert, hinters Licht geführt und schließlich besiegt werden. Es ist natürlich nur ein Spiel, was einen nicht daran hindert, anderen das Geld abzunehmen. Um das auch noch zu legitimieren gilt eine der unmoralischsten ethischen Regeln: Spielschulden sind Ehrenschulden. (Es ist also kein Spiel!). Poker ist also kein Spiel unter Freunden, deshalb spielt man lieber mit Unbekannten. Also im Internet oder auf Turnieren. Warum wird nicht Schach zum Trend? (Und endlich wieder zum Schulfach?) Nicht Glück, Rhetorik und Geld sind maßgebend, sondern Strategie, Intelligenz und Gedächtnis. Aber halt! Schach war im Ostblock verbreitet, also in Diktaturen. Es machte die Leute klug, und nur sehr kluge Leute überlebten den real existierenden Sozialismus, obwohl sie klug waren. Sie sahen nämlich die Schachzüge der staatlichen Organe voraus. Im Kapitalismus aber ist Klugheit gar nicht nötig um zu erkennen, dass es nur ums Geld geht. Nicht die Stasi bedroht uns, sondern Geldmangel. Und für diese Kultur reicht Poker völlig aus. Smart sein, mutig, vergessen können – die Tugenden von heute.

Weiß ist das neue Silber

Von meinem Küchenfenster aus schaue ich auf einen Parkplatz. Die letzten Jahre waren die meisten Automobile, die dort standen, silbern. Ein silbernes Auto symbolisierte lange die deutsche Variante der Feigheit. „Da macht man nichts falsch!“ Der Widerverkaufswert sei höher. (Das war der Grund und leider nicht der legendäre Silberpfeil.) Eine Frage der Ästhetik wird also im Lande Friedrich Schillers wieder einmal durch Nützlichkeitserwägungen verhunzt. Meine Eltern wollten vor zwei Jahren einen weißen VW Polo verkaufen. Jeder zweite Anrufer sagte: Nein, ein weißes Auto käme nicht in Frage. Der Wagen ging also unter Wert weg. Jetzt blicke ich auf den Parkplatz und sehe immer mehr weiße Autos. Die Autoverkaufsshows haben den Trend angekündigt: Weiß ist das neue Silber – und zwar bei Limousinen! Ich sah schon: einen Scheingeländewagen von Porsche in weiß, einen großen BMW-Komi, sogar einen großen Mercedes. In Südeuropa fahren die kleinen Leute weiße Kleinstwagen, es ist heiß dort. Aber große Autos haben Klimaanlagen, weiß ist da eigentlich nicht nur unpassend, sondern auch überflüssig. Die Fahrer großer deutscher Autos machen sich also die nächsten Jahre damit lächerlich, dass sie schöne Autos in einer unpassenden Farbe fahren. Porsche, Mercedes, BMW, Jaguar, Lexus, Land Rover, wahrscheinlich bald Ferrari in weiß! Die Farbe suggeriert Reinheit. Ein Auto aber mit 400 PS kann niemals rein sein. (Und wer 100.000 Euro für ein Auto ausgibt, kann keine weiße Weste haben.) Die Waschanlagenbesitzer werden sich freuen! Im Ausland wird man lachen. Menschen ästhetischen Geschmacks, gestern noch über die Monokultur silberne Autos klagend, werden weiter leiden müssen. Schön sind in Zukunft also die Fahrräder, nicht die Autos. Und zu hoffen bleibt, dass nicht bald auch die umweltfreundlichen, reinen, schwarzen (!) Gazelle-Hollandräder in weiß lackiert werden, nur weil Deutsche es wünschen.

Den Kulturpessimismus versalzen

“Ilsebill salzte nach.”, so der erste Satz von Günter Grass’ Der Butt. Es ist, so will es die Jury aus Fersehmoderatorin, Richterin, Handballtrainer und anderen, der schönste erste Satz der deutschen Literatur. Völlig berechtig, egal, wer in der Jury sitzt. Die, die Grass nicht mögen, hassen meist die auf Krawall gebürstete “öffentliche Person”. Aber ein Blick in seine Romane, wenn sie ihn wagen würden, wird auch sie in Verzücken setzen. Es hätte aber dennoch auch ein anderer Satz werden können, es gibt sehr viele schönste erste Sätze. Patricia Highsmith hat nicht ohne Grund über die Energie, die Schriftsteller eigens für den Romaneinstieg verwenden, einen schönen Essay verfasst. (“Der erste Entwurf” in Über Patrica Highsmith, Diogenes, Zürich: 1980) Aber egal welcher Satz nun prämiert wurde, der Wettbewerb schleift vor allem Kulturpessimisten die Schneidezähne ab. 17.000 Menschen haben sich beteiligt und Begründungen eingereicht. Ja, Sie lesen richtig: Siebzehntausend lesen und lieben nicht nur die deutsche Literatur, sie schreiben sogar darüber. Sehr schade, dass es dazu am Ende dann doch eine FERNSEH-Gala geben musste, aber was solls. Auch Fernsehzuschauer können dann nicht mehr ignorieren, dass andere lieber nicht verpassen, was sie verpassen würden, wenn sie das Fernsehen einschalten. Große erste Sätze zum Beispiel in endlos vielen grandiosen deutschen (!) Romanen. Wie den von Irmgard Keun aus Nach Mitternacht von 1937, ein Exilroman: „Einen Briefumschlag macht man auf und zieht etwas heraus, das beißt oder sticht, obwohl es kein Tier ist.“ Hätte auch gewinnen können, oder? Aber doch gut, dass Grass gewonnen hat, es ist nämlich überfällig, endlich über sein Werk und nicht nur über seine Person reden, lesen und schreiben zu können. (Für Grass Fans ist der gerade erschienene Briefwechsel mit Uwe Johnson empfehlenswert.) Günter G. ist der einzige deutsche Autor nach Goethe und Thomas Mann, der im Chor der Weltliteratur laut mitsingt. Das wird jeder nachempfinden, der mehr als die Zeitung und mehr als den ersten Satz liest. Im Butt geht es nämlich weiter: “… Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: ‘Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?’ Ich, das bin ich jederzeit. …” Also auch noch der beste zweite Satz, usw.

Gerontologisches Wochenblatt

Am Kiosk gibt es viele Zeitungen, früher hat man (vielleicht aus Gewohnheit) auch DIE ZEIT gekauft. Das ist leider vorbei. Zum einen gibt es die FAS — darin finden sich lesenswertere Beiträge. Zum anderen bin ich zu jung geworden. Die 80-jährigen haben die ZEIT übernommen, angeführt von Helmut Schmidt. Der doziert und schreibt nur über sich. Das ist interessant, aber nicht im redaktionellen Teil. Und nicht jede Woche. Dann sind da noch andere Redakteure, die geistig-habituell 80-jährige imitieren: also auch nur noch über sich selbst schreiben. Oder über ihre großartige Zeitung. Da ich die Autoren nicht persönlich kenne, hat das aber keinen Mehrwert. Die Aussage, wie unglaublich wichtig DIE ZEIT ist, bleibt schließlich leer. “Beschreiben, nicht behaupten!” lautet doch eine journalistische Tugend. Ich wollte eine Sammlung dieser selbstbezüglichen ZEIT-Passagen angelegen, aber die wächst so schnell, dass ich wieder aufgeben musste. Der Leser ist ein Gewohnheitstier: ich traure der ZEIT also auch nach. (Dieter E. Zimmer oder Gunter Hoffmann, beide sehr lesenswert!) Aber Dreizwanzig für eine versteckte, informative Spalte des Redaktionspraktikanten? Einen Text in einer Zeitung suchen, der nicht in den ersten vier Absätzen den Autor selbst thematisiert (und in den folgenden die ZEIT lobt)? Nein, nein — die ZEIT lese ich erst wieder, wenn ich alle Redakteure persönlich kennen gelernt habe, dann lassen sich Selbstaussagen zuordnen. Früher war der RHEINISCHE MERKUR keine ernsthafte Konkurrenz, inzwischen ist es aber die anregendste Wochenzeitung, die am Kiosk ausliegt. Vielleicht erscheint dort eines Tages der Nachruf auf die ZEIT …

In die Schule gehen

Ist Sprache eigentlich verräterisch? Neulich hörte ich einen Bachelor-Studenten, wie er seine Kommilitonen "Mitschüler" nannte. "Schüler?", fragte ich. Er wusste nicht, worüber ich mich wunderte. Das ist natürlich einfacher auszusprechen, vom Schreiben abgesehen. Tja, so gehts. Auch gibt es keine Fragen nach dem Inhalt von Seminaren mehr. Was denn klaussurrelevant sei, wie hoch der Workload, wieviele Creditpoints es gebe, zum Beispiel für "Mediensoziologie" oder "Kreatives Schreiben". Das Vorlesungsverzeichnis sollte also eigentlich gleich als Quartett erscheinen: "Medien" schlägt "Habermas". Finde ich alles nicht schlimm, mein Studium liegt hinter mir. Nur: Es sollten doch bitte andere Leute unterrichten an den Hochschulen. Könnten die Quereinsteigerprogramme für Lehrer nicht gleich die Hochschulen mitversorgen? Die fällige Antwort auf "Schüler" sind "Lehrer" und nicht Professoren. Lehrer können besser unterrichten, dafür darf man sie schlechter bezahlen — ein Vorteil für die Hochschule. Die Lehre soll verbessert werden, es gibt also kein Gegenargument.

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