Kein Sexappeal

Um ein Buch zu empfehlen oder von ihm abzuraten, muss die Rezensentin zunächst eines: herausfinden, an wen es sich wendet. Doch damit fängt das Problem bei „Come in and burn out“ bereits an. Das Buch aus dem dtv-Verlag wird im Untertitel als „Denglisch Survival-Guide“ beworben. Es soll also einer des Denglischen nicht mächtigen Leserschaft helfen, sich im Nebel der Sprachvermischung und -verwirrung zurechtzufinden. Und weil diese Aufgabe ja banal erscheinen könnte, teilen die Autoren Jan Melzer und Sören Sieg das vonihnen zu bearbeitenden Territorium in 15 Dialektgebiete auf – vom Teenie-Denglisch („Checker chillen“) über Business- („Broker traden“) und Politik-Denglisch („Spindoctors committen“) bis hin zum Everyday-Denglisch (People smsen). So weit, so witzig.
Die Kapitel zu den einzelnen „Dialekten“ sind in sich jeweils aufgebaut wie ein Sprachführer: auf die „Schlüsselbegriffe“, die
offenbar verinnerlicht haben muss, wer in der beschriebenen Subkultur punkten möchte, folgen Grund- und Aufbauwortschatz sowie eine „Konversationshilfe“. Wenn Hunderte Stichworte mit Lautschrift versehen, einem Eintrag wie ‚chillen‘ fünf „Übersetzungen“ mitsamt Beispielsatz zugeordnet sind und die Konversationshilfen mal trocken à la „Jugendliche beherrschen die Kunst der fast nonverbalen Konversation in Vollendung. […] Das Wesentliche bleibt ungesagt, vermittelt sich aber trotzdem.“
und mal parodistisch wie beim Aufblasen eines normalen Telefonats ins Business-Denglische daherkommen, fühlt man sich zunächst gut unterhalten.
Zumindest die Freude an der Beobachtungsgabe und wohl auch dem
Einfallsreichtum der Autoren bleibt auch beim Weiterlesen bestehen. Zumal die Autoren ihren Definitionsparodien bei Einträgen wie „bad bank“ eine beachtliche Dosis kabarettistischer Bissigkeit beimischen. Aber die Wiederholung der immer gleichen Leier, das Springen von Stichwort zu Stichwort und das damit
verbundene Einlesen in Mini-Texte, deren Ende den Lese-Flow alle paar Sekunden jäh unterbricht, mögen kein anhaltendes Vergnügen aufkommen lassen.
An dessen Stelle zwängt sich die zu Anfang bereits gestellte
Frage durch die Lücken im Lesefluss: Wer soll „Come in and burn out“ lesen und warum? Im Vergleich zu den Veröffentlichungen Bastian Sicks fehlen den Parodien von Melzer und Sieg der unmittelbare Realitätsbezug und der teilweise kreischende
Humor, den wohl nur das wirkliche Leben produzieren darf. Als Stilschule – die es wohl auch nicht sein will – reicht „Come in and burn out“ nicht heran an die von Wolf Schneider mit all seiner Autorität kommentierten Pannen der versammelten schreibenden Zunft. Und als populärwissenschaftliches Werk zum Sprachwandel und anderen linguistischen Phänomenen würde der wirklich interessierte Laie wohl eher Dieter E. Zimmers „Deutsch und anders“ in die Hand
nehmen.
So bleiben als Leserkreis diejenigen übrig, die wirklich
einfach nur wissen möchten, was ein „Shit point“, ein „Booker“ ist oder ein „Longseller“ ist. Wobei das immer noch die Frage offenlässt, ob wir diesen Wortschatz nurpassiv, also zur Verteidigung gegen eine Denglisch sprechende Übermacht, oder
aktiv zum Haus- und Businessgebrauch lernen sollten. Das Autorenteam wusste die Antwort auch nicht, und hat stattdessen je ein lesenswertes Schlussplädoyer „pro“ und „contra“ verfasst. Leider nicht, ohne zuvor in seiner „Sehr kurzen Theorie
der Denglifizierung“ eine maximale Anzahl von Theorien zum Sprachwandel falsch in Anschlag gebracht zu haben. Lesen? – Hineingucken, herausfinden!
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