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jochen_hoerisch

Februar 2008

„Die Uni muss sexistisch sein“

Jochen HörischWie steht es um die Leidenschaft, die Sinnlichkeit oder gar Erotik in der deutschen Wissenschaft? Ein Gespräch mit dem Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch über die Untrennbarkeit von Wissenschaft und Emotion, liebestötende Hochschulstrukturen und mögliche, sinnenfrohe Gegenmaßnahmen.

sg: Herr Professor Hörisch, gehen wir gleich in medias res: Kann es überhaupt Wissenschaft ohne Emotion geben?

Jochen Hörisch: Nein, die kann es nicht geben. Man kann vielleicht Versicherungsvertreter werden, um gute Provisionen zu bekommen, oder Bauunternehmer, weil man reich werden will. Aber es gibt Berufssparten, die ohne Passion nicht denkbar sind. Wer rein rational und cool vorgeht, der ist bei Wissenschaftsbetrieben sicher schlecht aufgehoben – nicht zuletzt wegen des Berufsrisikos. Es dauert einfach sehr lange, bis man eine feste Stelle hat. Zudem geht es aber auch um das Wesen des Forschens: Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Wahrheit offen zu legen, die „nackte Wahrheit“. Auch gibt es die alte Frage, vor der sich der Mönch angeblich sieht: „aut liberi, aut libri“ – soll ich Bücher oder soll ich Kinder in die Welt setzen? Solche alten Scherze machen deutlich, wie – ich sage es einmal ganz bewusst – sexistisch die Universität sein muss. Die Begrifflichkeit, die sich um Erkenntnisvorgänge rankt, verweist klar auf Erotik und Sinnlichkeit.

sg: Ist das nicht romantisiert? Der wissenschaftliche Alltag sieht doch oft anders aus…

JH: Es ist in der Tat so, dass im organisierten Wissenschaftsbetrieb nicht jeder und jede den Typus des leidenschaftlichen Forschers verkörpert. Stattdessen stoßen Sie auf eine ganze Infrastruktur von Wissenschaftsbeamten und -managern. Das entscheidende Problem daran ist, wer das Sagen hat. Meine böse Diagnose lautet, dass sich die „Gremienprofessoren“ gerade in der Universität weitgehend durchgesetzt haben. An anderen Forschungseinrichtungen wie den Max-Planck-Instituten herrscht dagegen immer noch eher der Typus vor, and dem ich selbst leidenschaftlich hänge, etwas überspitzt: der erotische, der passionierte, der informelle Geist.

sg: Wie kommt das? Sind die Strukturen schuld?

JH: Ja, die Strukturen setzen heute eine Prämie auf den Typus, den ich für kontraproduktiv halte. So wird heute bei den Berufungsverhandlungen mittels Zielvereinbarungen festgehalten, wie man sein W3-Grundgehalt aufstocken kann. Da geht es dann um Drittmitteleinwerbung und die Übernahme von Funktionsaufgaben und so fort. Doch in dieser Liste steht nichts von einem wissenschaftlich wirklich bedeutenden Werk. Und das halte ich wirklich für einen Skandal. Die Strukturen sind so ausgerichtet, dass das Kerngeschäft einer leidenschaftlich forschenden Universität nicht mehr zum Zuge kommt: Nicht der Forscher in Einsamkeit und Freiheit ist die Idealfigur, sondern der, der Antragsprosa verfasst.

„Den jungen Leuten sollte man Freiheit oktroyieren.“

sg: Was unterscheidet denn eine Hochschule von heute von einer früheren Alma Mater?

JH: Ich gehöre nicht zu denen, die die Universität früherer Zeiten verklären. Es hat Tausende von Problemen gegeben: Kollegenstreitigkeiten, Feudalwesen, schreiende Ungerechtigkeiten. Was ich verkläre, ist die Leitidee der alten Universität. Das Modell vom 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war sehr einfach: Die Schule war „die Penne“, eine quasimilitärische Anstalt, und man sprang vor Freude in die Luft, wenn man Abitur hatte. Jetzt war man reif für die Freiheit: Die Studentenseligkeit begann, man konnte trinken, von den Eltern wegziehen, mal an diesem Ort leben oder an jenem. Die Uni war informell, es gab keinen Stundenplan, der Forscher war frei, aber der Student war es auch. Heute ist die Schule die positiv besetzte Zeit. Die Uni dagegen möchte man möglichst schnell hinter sich bringen. Das geht soweit, dass neu gegründete Universitäten heute „Schule“ heißen, etwa Law School oder School of Economics. Gerade den jungen Leuten zwischen 20 und 25 sollte man aber Freiheit oktroyieren. Das ist das Paradox, mit dem die Wissenschaft steht und fällt. Die Universität der Module und Credit Points ist eine Anti-Universität. Sie ist schlechterdings schon falsch gedacht.

sg: Haben wir als Gesellschaft nun nicht einfach das, was wir verdienen?

JH: Das Merkwürdige ist doch, dass wir behaupten, wir seien eine Wissensgesellschaft, deren Ressource die jungen, begabten Leute sind. Ob die neuen Studienreformen zu diesem Entwurf passen, möchte ich doch sehr hinterfragen. Es ist skurril: Nicht die Universität wird Modell für andere Bereiche wie Wirtschaft, Politik oder Verwaltung, sondern die Uni wird immer unternehmensförmiger. Wir haben nun seit 20 Jahren eine neue Form des Spätkapitalismus, ein Rennen im Hamsterrad, das viele fast besinnungslos mitmachen. Jetzt kann man doch einmal fragen: Was hat uns das gebracht? Alteuropa hat doch durchaus Grund, auf ein paar alteuropäische Tugenden stolz zu sein. Wir sollten uns den Luxus „Universität" gönnen und dazu auch stehen.

sg: Wie kann man das, was Sie wünschen – mehr Passion, mehr Erotik – in die derzeitigen Strukturen hineinbringen?

JH: Ich denke, die Universität ist dazu verdammt, unzeitgemäß zu sein. Sie lebt davon, dass Professorinnen und Professoren mit Studierenden in Kontakt sind und das machen, was man seit ein paar Tausend Jahren macht: sprechen, kommunizieren, Texte erörtern, experimentieren. Nötig ist eine „societas magistrorum et discipulorum“, also eine Gemeinschaft der Lehrenden und der Lernenden über Generationen hinweg. Die Lehrenden sollten an den Orten wohnen, an denen sie unterrichten. Man trifft sich in der Weinstube, im Theater oder bei einem Kollegen. Außerdem bin ich Fan von Tutorensystemen und des Faculty-Clubs in den angelsächsischen Ländern. Dort nimmt das Kollegium die Mahlzeiten gemeinsam ein und kommt dabei ins Plaudern. Eine wunderbare Art, die Kommunikation außerhalb der Lehrveranstaltungen, in der Lebenswelt, zu verstärken. Die Uni braucht aber auch eine ganz schlichte Studienreform, die vorsieht, dass der Professor, der nachgefragt wird, auch die bessere Ausstattung bekommt. Aber versuchen Sie mal, das umzusetzen…

sg: Woran scheitert das denn?

JH: Da habe ich eine böse These: Die Universität sollte der Ort sein, wo die Welt entschleiert wird, wo es keine Tabus gibt und man freimütig sprechen kann. Und genau das ist häufig nicht der Fall. Es wird an der Universität, ich will es ganz hart sagen, viel gelogen: Man schönt Statistiken, bastelt verzerrte Selbstdarstellungen. Jeder Kollege hält sich für den allerbedeutendsten. Das Problem ist nur, dass sein Nachbar das auch findet. Also lässt man sich in Ruhe. Und natürlich gibt es sehr viel zu verlieren. Dann tun wirkliche Reformen weh.

sg: Was empfehlen Sie Ihren Studenten, wie sie ihre Zeit unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglichst gut gestalten können?

JH: Wenn sie sehr gut sind, würde ich sagen: Geht zu den Begabtenförderungswerken, den Stiftungen, weil dort noch die Idee der alten Universität gelebt wird. So gibt es etwa bei der Studienstiftung Ferienakademien, bei denen man im Sommer 14 Tage gemeinsam mit Kommilitonen verbringt, über den Tellerrand schaut, ohne Zeitdruck, in schöner Umgebung. Wenn das nicht klappt, würde ich empfehlen: Organisiert euch informell, macht einen Jour fixe, lest und diskutiert gemeinsam. Wechselt – wenn ihr könnt – die Universität oder geht ins Ausland. Ich weiß durchaus, dass dies mit dem neuen System schwierig ist. Daher noch ein Tipp: Lasst euch nicht beschimpfen, wenn ihr acht statt sechs Semester braucht. Nehmt das selbstbewusst in Anspruch. Und auch auf die Gefahr hin, dass jetzt alle denken, ich sei völlig verrückt geworden: Wandert drei, vier Wochen gemeinsam! Imitiert wenigstens kurzzeitig die schöne Karikatur der Studenten des 19. Jahrhunderts.

„Seid fröhlich schizophren, wenn ihr Karriere machen wollt.“

sg: Und wenn man sich entscheidet, eine Laufbahn in der Wissenschaft einzuschlagen?

JH: Ich befürchte, dann muss man fast alles vergessen, was ich gerade gesagt habe. Dann lautet die Devise: Schreibt Drittmittelanträge, geht in die Gremien, macht das Ganze mit. Und wenn ihr im Herzen wisst, dass ihr das mit Ironie betreibt, dann kann das leidenschaftliche Programm realisiert werden, wenn ihr die Stellen habt. Also seid fröhlich schizophren, wenn ihr Karriere machen wollt. Aber vergesst Eure Intuitionen nicht.

sg: Soll man also Wissenschaft emotionaler gestalten?

JH: Ich kann nicht sagen: Liebt gefälligst die Universität. Emotionen zu verschreiben, wäre paradox. Man kann aber auf den emotionalen Untergrund des Universitätsgeschäfts aufmerksam machen, auf die Rolle der Intuition und des Gefühls. Und den jungen Leuten sagen, dass sie nicht verrückt oder psychiatriebedürftig sind, wenn die Muse sie küsst. Klar ist aber auch: Danach kommt die entsagungsreiche Kleinarbeit, dann muss man nachrechnen, gucken, ob die Argumentationsschritte stimmen. Also, Wissenschaft ist beides: harte, kalte, nüchterne Rationalität auf der einen Seite und der Rausch auf der anderen Seite – der Rausch der Erkenntnis, der Rausch der leidenschaftlichen Wahrheitssuche.

sg: Das klingt sehr schön! Sind Sie vielleicht neben dem Philologen auch ein so genannter Feuilletonprofessor? Oder ist das für Sie eine Beschimpfung?

JH: Überhaupt nicht. Das ist ein großes Kompliment. Die Komposita im Deutschen legen das Gewicht immer auf das zweite Wortbestandteil. Der Kochtopf ist ein Topf. Also muss der Feuilletonprofessor ein Professor sein. Und wenn wir, die wir gut alimentiert werden und Beamtenprivilegien genießen, unsere Ideen und Erkenntnisse nicht auch im Feuilleton, in der Öffentlichkeit, vertreten würden, dann hielte ich das für eine Unhöflichkeit. Aber ich wäre wahnsinnig beleidigt, wenn Sie mich „nur“ als Feuilletonprofessor wahrnähmen. Auch ich habe schwierige, schwer lesbare, wissenschaftlich hart abgerungene Bücher geschrieben und würde mich natürlich freuen, wenn auch diese zur Kenntnis genommen würden.

Das Interview führte Claudia Gerhardt
Bildquelle: Dennis Börsch, Hannoversche Allgemeine Zeitung

Links zum Thema

Zur Person

Claudia Gerhardt ist Redakteurin dieses Magazins.

Literatur

  • Hörisch, Jochen (2006): Die ungeliebte Universität. Rettet die Alma mater. München.
  • Hörisch, Jochen (2007): Das Wissen der Literatur. München.
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