Thomas Manns Tagebuch lesen (Nr. 5)
Dienstag den 4.IV.33.
"Nach dem Frühstück Gespräch mit K. über die Zukunft der Kinder, namentlich die von Klaus, auch über unsere unsicheren Aussichten, und dass eigentlich unter den Freunden in der Welt sich hilfreiche, ein Heim bereitstellende Gönner finden müssten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wiesen nach Südfrankreich, Italien. Aber mein Wunsch, nicht von gewohnten Kulturbedingungen abgeschnitten zu sein, nach Zürich oder Winterthur."
Frühstück bei den Manns, bildungsbürgerliche Morgenlage: Zukunftsfragen, Sorgenkinder, Künstlermalaise. À première vue wird hier zu feinem „Thee" und importierter Orangenmarmelade auf hohem Niveau gejammert. Der Dichter präsentiert sich in seinen Aufzeichnungen als larmoyanter Familienkantor. Tief bürgerlich und doch längst vom Durchschnittsleben ausgemustert, erklingt – gewiss auch unter dem Eindruck derneuen Machtverhältnisse – sein Klagelied: Mögen uns die Gönner beistehen!
Wie Recht er damit hatte, und noch heute hat. Denn wofindet sie statt, die „Revolution der gebenden Hand", von denen der (längst auch finanziell) etablierte Schriftsteller Peter Sloterdijk unlängst fabulierte? Wo sind sie, die Mäzene, die bunte Plakate in Cafés und Universitäten aufhängen: „Biete wahlweise Stipendium/Haus am See/Ferienwohnungim Tessin für mittellose Poeten und Denker. Voraussetzungen: keine!"; wo die Vorstandsvorsitzenden und Finanzjongleure, die aus Unmut über zu viel spätrömische Dekadenz im Investmentbanking irrlichternde Renditen in Optionenauf freie Denk- und Arbeitsräume umwandeln? – für Menschen, die kaum mehr benötigen als einen bescheidenen Unterhalt plus Büchergeld und Laptop, um krisenresistentes (Welt-) Kulturerbe zu akkumulieren.
Frühstück 2010: Immer noch Zukunftssorgen. Was soll nur aus den Kindern werden? Statt Südfrankreich Drittmittelakquise mit Teebeutel. Mäzene, bitte melden!
Christian Dries (Philosoph)
