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Massenproteste gegen Depression?

Die Zeit protestierender Massen ist vorbei, wird behauptet. Aber wenn ein Fußballer stirbt, sind sie wieder da. Zehntausende laufen auf die Straße, um der Öffentlichkeit ihre Trauer zu zeigen und auch, um gegen Menschenhandel und Leistungsdruck im Profisport zu protestieren. Das befremdet: Gibt es nichts Wichtigeres als Fußball? Sollten nicht die Menschen auf der Straße sein, wenn die Zahlen der Kinderarmut verkündet werden (oder auch der Manager-Boni)? Früher bewegten die Heiligen die Herzen, dann immerhin noch Philosophen, schließlich Künstler — heute Autorennfahrer, Fotomodelle und Fußballer.

Jeder Freitod ist ein tragisches Ereignis & das Thema Depression bedarf mehr Aufmerksamkeit. Aber das der Freitod des Torhüters ständig im Zusammenhang mit seiner verstorbenen Tochter durch die Medien geistert, das stabilisiert eine Ideologie. Nämlich die, Depressionen seien eben doch nur eine chemische oder biographische Störung und die Pharmaindustrie sei halt noch nicht so weit. Alain Ehrenberg hat in "Das erschöpfte Selbst" gezeigt, dass eine Gesellschaft, die jeden zur heroischen Selbstverwirklichung zwingt, Depressionen begünstigt. Da hilft kein Arzt. In der Repression des neuen Kapitalismus wird das "authentische Selbst zur Produktivkraft" — und der Preis dieses "erosion of character" (Richard Sennett) ist die Volkskrankheit Depression. Vielleicht wäre die Unkultur des Profifußballs eine Gelegenheit, darüber eingehend zu debattieren? Der Rest der Gesellschaft scheint nämlich genau diese Struktur zu übernehmen, bald sieht sich jeder — ob im Web 2.0, an der Uni oder im Betrieb — den Rankings ausgesetzt. Und erstrebens- und lebenswert ist es natürlich nur die Tabellenspitze. Die ganz oben leben in psychischer Lebensgefahr, die anderen sind Loser. Aber ist das die Gesellschaft, die wir wollen?

Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Mit einem Vorwort von Axel Honneth. Suhrkamp, Frankfurt/Main, Neuauflage: 2009

 

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