Automobile Männlichkeit
Aufklärerische Werbung versucht den Menschen beizubringen, ihr Automobil stehen zu lassen, Carsharing zu betreiben, das Auto zu verkaufen oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Das ist preiswerter, bequemer, es vereinfacht den Drogenkonsum und — vor allem — es ist umweltfreundlich. Stimmt alles. Aber selbst gegen rationale Argumente sperrt sich oft gerade das Geschlecht, welches vorgibt, rationaler zu sein: die Männer. Die Argumente laufen ins Leere, die Männer haben ungebrochene "Freude am Fahren". Warum bloß?
Es geht hierbei nicht um Logik, sondern um Psychologik. Der 18. Geburtstag ist (nicht nur in ländlichen Regionen) die entscheidende Statuspassage der Männerbiographie. Es ist der Tag, an dem der Junge endlich zum Mann wird; nicht weil er einen Drachen erlegt, sondern weil er den Führerschein erworben hat. In vielen Milieus sind Menschen ohne Führerschein weder Männer, noch ernst zu nehmende Menschen oder Erwachsene. Die "Fahrerlaubnis" ist in Deutschland konstituierender Bestandteil der Männerbiographie, sie ist basaler Identitätsbaustein. Wer die Fahrerlaubnis verliert — hier ist die Alltagssprache verräterisch! — muss zum "Idiotentest", der eigentlich Medizinisch-psychologische Untersuchung heißt. Männer ohne die Befugnis ein Auto zu lenken sind im Volk der Autofahrer also gleich Idioten? Ein mysteriöser Kurzschluss!
Die Ökobewegung sollte also weniger Sachargumente anbieten — die haben auf automobile Männlichkeit wenig Einfluss. Sie sollte anfangen, ein Männerbild zu dekonstruieren, in dem das Auto wichtiger ist als die Liebe, wichtiger als guter Geschmack oder (Umwelt)Ethik. Eigentlich könnte das erste ordentliche Fahrrad, der erste Kuss, der Augenblick, in dem man sein TV verkauft, die ersten rahmengenähten Schuhe oder der erste Whisky die Initiation für Männlichkeit sein. Auch das wäre nicht rational, aber psychologisch ein Fortschritt. Es würde die Damen mehr beeindrucken als ein Scheingeländewagen. Und es wäre: Umweltverträglicher!