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Dezember 2007

Was ist gute Forschung?

Technische Universität BraunschweigEin Interview mit Prof. Dr.-Ing. Jürgen Hesselbach zum Thema gute Forschung und Forschungsbewertung.

sciencegarden: Was ist gute Forschung?

Jürgen Hesselbach: Gute Forschung hebt sich ab von Routineergebnissen, gute Forschung bringt neue Erkenntnisse. Wurde etwas wirklich Neues entwickelt oder wurde eine Routinemessreihe zum 47sten Mal mit kleinen Veränderungen wiederholt, mit inkrementell kleinen, neuen Erkenntnissen? Kann man sagen, dass es ein Sprung in der Erkenntnishöhe ist? Dann ist es gute Forschung! Aber gute Forschung zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie dem Menschen nutzt.

sg: Was natürlich ein recht weites Kriterium ist …

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Hesselbach

Jürgen Hesselbach

JH: Erkenntnisse, die wir durch Forschung gewinnen, sind zunächst einmal etwas Wertfreies. Entscheidend ist, was man daraus macht. Und das ist schwierig zu bewerten. Nehmen wir als Beispiel den diesjährigen Preisträger des Braunschweiger Forschungspreises mit seiner Arbeit zur künstlichen Intelligenz für das autonome Fahren. Die Erkenntnisse, die er gewonnen hat, zeichnen sich durch ihre Erkenntnishöhe aus. Und sie sind auch nützlich. Sie können eingesetzt werden, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Sie können aber auch eingesetzt werden, um beispielsweise Militärfahrzeuge in Krisengebieten autonom fahren zu lassen.

sg: Ihr Beispiel zeigt das anschaulich für einen sehr anwendungsorientierten Fall. Aber was ist mit der Grundlagenforschung?

JH: Erkenntnis muss nicht sofort Anwendung nach sich ziehen, das wäre ja Unfug. Richtig ist, dass sich in angewandten Fächern die Anwendbarkeit leichter beurteilen lässt als in Grundlagenfächern, wo es Jahre oder Jahrzehnte dauern kann bis sie zur Anwendung kommen.
Nehmen wir ein Beispiel aus der Mathematik. Da löst ein Mathematiker ein Problem. Ja, sagt man sich, nett und intellektuell anspruchsvoll. Aber das war es dann auch. Ein paar Jahre später gibt es dann ein anderes Problem und siehe da, genau das Ergebnis wird benötigt und man kann es aus der Tasche ziehen.
Man darf also nicht zu voreilig Schlüsse ziehen. Der Trend geht dahin, Forschung sofort zu verwerten. Technologietransfer ist hier das Stichwort. Das ist auch durchaus richtig, denn Forschung im Elfenbeinturm völlig zweckfrei ist eine Illusion, das hat es nie gegeben. Staatlich finanzierte Forschung hat selbstverständlich einen Zweck. Sie hat den Zweck, eine Industriegesellschaft voranzubringen.

sg: Wie kann Forschungsbewertung grundsätzlich aussehen?

JH: Man kann zum einen den Input betrachten: Wie viel Geld wird in die Forschung investiert. Dies liefert zunächst keine Aussage darüber, welche Ergebnisse herauskommen.
Zum anderen kann man den Output bewerten, das heißt die Anzahl der Publikationen. Ich bin dafür, dass man sehr viel stärker auf die Publikationen schauen sollte. Aber wer kann das? Eine Hochschulleitung kann nicht qualitativ bewerten, sie kann nur zählen. Und wie aussagekräftig sind die Ergebnisse? Publish or perish, wir kennen das aus den USA, die Forscher und Forscherinnen sind einem starken Druck ausgesetzt, ihre Ergebnisse möglichst zahlreich und in möglichst angesehenen Verlagen oder Fachzeitschriften zu veröffentlichen, um ihr wissenschaftliches Renommee zu steigern. Genauso wie man Euros im Input zählen kann, können auch die Publikationen im Output gezählt werden. Um Publikationen objektiv bewerten zu können, müsste jeder einzelne Artikel bewertet werden. Das können wir als Hochschule nicht leisten. Dennoch, für mich haben Publikationen eine große Bedeutung.
Andererseits könnte man beispielsweise auch zählen, wie oft ein Artikel zitiert wird, aber Zählkriterien kann man leicht aushebeln, wie zum Beispiel durch so genannte Zitierkartelle.

sg: Gibt es in Ihren Augen eine Lösung?

JH: Der Trend geht zu einem Mix, und zwar aus einem Ranking, bei dem Kennzahlen ermittelt werden, und einer Evaluation. Man nennt das ganze Erating. Die Entwicklung steht erst am Anfang, es sollen qualitative und quantitative Bewertung verknüpft werden. Mit so einer Verknüpfung habe ich bereits zu Beginn meiner Amtszeit als Präsident an der TU Braunschweig begonnen.

sg: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

JH: Alle Fächer an der TU Braunschweig sind evaluiert worden, und das war spannend. Ich habe mich gefragt: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den qualitativen Bewertungen der Peers und den quantitativen Größen? In den meisten Fällen gibt es den tatsächlich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die viele Drittmittel einwerben und viele Studierende betreuen, wurden meistens auch gut bewertet.

sg: Wie sieht die Bewertung von Forschung und Lehre an der Universität sonst aus?

JH: An der Universität gilt vor allem die Landesformel: Die Zahl der Absolventen, die Zahl der Studierenden, wie viele Abschlüsse sind in der Regelstudienzeit zu verzeichnen, wie viele Drittmittel werden eingeworben, wie viele Promotionen angefertigt. Fertig und aus! Wenn diese Formel schon immer angewendet worden wäre, dann wären Forscher wie Einstein und Gauß, ein gutes Beispiel ist auch Kant, durchgefallen. Kant hat beispielsweise jahrelang nichts publiziert.
Solche quantitativen Faktoren sind nur Indikatoren. Man kann mit ihnen nur Auffälligkeiten feststellen: Warum wirbt ein Forscher sehr viele Drittmittel ein, aber in der qualitativen Bewertung bekommt er nur sehr schlechte Ergebnisse? Da muss man dann genauer schauen. Dies Beispiel zeigt, dass die ausschließliche Bewertung der Höhe der Drittmittel kein Bewertungskriterium für gute Forschung ist.

sg: Wie bewerten Forschungsförderungseinrichtungen, beispielsweise die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG), Forschung?

JH: Wer sich bei der DFG um eine Förderung bemüht, wird nicht nur nach seiner Idee bewertet, sondern es wird beispielsweise auch geschaut, was er publiziert hat.

sg: Ist dabei ein Trend festzustellen, weg von harten Kriterien, hin zu weicheren Faktoren?

JH: Ich glaube, dass die härteren Kriterien wichtiger werden. Ich mache es einmal an einem Beispiel fest: Ich war lange Jahre Sprecher eines Sonderforschungsbereichs (SFB). Zu Beginn der Laufzeit des SFB, vor über zehn Jahren, wurde akzeptiert, dass Ingenieure nicht so viel publizieren. Mit zunehmender Laufzeit des SFB, wird immer mehr bewertet, wie viele Publikationen über das Projekt erschienen sind, wobei die Gutachter natürlich nicht die Qualität der Arbeit betrachten. Man versucht immer stärker, die Bewertung in quantitative Gerüste zu packen. Die Kriterien werden aber dadurch nicht härter, sondern formaler.

sg: Was halten Sie davon, gesellschaftliche Relevanz als Bewertungskriterium für Forschung, beispielsweise einer Dissertation, zu verwenden?

JH: Das ist ein weites Feld … Heißt das, dass ich mit der Erkenntnis meiner Arbeit einen Fortschritt in der Gesellschaft erreichen will, oder heißt das, auch technologische Relevanz, wie die Umsetzung in Produkte und Verfahren? Ich bewerte eine Dissertation immer nach dem Erkenntnisgewinn.

sg: Gerade in Zeiten knapper Kassen: Welche Rolle wird Forschungsbewertung an der Universität zukünftig spielen?

JH: Zum einen werde ich stärker mit Zielvereinbarungen arbeiten. Wir sind im Moment dabei, eine Budgetierung einzuführen, das heißt jede Fakultät bekommt einen abgestimmten Geldbetrag. Der Hintergedanke ist, diesen Geldbetrag zu kürzen oder zu erhöhen.
Ein Thema, über das man unbedingt reden muss, wenn es um Mittelverteilung geht, ist nicht die Forschung, sondern sind die Studierenden. Ich muss die Studierenden angemessen ausbilden und betreuen können. Ich möchte, dass an der TU Braunschweig alle Studierenden eine gute Betreuung bekommen: unabhängig vom Studienfach. Und das kann unter Umständen heißen, dass Fächer mit einer schlechten Auslastung Ressourcen abgeben an andere, überlastete Fächer – unabhängig von einer Forschungsbewertung.

sg: Ihre Überlegungen zur guten Forschung: Was bedeutet das konkret für junge Wissenschaftler? Sollten Promovenden auf Kriterien für gute Forschung Rücksicht nehmen?

JH: Nein, das wäre falsch! Das Promotionsthema muss Spaß machen. Am besten ist es, wenn sich der Bearbeiter oder die Bearbeiterin das Thema selbst sucht. Ich habe mir damals überlegt: Was würde mir Spaß machen? Die Qualität einer Promotion hängt davon ab, wie sehr sie sich bei dem Thema austoben können. Bei stark anwendungsorientierten Themen ist das manchmal schwierig.

sg: Wenn ich Sie um ein Fazit bitten darf: Was ist gute Forschung? Wie bewertet man sie?

JH: Gute Forschung ist Forschung, die einen wesentlichen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. Forschungsbewertung kann nicht zufrieden stellend mechanisiert werden: Was gute Forschung bzw. gute Forschungsergebnisse sind, das zeigt sich häufig erst mit der Zeit.

Beitrag von Birgit Milius
Bildquellen: Andreas Bormann/TU Braunschweig; H. Gramann

Links zum Thema

  • Aufgaben und Biographie von Prof. Dr. Hesselbach
  • Webseite der Technischen Universität Braunschweig
  • Informationen zum Braunschweiger Forschungspreis

Zur Person

Birgit Milius is Redakteurin von sciencegarden.

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